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Der Israelit · 1893-03-31 · Heft 27-28 (31.3.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 27-28 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Seil. M M 27 8- 28 des „Israelit“. Leitender Artikel. Die Seßach-Kagada unter antisemitischer Lupe. E. Vor mehreren Jahren hatte Schreiber dieses eine Unterredung mit einem der ersten katholischen Ktrchenfürsten Deutschlands. Die Unterhaltung führte auch auf die Blutmär, welche den Juden den Gebrauch von Christenkinderblut für ihre Mazzos insinuirt, und es war auch von Interesse eine Aeußerung hierüber zu hören. Auf meine Frage, wie Se. Eminenz über diese Anschuldigung denke, erwiederte dieselbe lächelnd: Wenn ich diesen Wahn je getheilt hätte, so hätte eine einzige Erfahrung genügt ihn zu zerstören, die ich, als ich noch ein junger Priester in dem elsässischen Dorfe N. bei Straßburg war, gemacht habe. Dort lebte ein armer Mazzobäcker Namens Levy, dem ich oft bei der Bereitung der ungesäuerten Brode zusah. Derselbe lud mich einmal ein, ihn am Passah-Abend zu besuchen, wenn die ungesäuerten Brode gegessen werden, und ich nahm seine Einladung gerne an. Niemals werde ich den Anblick vergessen, den die Familie gewährte, wie ich am Pafsah-Abend unter sie trat. Es waren, wie gesagt, arme Leute, aber als ich an jenem Abend mich dem Hause des Herrn Levy näherte, und seine tiefe Stimme, begleitet von den hellen Sümmchen seiner Kinder mir entgegen klingen hörte, als ich die Thüre öffnete und sie da sitzen sah, umflossen von einem Seelenfrieden, gehoben durch eine Heiterkeit, verklärt durch die Bedeutung der Stunde, die sie feierten, da blieb ich betroffen an der Thüre stehen und murmelte den den Spruch für mich hin: Wahrlich, der Ewige ist an diesem Orte, und ich habe es nicht gewußt! Da lagen die ungesäuerten Brode, drei an der Zahl, da standen die bitteren Kräuter und noch andere Abzeichen, deren ich mich nicht mehr genau entsinne und eine silberne Taschenuhr lag in der Mitte, die ich mir nicht erklären konnte, und über deren Bedeutung ich mich zuerst informirte. Herr und Frau Levy sahen sich verlegen an und erröthend gab mir die letztere folgende Auskunft: Es ist bei uns Gebrauch, so einfach und frugal jeder auch sonst seinen Tisch führt, an diesem Abend alles Gold und Silber, das man besitzt, auf dem Tische aufzustellen. In meinem elterlichen Hause hatten wir silberne Pokale, Löffel, Gabel und Messer aufgelegt, aber wir besitzen gar nichts von Silber wie diese Uhr und deßhalb legen wir sie auf den Tisch, ß Ich erklärte meinen Wirthen, daß ich noch gerne eine Zeit bei ihnen bleiben möchte, wenn sie ihre religiösen Bräuche ohne gsne fortsetzen wollten, was auch acceptirt wurde. Herr Levy trug aus seinem Buche, von dem jedes Glied des Hauses ein Exemplar vor sich hatte, ein Stück nach dem andern in hebräischer Sprache vor, die Kinder übersetzten es abwechselnd der Reihe nach ins Deutsche, sie füllten die Becher, leerten sie, kosteten die bitteren Kräuter, die Mazza wurden in die Höhe gehoben und aus dem Buche erklärt, daß sie zur Erinnerung daran gegessen würden, wie die Väter ihren Teig beim Auszug aus Egypten nicht säuern konnten, so Plötzlich und ohne menschliches Zuthun sei die Erlösung gekommen, denn die Herrlichkeit, der Heilige, gelobt sei er, sei Israel erschienen, und habe es erlöst. Da unterbrach ich die Feier durch die Bemerkung, daß die Herrlichkeit Gottes nicht nur damals erschienen sei, sie sei wieder da, ich sähe sie leuchten, in den glücklichen Gesichtern, die diesen Tisch einrahmen, ich höre sie aus der Stimme dieser Sänger, ich ahne ihre Gegenwart in allen jüdischen Häusern der Diaspora, die in dieser Stunde ihr Pussahfest feiern. Dabei fiel mein sinnender Blick auf die durchbrochenen Mazza, die der Hausherr, der da wie ein König thronte, in seiner Rechten hielt, und als ob Herr Levy meine Gedanken errathen hätte, frug er mich: „Glauben Sie auch, daß darin Christenblut ist?" Wie ich mich damals schämte, daß es je Leute geben konnte, die diese Verleumdung ersonnen, geglaubt und verbreitet haben, das kann ich Ihnen gar nicht sagen. Ich konnte nichts antworten als: „Wenn Christenblut darin wäre, hätte die Herrlichkeit Gottes hier nicht Stätte genommen." — Mich empörte damals nicht so sehr die Niederttächtigkeit lener Blutlüge, als der Umstand, daß man sie gerade mit dem Passafest der Juden, mit dieser einzigen Manifestirung der Herrlichkeit Gottes, wie sie noch heute auf Ihrem Volke ruht, in Verbindung gebracht hat. Am nächsten Sonntag machte ich aus diesem Ergebniß eine Predigt, und schilderte meiner Gemeinde die jüdische Pasfahfeier und die Niederträchtigkeit, welche dieselbe durch das Blutmärchen verlästert. — Jetzt wissen Sie, wie ich über die Blutbeschuldigung denke. Dieses Erlebniß kam mir dieser Tage wieder in den Sinn durch die Lektüre eines antisemitischen Blattes, in dem der berüchtigte Apostel Paulus Meyer unter der Ueberschrift „Was beten die Judenin ihren Sy nagogen?" in erster Reihe über die Pesach-Hagada und dann über das Pesach- Machsor herfällt, und dieses sein wahnwitziges Unterfangen mit der bekannten Blutlüge zu begründen sucht.

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