Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-03-31 · Heft 27-28 (31.3.1893) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 27-28 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448342--36067-2484079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

507 zu erhalten. Wenn Du mich näher kennst, wirst Du auch wiffen, daß ich mich nie um Geldangelegenheiten gekümmert habe. Ich weiß nicht, ob ich so viel Geld besitze, als Du forderst, darüber muß ich selbst, meinen Deidelsheimer fragen. Hat er so viel bei sich, so soll er Dir's in Gottes Namen auszahlen, wenn nicht — so thu' was Dir beliebt; wenn Dich nicht Dein Gewissen daran verhindert, ich vermag es nicht!" — Einen Moment war ich völlig fassungslos. Ich hatte nicht mehr so viel Geld, als der elende Schurke verlangte, auch war ich überzeugt, daß Franz Tremtq, auch wenn er die Summe von uns erpreßt hätte, auch das von dem Markgrafen zu erwartende Blutgeld einhrimsen hätte wollen. Ich beabsichtigte vor allem Anderen Zeit zu gewannen und sprach: Wir sind, wie Du begreifen wirst, sehr überrascht. Das Eine kann ich Dir wohl jetzt schon sagen, daß wir nicht so viel bet uns tragen, als Du verlangst. Allein, wir befinden uns hier in der Nähe einer großen jüdischen Gemeinde, Du weißt es ja, die Jaden stehen einander in ihren Nöthen bei, laß' mich die Sache ruhig überdenken; komm' in einiger Zeit wieder, dann will ich Dir Bescheid geben. Entfliehen können wir Dir nicht! „Das weiß ich, Herr Deidelsheimer", hatte der Seiltänzer schon halb befriedigt, mit einem häßlichen Lächeln geantwortet. „Ich will Ihnen auch auf Ihren vernünftigen Vorschlag vernünftig antworten. Das Pack da unten, scheint nach dem wüsten Geschrei, das es ausstößt, ungeduldig zu werden, ich Hab' nach ihrer Ansicht, für die lumpigen paar Kreuzer, die sie meiner Frau in das Sammelbecken warfen, noch zu wenig mein Leben riskirt. Ich muß nochmals auf dem Seil nach der Thurmspitze zurückgehen, sonst sind die groben Klötze im Stande mir alle Knochen entzwei zu schlagen. In einer kleinen Viertelstunde bin ich zurück und hoff', daß wir unser Geschäft zu beiderseitiger Zufriedenheit abmachen werden. Es würde mich sehr schmerzen, gnädiger Herr Oberrabbtner, wenn Sie mich durch Verweigerung meiner Bitte zwingen würden, Sie, um meiner Frau und meiner sieben Kinder willen an den Markgr äsen ausliefern zu lasten. Der Unmensch wäre im Stande, Sie in martervoller Weise tobten zu lassen. So sprechend hatte sich der Seiltänzer wieder seine Schellenkappe angezogen, sich auf's Fensterbrett geschwungen und begann ein Weinglas in der Rechten, das Seil zur Thurmspitze zu besteigen." „Ich vermag es, treuer Josel, mich in Deine Lage zu versetzen," meinte Frau Dina als dieser, wie so oft während feiner Erzählung wieder eine kurze Pause machte, „was thatest Du?" „Was hätte ich auch zu thun vermocht? Ich setzte mich zum Rabbi an den Tisch, stützte meinen Kopf in beide Hände und zermarterte mein Gehirn ein Mittel zur Rettung zu ersinnen; aber all' mein Nachdenken war vergeblich, ich verzweifelte und trotz aller Bemühungen, vermochte ich es nicht zu verhindern, daß ich in lautes Schluchzen ausbrach. „Warum weinst Du, warum verzagst Du?" hatte unser Rabbi gefragt. „Wenn es Gottes heiliger Wille ist, wird dieser Roschel 2) uns nichts anhaben können." „Wie ist Hilfe möglich?" hatte ich gefragt, und darauf halte unser Rabbi geantwortet. „Wie? weiß ich nicht, aber jeschuas elokim beherif eiM,)." — Der Rabbi hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als ein markerschütternder Schrei vom Doifplatze herauf tönte, dem unmittelbar darauf vielstimmiges, wüstes Geschrei folgte, wir traten ans Fenster, der Rabbi halte Recht gehabt, Gott hatte in einem Momente geholfen, Franz Tremig lag mit zerschmetterten Gliedern am Boden; der Dorf-Chirurg, der sich unter den Zuschauern befand, war rasch an den Verunglückten herangetreten, hatte sich zu diesem niedergebeugt und sprach laut, daß man's auf dem ganzen Platze und daß auch wir es hören konnten: „Der ist mauslodt, den kann keiner mehr zum Leben erwecken, als unser Herr Gott am Tage des jüngsten Gerichtes!" „Das war unerwartete Rettung!" rief Rafael und Eva frug: „Was sprach der Vater?" „Jedes Wort, das von seinen Lippen tönte, gab von Neuem Zeugniß von seiner bewunderns« werthen Seelengröße, seiner Frömmigkeit, seiner Menschenliebe. Zuerst sprach er die Benediction, die der Jude bei dem Ableben eines Menschen spricht: Boruch dajon hoemmes3) und diese Worte erschütterten mich um so tiefer, als der undankbare Mansch, der seinen Lebensretter einem qualvollen Tode entgegen führen wollte, rasch den verdienten Lohn gefunden. Unmittelbar darauf sprach der Rabbi um unserer Rettung willen, die Lroed«, batow«- hametiw4), dann aber fügte er rasch hinzu: „Der unglückliche Mann hat eine Wittwe und sieben Waisen hinterlassen, geh' hinunter und gib ihr so viel, als wir eben entbehren können." „Wir können stolz sein, uns Kinder eines solchen Vaters nennen zu dürfen", sprach Eva zu Rafael, Deidelsheimer aber fuhr fort: „Auch in einem ungarischen Städtchen hatte ich kurze Zeit Todesangst ausgeftanden. Wir mußten uns dort des Sabbats wegen vierundzwanzig Stunden aufhallen, und ich begegnete einem mir 1) Bösewicht. 2) Gottes Hilfe kann in dem kürzesten Zeittheil eintreten. 3) Gelobt seist Du, wahrhaft gerechter Richter. 4) Segenspruch: Gelobt seist Du Allgütiger, Gnaden spendender.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.