Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 27-28 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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504 neue Hoffnung in ihrem Kreise wecken, denen man offen und versteckt die Freiheit verkümmert und die mitten in dieser Verkümmerung das Fest der Freiheit feiern, denen jede Gegenwart das Recht des Daseins bestreitet und die unentmuthtgt die Zukunft reklamiren! Auf Gottes Hilfe hoffen sie jeden Tag und wenn ihr Erlöser auch noch so lange zögert, sie leben der festen Ueberzeugung, daß er täglich kommen könne. Aber nicht täglich, stündlich harren sie sein, wenn in den Sedernächten das Gedächtniß der wunderbaren Erlösung der Väter sie um den Sedertisch versammelt. Wo in treuer Erinnerung Kinder an den Vätern und ihrem geistigen Vermächtniß hangen, haben sie ja dem Vorboten der einstigen Erlösung vorgearbeitet, „der das Herz der Väter den Kindern und das Herz der Kinder ihren Vätern zuwenden wird." Deßhalb hat die sinnige jüdische Sitte an den Sederabenden dem Propheten Elijahu einen besonderen Platz an dem Sedertisch reservirt. Sein Becher steht als N'a:n bv dd gefüllt da, und wartet des theuern, seit Jahrtausenden ersehnten Gastes. Heute Abend dürfen sie ihn erwarten. Heute sind sie seiner würdig. Wochen und Monate lang haben sie sich für diesen Abend vorbereitet, haben das ganze Haus nun in Stand gesetzt, damit wenn der prüfende Blick des Königs aller Könige wie einst in jener Nacht wieder über die jüdischen Häuser streift, er sie noch als die Seinen erkennen und schützend, segnend auf sie herabschane. Wenn sie an diesem Abend mit dem Brod, wie es die Väter aßen, auch ihren Geist in sich aufnehmen, wenn die Kinder fragend nach der Bedeutung dieses Abends zu den Eltern emporblicken, wenn die Eltern zu den Kindern hinabfteigen und ihnen die großen Eriösungswunder aus der jüdischen Vergangenheit erzählen, wenn so durch jede Frage und Antwort Eltern und Kinder einen neuen Knoten in diesem innigsten Band schürzen, das Menschen auf Erden mit einander verbindet, dann weilt Elijahus Geist in ihrer Mitte und sie dürfen ihn selber daher erwarten. Heute weckt das Gedächtniß des einstigen Tempelheiligthums keine Wehmuth in der Brust der Festgenossen, heute belebt seine Erinnerung die zuversichtliche Ueberzeugung, in welche das ganze Fest ausklingt: mroa mnoa anpa irva nja’ wn an« anpa irD'a. Daß der Allmächtige sein Haus bald, bald in unseren Tagen, bald wieder erbauen werde und in dieser nicht zu brechenden Zuversicht rufen die in alle Richtungen der Windrose zerstreuten Söhne Jerusalems, ihrer Mutter den Gruß zu: _______ *) o^anTa rwan *) Wir schließen hiermit die VII. Serie unserer Betrachtungen über die Hagada schel Peßach für dieses Jahr, um sie mit Gottes Hilfe im nächsten Jahre fortzusetzen. Zeitungsnachrichten und Vorrefpoudenzeu. Deutschland. Darmftadt. Der „Stadt- und Landbote" schreibt: „Die antisemitische Versammlung" dahier im Saalbau bot eigentlich Neues gar nichts. Herr Liebermann von Sonnenberg brachte in einer etwa 2^/zstündigen Rede die gewöhnlichen Vorwürfe gegen die Judenschaft zur öffentlichen Kenntniß, die man von den Hetzaposteln dieses Schlages schon zum öfteren gehört hat, wußte aber auch in gewandter, schlauer Weise durch eingestreute Witze und Anekdoten das Publikum zu fesseln und sich Beifall zu erringen. Wir wollen nur einzelne Sätze, die uns im Gedächtniß geblieben sind, etwas näher beleuchten: „Die Juden haben die Staaten dazu gebracht, daß sie Anleihen machen. Ein Staat sollte es machen, wie ein kluger Hausvater, keine Schulden machen, sondern die Ausgaben stets nach der Einnahme richten." Dann würde wohl Herr Ltebermann von Sonnenberg noch zu Fuß von Berlin nach Darmstadt wandern müssen. Eisenbahnen, Schifffahrtsverkehr u. n. a. dürften noch sehr im Anfangsstadium sich befinden, sollten diese erst gebaut werden, wenn der Staat das nöthige Geld dazu hätte. Und wie so viele Häuserbesitzer hätten sich von Herrn Ltebermann getroffen fühlen können? Sind sie nach Herrn L. v. S. kluge Hausväter, wenn sie noch Schulden auf ihren Häusern stehen haben? Wozu sollten denn die von dem mittelelrh. Bauernverein empfohlenen Kreditkassen dienen, wenn alle guten Hausväter keinen Kredit in Anspruch nehmen dürften? Wir sehen also, daß sich hier Herr L. v. S. gründlich geirrt hat. — Ein anderer Satz: „Die Juden hängen den Völkern ihren Wohlstand auf und wo sie wegziehen, lassen sie Völkerruinen zurück. Dieses sehen wir an Spanien und Frankreich." Es zeigt wohl von einem eigenthümltchen Geschichtsstudium, wenn man behaupten will, die Juden hätten Spanien (warum auch nicht Portugal?) zu einem armen Lande gemacht. Das ist denn doch wesentlich anders. Spanien war unter der Herrschaft der semitischen Araber ein blühendes Land und erst unter der fanatisch--klerikalen-christlichen Herrschaft eines Philipp II. ging es der Entkräftung, der Verarmung entgegen. Ergiebig ausgenutzt wurde durch Herrn L. v. S. natürlich der Panamaskandal in Frankreich. Da mußten Herz, Aron (Arton), Reinach und Eiffel gehörig herhalten, und mit vollem Recht, denn dieses waren Spitzbuben en gros. Aber warum denn die hohen christlichen Würdenträger, die sich haben bestechen lassen, mit Glacehandschuhen angreifen? Wer ist der Nichtswürdigste, der andere zu bestechen sucht, oder der, welcher sich bestechen läßt? Nach unserer moralischen Anschauung ist unter ihnen kein Unterschied.