Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 27-28 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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603 finnung stellt er an denjenigen in unserer Zeit, der ihn mit redlich erworbenen Mitteln decken und sein und seiner Lieben Dasein nicht mit Genüssen fristen möchte, die den unbestechlich richtenden Gottesblick nicht zu ertragen vermögen, welcher mit fürsorgendem Ernst auf unsere körperliche Erhaltung gerichtet! Welche rastlose Energie gehört dazu, in einer Zeit, die von Gott, seinen Anforderungen und seinem Beistand so wenig hält und dagegen die eigene Klugheit, das geschäftliche Raffinement, die Ausbeutung der Schwachen und Unwissenden so hoch anschlägt, welche unablässige Anspannung aller Geistes-und Körperkräfte gehört doch in solcher Zeit dam, sich das Bewußtsein lebendig zu erhalten h mb1? -ibw irftffn m, daß gerade dieser unser Tisch, die Art und Weise unserer leiblichen Nahrung Gegenstand ganz besonders göttlicher Waltung ist! Und gar der jüdische Tisch, der unter dem göttlichen Regime des mos und nmo, des ndd und -nna, des nsiD und "iteo steht, welche Entsagung, welche Hingebung erfordert er im Einzel-, im Familien- und im Gemeindeleben in unserer Zeit, die das Leben einst tzt, um die Mittel für das Leben zu gewinnen, in welcher der jüdische Pflichtenernst so tief im Kurs gesunken, ja zum Gelächter und Gespötte geworden ist, in der sich alles verschworen zu haben scheint, um die Reinheit des jüdischen Tisches an unerschwingliche Opfer zu knüpfen! Wer unter solchen Verhältnissen sich die heilige Weihe seines Tisches nicht rauben läßt, dessen Tisch wird ein Opferaltar, der für viele Verirrungen des Lebens sühnend einzutreten die Kraft hat. Seine höchste Weihe, seine herrlichsten Triumphe aber feiert der jüdische Tisch, wenn er am Pesachfeste als Sedertisch erscheint. Welche Opfer an Zeit und Lebensgemüthlichkeit, an Geld und Gut sind doch aufzubringen bis er gedeckt vor uns prangt! Und was bietet er als Ersatz für alle Mühen und Arbeiten, die das ganze Haus von der höchsten Gibelficst bis zum tiefsten Kellerwinktl umkehrten, um btc Sederabende würdig zu empfangen? Armseliges Skiavenbrod und bittere Kräuter! Aber es ist das Brod, wie es die Väter aßen, das die spätesten Enkel mit den Ahnen verbindet, und sie im Geiste das bittere Lebensgeschick der Väter in unverwelkltcher Frische immer aufs neue belebt, ja das nicht nur die zeitlich geschiedenen Jahrtausende, sondern auch die räumlich über das ganze Erdenrund vertheilten Festgenoffen in brüderliche Gesinnung eint! 'N ivh ni Das ist ein Tisch vor Gott und für Gott gedeckt, wie er nicht seinesgleichen auf Erden hat! Wie vor Jahrtausenden die Erlösungsnacht, so ladet noch heute ihre alljährlich wtederkehrende Gedächtnißfeier die späten Enkel der Erlösten zu einem großen Feste. Der Kreis der Festgenoffen hat sich erweitert, er reicht über das weite Erdenrund, aber das Festprogramm, die Tischordnung und die ganze Festesstimmung sind dieselben geblieben. Bei den Mitgliedern dieser großen Seder- Tafelrunde lebt das Gedächtniß des Festes, das sie feiern in so klarer Frische, als seien sie selber aus Mizrajim gezogen. An diesem Gedächtniß entzündet sich der alte Ahnengetst und ein Hauch derselben ergreift die Reihen der heiter-ernsten Festgenoffen. Es ist doch ein wunderbarer Stamm der jüdische! Hunderte von Jahren den Nacken gebeugt, den Geist getödtet, den letzten Funken Menschenwürde verlöscht, und das Ende? Sie feiern ein Fest! Jeder Au zenblick kann die Sklavenfeffel brechen, kann die Freiheit bringen, sie erwarten die Erlösung, die Lenden gegürtet, den Reisestab in der Hand, den Fuß gerüstet und keiner verläßt das Haus; sie feiern ein Fest! Die Freiheit kam, die Freiheit schwand, ist nun Jahrtausende wieder geschwunden. Ihre Verkünder leben machtlos, wehrlos, zerstreut über die ganze Erde, abhängig von der Gnade der Staaten und Länder, die oft kargten mit ihrer Liebe, die sie höhnten, quälten, verfolgten und — duldeten, aber als ob nichts in den Jahrtausenden vorgefallen wäre, sitzen wie damals die Festgenoffen an der großen Tafelrunde, essen dasselbe Brod, das ihre Väter im Lande Mizrajim aßen, mit denselben bitteren Kräutern, füllen die Pokale und leeren sie zur Verherrlichung der Freiheit, die in jener Nacht einst Gott den Vätern schenkte. Wohl haben die Enkel diese Freiheit eingebüßt, aber nicht die Zuversicht auf ihre Wiedererlangung. Tagtäglich knüpfen sie an die Erinnerung jener Ellömug aus Mizrajim die Bitte, um die ersehnte, letzte Erlösung vor allem sozialen, politischen und religiösen Druck und Leid und die unerschütterliche Ueberzeugung, daß dieser Bitte vom Vater der Menschheit sicher die Erfüllung wird, macht jedes jüdische Haus alljährlich zur Festhalle, jede Familie bis zu ihrem jüngsten Gliede zu Fcstgenossen, läßt alle als begeisterte Herolde der Freiheit die Kelche erheben zum Preise Gottes, der mit der Erlösung der Väter die der Enkel garantirt hat. Wahrlich das Wunder der Menschheiterlösung von allem Unrecht und Unglück verliert fast sein Wunderbares im Vergleich zu dem Wunder, welches die Verkünder dieser Zukunft bedeuten, die kein Druck, kein Hohn irre werden läßt an ihrem Ideal, die seit Jahrtausenden alljährlich, wenn in der Natur sich das neue Leben regt, mit der Feier ihres Stiftungsfestes neues Leben, neuen Geist und