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Der Israelit · 1893-03-27 · Heft 25-26 (27.3.1893) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 25-26 (27.3.1893)
Date
1893-03-27
Page
– (sequence 18)
Language
German
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494 Februar, wieder aus der Haft entlassen wurden und die Untersuchung gegen sie in Anbetracht ihrer vollkommenen Schuldlosigkeit eingestellt wurde. Die Bettlerin konnte nämlickr, nachdem sie vor Gericht gestellt worden war, anfangs gar nicht das Haus und nicht einmal die Gasse, wo der Mordversuch gegen sie verübt worden sei, angeben. Am 24. Februar wurde sie nun, von Gendarmen und Polizei begleitet, in die Judenstadt geführt, und dort fragte sie, ohne daß es die Gendarmen gleich bemerkten, einen Knecht, wo Tandler wohne. Hierauf bezeichnete sie das ihr von dem Knecht gezeigte Haus Tandler's als dasjenige, wo der Mordversuch gegen sie verübt worden sei; sie erzählte dann auch Einzelheiten des angeblichen Vorfalls und behauptete unter Anderm, Tandler, sein Sohn und der Taglöhner hätten Stricke gebracht und den Riegel an der Thür vorgeschoben. Als sie hierauf mit den drei Beschuldigten confrontirt wurde, wollte sie dieselben mit Bestimmtheit wieder erkennen und gab weiters an, der Vorfall habe sich am 27. Januar zwischen 11 und 12 Uhr Mittags ereignet. Die Lügenhaftigheit dieser letzteren Angabe stellte sich allerdings bald heraus, indem Tandler nachzuweisen vermochte, daß er am genannten Tage sich in dem zwei Meilen entfernten Kremsier aufgehalten hatte. Doch die Bettlerin änderte alsbald ihre Aussage erklärte, es ist vielleicht am 23. Jan. gewesen. Glücklicherweise konnte aber Tandler auch dies widerlegen und durch Zeugen den Beweis erbringen, daß er auch an diesem Tage nicht in Holleschau, sondern in dem mehr als zehn Kilometerentfernten Orte Freistadt gewesen. Um alle Umstände der von der Bettlerin vorgebrachten Beschuldigung aufzuklären, begab sich am 27. Februar die Gerichtscommission in das Haus des Tandler und ließ daselbst eine Diele des Fußbodens aufreißen. welche in den Erzählungen der Bettlerin eine Rolle gespielt hatte. Unter dieser Diele befand sich ein etwa 60 Centimeter langes und 40 Centimeter tiefes Loch, das zu einem früher darüber befindlichen Backofen gehört haben soll, und die Gerichtscommission stellte fest, daß dieses Loch nach seinem Zustande offenbar seit vielen Jahren leer und überdielt war. In Anbetracht dieser Ergebnisse der Untersuchung wurden David Tandler, sein Sohn und der Taglöhner noch am selben Tage aus der Haft entlassen. Trotzdem wurde aber die Aufreizung des Pöbels gegen den schuldlosen Mann und dessen Familie fortgesetzt. Am 26. Februar, Abends, als sich Tandler noch in Haft befand, wurde sein Haus mit Steinen beworfen. Am 27. Februar, Vormittags kam ein Fleischhauergehilfe in das Haus und forderte die gegenwärtig dort dienende Magd auf, das Haus zu verlassen; als die Magd sich weigerte, mißhandelte der Fleischhauer sie und drohte, sie und den Tandler zu erschlagen. Ja, durch die Freilassung der drei Verhafteten wurde der Pöbel sogar gereizt, und am Abend rotteten sich 60 bis 80 Bursche vor dem Hause Tandler's zusammen, wurden aber durch Gendarmen ausetnandergetrieben. Als die Ergebnisse der Untersuchung bekannt wurden, legte sich endlich die in so unverantwortlicher Weise unter der Bevölkerung hervorgerufene Aufregung. Welch verwerflicher Mittel sich aber die Agitation bediente, um der Gehässigkeit gegen die Juden immer neue Nahrung zu geben, beweist ein anderer Vorfall, der sich während der gegen Tandler geführten Untersuchung ereignete. Sonntag den 26. Februar Morgens, wurde in Holleschau das Gerücht verbreitet, daß die Tochter eines Eisenbahn-Bediensteten verschwunden sei, und gleich war man wieder mit einem neuen Verdachte gegen die Juden bei der Hand, bis Abends ein an die Eltern des vermißten Mädchens gelangtes Telegramm anzeigte, daß dasselbe sich zu den Großeltern nach Ungarisch-Hradisch begeben habe. Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzen. Deutschland. Berlin, 17. März. Im Reichstage brachten heute Freiherr v. Hammerstein und die sächsischen Conservativen Freiherr v. Friesen und Mehnert einen von 30 Conservativen unterstützen Antrag ein, die Regierungen um einen Gesetzentwurf zu ersuchen, welcher die Einwanderung auswärtiger Israeliten verbietet. DniwnDi onay tbh n Berlin, 19. März. Von hier wird geschrieben: „In letzter Zeit haben antisemitische Straßenjungen sich das Vergnügen gemacht, in der Friedrtchstraße „Fahrkarten nach Jerusalem, aber nicht zurück" in ärgernißerregender Weise feilbieten zu lassen, ohne daß dagegen eingeschritten worden wäre. Von privater Seite ist man vor drei Tagen dagegen beim Kaiser vorstellig geworden und schon am Freitag Nachmittag soll den Händlern das Handwerk gelegt worden sein. Wie ich mich persönlich am Freitag Abend überzeugte, waren in der That jene Rufe nicht mehr zu hören." Posen, 20. März. Zu argen Ausschreitungen hat sich vor einigen Tagen ein Schutzmann in einem Schanklokal in der Halbdorfstraße gegen einen Juden hinreißen lassen. Der letztere, welcher seinen Arm wegen einer Verletzung in der Binde trug, wurde nämlich ohne jede Veranlassung von dem etwas angetrunkenen Schutzmann, wahrscheinlich „im Scherz", vom Stuhl gestoßen, so daß der so Mißhandelte vor Schmerz laut aufschrie. Als er nun

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