Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 25-26 (27.3.1893)
- Date
- 1893-03-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Imeite Keil, ^u M 25 5.- 26 des „Israelit". Leitender Artikel. Kin neues Mutmärchen. Brünn, 7. März. In Holleschau in Mähren ist jüngst durch die gerichtliche Untersuchung ein Fall böswilliger Mordbeschuldigung gegen Juden zum Abschlüsse gelangt, der gerade durch die Ergebnisse der gerichtlrchen Untersuchung geeignet erscheint, die Gefährlichkeit des durch die antisemitische Agitation unter der ungebildeten Bevölkerung geweckten blinden Fanatismus deutlich zu beweisen. Wieder handelte es sich um ein mit gehässiger Verlogenheit erfundenes und verbreitetes Gerücht, das trotz seiner plumpen und handgreiflichen Unwahrheit doch die Bevölkerung Holleschau und der Umgebung wochenlang in Aufregung erhielt und die fälschlich Beschuldigten in die gefährlichste Lage versetzt hat. Nachdem die gerichtliche Untersuchung die völlige Grundlosigkeit der ausgesprengten Gerüchte ergeben hat und deßhalb eingestellt worden ist, erfahren wir über den in seiner Art höchst bezeichnenden Fall Folgendes: Am 19. November v. I. verbreitete sich in Holleschau das Gerücht, dah in dem Hause des Häute- und Schnittwaarenhändlers David Tandler eine drei Tage vorher daselbst in den Dienst getretene Magd Namens Caroline Staniek Nachts in ihrem Bette von mehreren, den jüdischen Jargon sprechenden unbekannten Männern überfallen, gebunden und in den Hof des Hauses geschleift worden sei, wo es ihr aber gelungen sei, zu entwischen. Die von der Behörde alsbald eingeleiteten Erhebungen ergaben, daß die Magd allerdings in der betreffenden Nacht gegen 1 Uhr mit gebundenen und etwas zerkratzten Händen zu einer Dienstvermittlerin gekommen war'mnd derselben die Geschtchte von dem angeblichen Ueberfalle erzählt hatte; aber es stellten sich zugleich Umstände heraus, welche bewiesen, daß die ganze blöde Altentatsgeschichte erlogen und zu bestimmten Zwecken erfunden worden sei. Trotzdem wurde die Mär in der nächsten Zeit von antisemitischen czechischen Blättern als angeblich wahr und mit verschiedenen gehässigen und aufreizenden Beisätzen weiter verbreitet. So erzählte z. B. der Belehard das Märchen unter dem Titel: „kanten in Holleschau". Die Moravska Orlice brachte in einem aus Holleschau datirten Artikel eine dem „Czech" entnommene Geschichte, daß im Jahre 1774 ein Dienstmädchen Namens Truka von einem Juden zu rituellen Zwecken gemordet und der Mörder hingertchtet worden sei. Auch tu dem antisemitischen „Znatmer Volksboten" wurde eine angeblich unaufgeklärte Geschichte erzählt, die sich vor zehn Jahren mit einer Victoria Blumenstein bei einer Frau Hertzka ereignet haben sollte, aber in diesem Falle mußte das Znaimer Antffemttenblatt von Frau He?tzka die Berichtigung aufnehmen, daß die Victoria Blumenstein nach Verübung eines großen Diebstahles flüchtig geworden, sich nach fünf Jahren freiwillig dem Holleschauer Gerichte gestellt hat und im Jnquisiten-Spitale in Ungarisch-Hradisch gestorben ist. Aber durch diese fortgesetzten Agitationen wurde in der Bevölkerung die Aufregung gegen David Tandler erhalten und genährt, und sieben bis acht Wochen nach dem 19. November kamen aus einem benachbarten Orte zwei Knechte eines als jungczechischer Agitator bekannten Brauers eines Morgens nach Holleschau und stießen vor dem Hause des Tandler gefährliche Drohungen gegen denselben aus. Ja, obwohl die behördliche Untersuchung die Unwahrheit der von der lügnerischen Magd erfundenen Geschichte klar dargethan hatte, wurde zu Ende Januar dieses Jahres gegen den bedauernswerthen Mann eine zweite ähnliche Beschuldigung erhoben, welche womöglich noch ungeheuerlicher als die erste war, aber trotzdem eine erneute Aufregung unter der Bevölkerung hervorrief. In den letzten Tagen des Januar, etwa am 27., ging ein Weib aus Buchlowitz bei Ungarisch-Hradisch in Holleschau betteln, und kurz darauf erzählte sie bei dem Gemeindevorsteher in Wschetul, sie habe in einem Hause gebettelt, wo man sie habe abschlachten wollen, und diesem Schicksale sei sie nur durch schleunige Flucht entronnen. Diese Erzählung der Bettlerin wurde der Gendarmerie mitgetheilt, welche die Anzeige bei Gericht erstattete, und es wurde nach der Frauensperson geforscht, welche erst nach längerer Zeit eruirt und zu Stande gebracht werden konnte. Dieses Weib richtete nun seine erlogene Beschuldigung gegen David Tandler, der dadurch neuen Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt wurde. Bei der in der Bevölkerung herrschenden gereizten und gehässigen Stimmung gegen David Tandler war es nur im Interesse seiner persönlichen Sicherheit, daß er sowie sein Sohn Fritz und der bei ihm bedienstete Taglöhner König am 24. Februar in Collusionshast genommen wurden. Der vom Holleschauer Gerichte streng und sorgfältig geführten Untersuchung, sowie dem Eifer ihres gewissenhaften Rechtsbeiftandes, des Holleschauer Advocaten Dr. Camillo Budik, hatten die des Mordversuches Beschuldigten es zu danken, daß sie schon nach drei Tagen, am 27.