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Der Israelit · 1893-03-27 · Heft 25-26 (27.3.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 25-26 (27.3.1893)
Date
1893-03-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beil. M J\s 25 & 26 des „Israelit". Leitender Artikel. Astl'wardt's Manama. Nachdem der ehemalige Gerichtsschreiber und nachmalige Antisemit Weiß seinem Patron Ahlwardt die unentbehrlichsten Handwerkskniffe abgelauscht hatte, etablirte er sich ebenfalls als „Enthüller", indem er eine kleine Schrift veröffentlichte, in welcher er keinen Geringeren als Ahlwardt selbst entlarvte. In diesem Büchlein steht neben vielen unsauberen Geschichten, sür deren Richtigkeit der Uneingeweihte eine Gewähr nicht übernehmen kann, auch die überaus belustigende Hiftoria zu lesen, von dem Lorbeerkranz der Frau Rektor. Die Frau Rektor Ahlwardt ist nämlich an den Geschäften, die ihr Mann betreibt, in hohem Grade interessirt. Sie soll lange Zeit die kansmännische Buchführung besorgt haben — Herr Ahlwardt hatte damals noch keinen Privatsekretär und noch hellte hat sie die Sirtffc der ansgetragenen Firma hinter sich. In ihrer Eigenschaft als Buchhalterin undstasfirerin machte die Frau Rektor eines Tages die niederschmetternde Entdeckung, daß die Zugkraft des Namens Ahlwardt bedenklich in der Abnahme bcgriffeil sei. Der Broschürenvcrtrieb fing an sich zu verstauen, lmd einzelne Versammlungen, in denen ihr Hermann mit Aufgebot seiner ganzen Erfindungsgabe die scheußlichsten Indenstreiche enthüllt hatte, waren herzlich schlecht besticht gewesen. Und nicht nur das: die Anwesenden selbst ließen es an dem üblichen Beifall mehr und mehr fehlen, .stürz, es stand außer Frage, daß Ahlwardt nicht mehr so zog wie früher. Er fing an „außer Mode" zu kommen, und wer weiß, welche schlimme geschäftliche statastrophc über die ehrenwerthe Familie Ahlwardt hereingebrochen wäre, wenn nicht die Frau Rektor sich als großes geschäftliches Talent in dieser kritischen Zeit bewährt hätte. Wenn ein staufmann eine beträchtliche Parlhie einer alten Waare liegen hat, sür die der bezeichnende Ausdruck „Ladenhüter" eigens erfunden worden ist, so wird er, falls er ein Heller, findiger stopf ist bemüht sein, durch eine geschickte Reklame die Aufmerksamkeit eines hochverehrlichen Publikums gerade auf diese Waare hinzulenken. Ganz ebenso machte es die Frau Rektor. Sie dachte sich in ihrem klugen Köpfchen einen originellen stnifs aus, mit dessen Hilfe es ihr gelingen konnte, die öffentliche Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße ans ihren Mann und dessen znngendrescherische Produktionen hinzulenken. Eines Tages erhielt der intime Freund des Hanfes, derselbe Meister Weiß, welcher hinterher, als sie bei der Beutetheilung einander in die Haare gerathen waren, urbi et orbi den gelungenen Scherz erzählte, von Frau Ahlwardt den Auftrag, am Schluß der nächsten Volksversammlung ihrem Manne einen mächtigen Lorbeerkranz auf's Haupt zu drücken — den sie selbst um ein Billiges bei Gelegenheit erstanden^hatte. Und also geschah es. Nachdem eines Abends Hermann, der „Befreier Deutschlands aus jüdischer Knechtschaft" seine höchste Verleumdungstriumphe öffentlich ausgespielt hatte, trat Herr Weiß aus den Cnlissen hervor und drückte mit einer warmherzigen Widmung im Namen des deutschen Volkes dem großen Volkstribun, der sich schämig wie ein Mägdlein etwas zierte, den Lorbeerkranz am den leeren Schädel. Das war etwas Neues, in einer Volksversammlung noch nie Dagewesenes. Schauspieler und Schauspielerinnen, Elowns, Seiltänzer und anderes fahrende Volk war wohl bis dahin des Oefteren zn Lebzeiten schon in dieser Weise ausgezeichnet worden; Politiker aber und andere Männer der Oeffentlichkeit waren in der Regel des Lorbeers erst nach ihrem >pode theilhaftig geworden. Im ersten Moment stutzte daher das Publikum, dann aber fand es die Idee ganz nach seinem Geschmack und brach in ein wieherndes Beifallsgejohle aus. Der originelle Vorgang erregte natürlich auch in der Presse großes Aufsehen, mau machte allerhand Witze darüber — aber man sprach anss Nene von Ahlwardt und weiter hatte die Sache ja keinen Zweck. Nun aber stellte sich als erheiternde Zugabe zu dem amüsanten Satyrspiel die Thatsache heraus, daß Ahlwardt das Nnhmesgcmüfe ganz nach seinem Geschmack fand. Ihn verlangte jetzt des Oefteren nach seinem Lorbeerkranz und da derselbe nun einmal vorhanden war, war die Erfiillnng dieses kindlich bescheidenen Wunsches mit Schwierigkeiten und Auslagen ja nicht verknüpft. Derselbe Lorbeerkranz tauchte von da ab in mehreren Versammlungen ans und that jedes Mal seine Dienste so gut, als ob er neu wäre. Auch auf die Reife nahm ihn Ahlwardt, der lorbeergekrönte Prcisfechter, in eine Pappschachtel wohlverpackt mit — zum nicht geringen Gaudium der biederen Provinzialen, die dadurch um eine Vorstellung bereichert wurden — nämlich um die Vorstellung eines „Politikers", der sich vor versammeltem striegsvolk im Aufputz eines Pfingstochsen präsentirt. Aus diesen Lorbeerkranz des Herrn Ahlwardt wurde in einer der letzten Reichstagsfitznngen von einem Redner mit milder Ironie angespielt, was aber dem braven Ahlwardt durchaus nicht angenehm war. Er verspürte den Drang in sich, darauf etwas zn erwiedcrn und so gestand er denn - Selbsterkenntnis; ist der Anfang aller Weisheit — befcheidentlich ein, daß er einen Lorbeerkranz zwar noch nicht verdient habe und daß er denselben erst dann beanspruchen könne, wenn der letzte Jude Deutschland verlasse und in Hamburg das Schiff besteige. In demselben Athemzng aber setzte er hinzu, daß die von seinen Gegnern bespöttelte Ueberreichung eines Lorbeerkranzes ihn seiner Zeit sehr gefreut habe. Die Erinnerung an den Lorbeerkranz verlieh der Phantasie des Reichstagsabgeordneten Ahlwardt einen geflügelten Schwung. Tolle Blasen stiegen aus in seinem Hirn und als er Tags daraus abermals im Reichstag erschien stand das Eine bei ihm fest daß er heute oder nie zu den übrigen Lorbeekränzen sich noch

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