Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 25-26 (27.3.1893)
- Date
- 1893-03-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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483 nach Orten zu gelangen, wo Glaubensgenossen lebten und wir die Ruhetage halten konnten. Als wir endlich deutschen Boden verließen, athmete ich etwas freier auf — aber zuweilen tauchte Gefahr da auf, wo ich dies am wenigsten erwartet hatte." „In welcher Art, in welcher Weise?" frug Rafael. „Zuweilen in der sonderbarsten! Das Erstemal war's in einem mährischen Dorfe. Wir waren eines Sonntags Mittag in dasselbe angelangt und der Kutscher, den wir für mehrere Tage gemiethet und der uns bis an die ungarische Grenze führen sollte, weigerte sich weiter zu fahren; wenn wir, so meinte er, als Juden, gestern den ganzen Tag geruht hatten, so habe er als katholischer Christ, das Recht und die Pflicht wenigstens Sonntag Nachmittag zu ruhen. Unser Rabdi fand dieses Begehren nicht nur billig, sondern lobenswerth und wandte darauf den Bibelspruch an: Ki chol hoamim jelchu isch beschem haschem elokow waanachnu nelech beschem haschem elokenu.2) Ich aber erkannte, daß nicht Frömmigkeit den Kutscher veranlaßle im Dorfe zu verweilen, sondern weil — gerade als wir ankamen — ein Bajazzo unter Trommelschlag und Tromprtenklang verkündete, daß Nachmittag der berühmte Akrobat Francesco Tremigo, der sich schon vor dem Papste, dem türkischen Kaiser und den Königen von Frankreich, Spanien und Dänemark mit dem größten Beifall producirt hatte, Nachmittags, mit seiner Truppe auf dem Dorfplatze eine große Vorstellung geben und noch nie dagewesene Kunststücke vorführen würde, und der Kutscher sich dieses Schauspiel nicht entgehen lassen wollte. Da in dem Dorfe kein Jude wohnte, wo wir Unterkunft finden konnten, blieb mir nichts anderes übrig, als von dem Wirthe für eine ziemlich große Summe, für die kurze Dauer unseres Aufenthaltes, ein kleines Dachstübchen zu micthen. Schon lange vor Beginn der Vorstellung, waren die Seiltänzer mit den Vorbereitungen zu derselben auf dem Dorfplatze beschäftigt, unter Anderem zogen sie ein Seil von der Spitze des dem Wirthshause gegenüberliegenden Kirchthnrms bis zu unserem Fenster, welches wir deßhalb offen lassen mußten. Wie Sie cs wissen, ist unser Rabbi stets geistig rege und wenn es auch zuweilen einem Fremden, der ihn nicht näher kennt, scheint, daß er gedankenlos vor sich hinstarrt, ist er doch stets mit religiösen Studien beschäftigt uud wiederholt in Gedanken einen der talmudischen Traktate, die er alle auswendig herzusagen weiß. Unser Rabbi saß am Nachmittage in dieser Beschäftigung versunken, in unserem Ztm- U.et 2) Es mögen alle Völker im Namen ihres Gottes wandeln^und wir wandeln in dem Namen des Ewigen unseres Gottes. Micha Cap. 4,*5B- 5. mer am Tische und ließ sich von dem geräuschvollen Treiben, den Jubel- und lärmenden Beifallsrufen bet einem besonders gelungenen Kunststücke nicht stören, während ich von Ungeduld über die Verzögerung unserer Reise verzehrt, nichts anderes zu thun wußte, als am Fenster stehend, die Produktionen der Truppe mitanzusehen. Der Hauptheld derselben war ein schlank gewachsener Mann, besten Alter aus dem Grunde nicht bestimmbar war, weil er sein Gesicht durch einige farbige Striche in komischer Weise entstellt hatte. Er trug eine mit Goldflitter verzierte Jacke, die auf einer Seite grün, auf der andern roth war und eben solche Beinkleider, nur daß bei diesen die Seite, wo die Jacke grün, roth und wo die Jacke roth, grün war. Am Kopfe trug er eine mit Schellen besetzte Narrenkappe, die bei jeder seiner Bewegungen klingelte. Die Kappe hatte eine eigenthümltche Form, während sie die Stirne ganz frei ließ, ging sie an beiden Seiten so tief herab, daß von den Ohren nichts sichtbar war. Nachdem der Seiltänzer uud die Mitglieder seiner Truppe mehrere Kunststücke ansgeführt, rief der Bajazzo, der dem Publikum immer ankündigte, was es demnächst zu sehen bekommen werde, mit wett tönender Stimme, jetzt zum Schluffe der Vorstellung würde der berühmte Francesco ll?rernigo von dem Kirchthurmfenster das, von diesem über die ganze Breite des Dorfplatzes bis zum Dachfenster des Wirthshauses gespannte Seil besteigen und in jeder Hand ein Glas Wein haltend, den Weg bis zum Dachfenster zurücklegen, dort angelangt auf der Fensterbrüstung eines auf das Wohl des gnädigen Herren Oberamtmannes leeren und nachdem er in das Zimmer getreten und sich dort wenige Minuten ausgeruht haben würde, wieder den Weg zum Thurmfensier zurücklegen, dort das zweite Glas auf das Wohl des Publikums leeren und auf dem Hin- und Herweg nicht ein Tropfen vergießen. Deidelsheimer hielt einen Moment inne und schüttelte leicht das Haupt, wie mau zu thun pflegt, wenn man von der Erinnerung an ein peinliches Ereigniß erfaßt wird, dann fuhr er fort: „Der Seiltänzer betrat hierauf in jeder Hand ein volles Glas haltend, am Thurmfenster das Seil und schritt auf diesem langsam dem Fenster zu, an dem ich stand, ja um die Wirkung seines Kunststückes zu erhöhen, setzte er zuweilen einen Fuß in die Luft, als ob er ausgleiten würde. Es wurde dies stets vom Publikum mit lärmendem Beifall begrüßt, während ich für diesen Menschen, der für geringen Lohn, sein Leben wagte, tiefes Mitleid empfand und es nicht zu erwarten vermochte, bis er glücklich durch das Fenster, an dem ich stand, eintreten würde und sogar entschloffen war, ihn