Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 25-26 (27.3.1893)
- Date
- 1893-03-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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4SI Nicht nur ein Lehrer, sondern jeder jüdische Mann und jedes jüdische Kind mutz wissen, daß die Aufrichtung des Gottesreiches, welche wir erhoffen, da kein Volk mehr gegen das andere das Schwort erheben und keine Kriegskunst mehr geübt und gelehrt wird, die Aufhebung aller nationalen Schranken und die brüderliche Vereinigung aller Völker und Stämme, die heute noch kampfgerüstet einander gegenüberstehen, in sich schließt. Ein solches Reich des ewigen Friedens zu erhoffen, da die Erde voll sein wird von Erkenntniß Gottes wie Wasser den Meeresgrund bedecken, das kann doch nicht dem Patriotismus und der Liebe zum Vaterlande widerstreiten, so wenig wie die Hoffnung auf ein besseres Jenseits uns hindert, unsere bürgerlichen Pflichten gegen König und Staat voll und ganz zu erfüllen. Hätte der Lehrer in diesem Sinne seinen Schülern unsere Zukunftshoffnungen beleuchtet, er hätte sich, unbeschadet seines Patriotismus, um seine Schüler ein Verdienst erworben und die religiöse Erkenntniß gefördert. Bedauerlich genug, wenn ein jüd. Lehrer statt aufzuklären und wahre Erkenntniß zu verbreiten, aus Unwissenheit nur Verwirrung und religiösen Zwiespalt in die jungen, empfänglichen Gemüther verpflanzt. A. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Am 19. März um 8 Uhr Morgens ist, 72 Jahre alt, der kaiserliche Rath Wilhelm Frankl nach langem Leiden gestorben. Ein ausgezeichneter Bürger Wiens, gehörte er während eines Decenntums dem Gemeinderathe an, zu dessen thätigsten Mitgliedern er zählte. Besondere Verdienste erwarb er sich zur Zeit der Ueberschwemmnng durch eifrige Hilfeleistung; das Zustandekommen der großen Markthalle und des Lagerhauses, wie der Franz-Josephs Stiftung ist mit dem Namen Frankl's verknüpft; ebenso war er als Bezirksschulrath unermüdlich thätig. Für so mannigfache Verdienste wurde Frankl durch die goldene Salvator- Medaille der Stadt und vom Kaiser mit dem Ritterkreuze des Franz-Josephs-Ordens und des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone ausgezeichnet. Zugleich widmete er seine erfolgreiche Thätigkeit den Interessen der israelitischen Cultusgemeinde, in deren Vorstand er sich als ehemaliger Techniker, um das Bauwesen besondere Verdienste erwarb; auch betheiligte er sich an der Schaffung der Religionsschule und wirkte als Vorsteher der „Frommen Bruderschaft". Jedoch kannte sein humanitäres Streben keine confessionellen Grenzen, und so blieb er in der Armenpflege der ganzen Stadt Wien unermüdlich: seinem concilianten Wesen und der überzeugenden Macht seiner Rede verdanken viele menschenfreundliche Schöpfungen Begründung und Förderung. Später zum Kammer- und Börsenrathe, endlich zum niederösterreichischen Landtags-Abgeordneten gewählt, zählte Frankl zu den thätigsten Männern des öffentlichen Lebens. Er hatte keinen Feind und wußte auch grundsätzliche Gegner durch sein uneigennütziges, charaktervolles Auftreten zu besiegen. Wenigen bekannt ist es, daß Frankl, ein Bruder des Dichters L. A. Frankl, auch auf schöngeistigem Gebiete sich versuchte. Ein Trauerspiel: „Der Grabstein", ist von ihm in Druck erschienen. Eine edle Charakteristik und freiheitliche Gesinnung zeichnen es aus. Dem geistig reich begabten Manne, dem jede Bürgertugend eigen war, wird ein dankbares Andenken erhalten bleiben.! i Tyrnarr, 15. März. Rohe Burschen haben sich"-die Ruhstätten unserer Eltern und Voreltern dazu erkoren, um auf denselben ihren Unfug treiben und alle Arten von Gaffenbübereien ausführen zu können. In einer der vergangenen Nächte stiegen mehrere solcher Subjecte über die Mauer unseres jüd. Friedhofes, schändeten mehrere Gräber daselbst beschädigten und zertrümmerten an zweiundzwanzig Grabsteine, zerbrachen auch mehrere Sargdeckel und kühlten auch an anderen Gegenständen dieses durch die Ehrfurcht des Todes geweihten Ortes ihr Müthchen. Es ist dieses seit fünf Jabren schon das dritte Mal. daß sich rohe Jungen unseren Friedhof dazu ausgewählt haben, um dort ihren Judenhaß öffentlich zeigen zu können. Leider ist es den Behörden bisher noch nie gelungen, diese Grabesschänder ausfindig zu machen. Bulgarien. Sophia, 14. März. DD’riN p yiDtp. Aus den Zeitungen werden Sie gewiß schon erfahren haben, daß unsere Gemeinde, welche nun, da sie sich in der Residenzstadt befindet, die Führerrolle bei ihren übrigen bulgarischen Schwcstergemeinden übernommen hat, nun neuerdings einen Concurs zur Besetzung des Postens eines Oberrabbiners (xrs.nä raddin) des Fürstenthums Bulgarien, mit dem ein fixes Einkommen von 8000 Francs verbunden ist, ausschretbt. Unsere Glaubensbrüder im Abendlande werden gewiß erstaunt sein zu vernehmen, daß die Juden Bulgariens, die sich doch erst vor wenigen Jahren von Dr. Jellinek in Wien einen Oberrabbiner haben empfehlen lassen, nun neuerdings auf der Suche nach einem Oberhirten begriffen sind. Zur Aufklärung diene nun Folgendes. Bald nachdem die Bulgaren sich aus Oesterreich einen Fürsten geholt hatten, entschlossen sich auch die Juden dieses Landes, sich gleichfalls ihr religiöses Oberhaupt Lus Oesterreich kommen zu lassen. Eine Deputation begab sich nun zu Dr. Jellinek nach Wien, um sich bei ihm in dieser Angelegenheit Raths zu erholen.