Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 25-26 (27.3.1893)
- Date
- 1893-03-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Zimmermann (Antisemit) erklärt, er halte es für einen Fehler, daß Ahlwardt gesprochen habe, ohne Beweise zu haben. Man müsse ihm aber Gelegenheit geben, die Beweise beizubringen. Es entspinnt sich dann, veranlaßt durch Rickert, der die Mitschuld der Konservativen an der Wahl Ahlwardt's und der jetzigen antisemitischen Bewegung nachweist, eine lange Debatte über die Arnswalder Wahl. Stöcker erklärt, Ahlwardt sei ein kleineres Uebel als die Freisinnigen; es sei ein hoher Kampf, eine Nation von 50 Millionen von der geistigen und finanziellen Knechtung durch 500,000 Juden zu befreien. Richter kennzeichnet die Art, wie Stöcker Ahlwardt zu Hilfe gekommen sei. Stöcker sei nur ein höherer Ahlwardt, und heute sei nicht nur über diesen, sondern über den ganzen Antisemitismus der Stab gebrochen worden. (Stürmischer Widerspruch rechts.) Als Richter ausruft: „Par nobile fratrum“ Stöcker und Ahlwardt, ruft ihn der Präsident zur Ordnung, denn das sei eine Beleidigung für Beide. > Stürmische Heiterkeit. Beifall rechts.) Lieb er mann v. Sonnenberg hofft, daß Ahlwardt in der Lage sein werde, seine Behauptung zu beweisen, aber mit oder ohne dies, die große nationale antisemitische Bewegung werde ihren Weg gehen. In der immer heftiger werdenden Debatte hält Richter dem Abg. Stöcker seinen Meineid vor und erregt dadurch stürmischen Widerspruch auf der rechten Seite. Ahl ward t beantragt, da Richter ein Mitglied des Hauses durch den Vorwurf des Meineids beleidigt habe, Vertagung der Sitzung und Einsetzung einer Kommission, um seine Beweise dafür vorzubringen. (Stürmische Heiterkeit.) Richter begründet seinen Vorwurf durch Darstellung der Sache und Verlesung des betreffenden Gerichtserkentnisses. Ballestrem bedauert als Berichterstatterder Vertrauenskomission, daß die Diskussion in dem zweiten Theile soweit vom eigentlichen Gegenstände abgeschweift sei. Ahlwardt sei sein Recht geworden und auch diesmal sei Recht Recht geblieben. Damit schließt die Debatte. Berlin, 21. März. Ingenieur Paasch aus Leipzig wurde heute Nachmittag 2 Uhr aus dem Untersuchungsgefängniß gegen Hinterlegung einer Kaution von 10,090 Mark entlassen, da die zuständige Strafkammer (entgegen dem Protest der Staatsanwaltschaft) einen Fluchtverdacht nicht für vorliegend erachtet. Der Vertheidiger Rechtsanwalt Hertwig holte den Freigelassenen aus dem Gefängniß ab. Berlin, 22. März. Gestern Mittag lenkte ein Aushang mit der Inschrift: „Wegen kriminalpolizeilicher Haussuchung bleibt das Geschäft eine Stunden geschlossen" die Aufmerksamkeit Vorübergehender auf die Höppner'sche Buchhandlung in der Krausenstraße. Wie das „Kl. Journ." erfährt, handelte es sich um die Beschlagnahme des Vexirbildcs mit der Ueberschrift: „Wo ist Rektor Hermann Ahlwardt, aller Juden Graus?" das zusammengelegt Ahlwardt mit der Unterschrift: „Juden raus" zeigt. Nach diesem Bilde, wie auch nach „Billets nach Jerusalem" wird jetzt in sämmtlichen Polizei-Revieren gesucht, um sie zu beschlagnahmen. Berlin, 23. März. Für Antisemiten lehrreich sind die Nachrichten über die Christenhetze in China. Auf der Insel Amoy sind wieder religiöse Aufstände vorgekommen, wobei ein christlicher Chinese getödtet und andere aus die Folter gespannt wurden. Ein Londoner Missionar mußte vor der fanatischen. Menge flüchten. Friedeberg, 22. März. Die Conservativen des Wahlkreises Frtedeberg-Arnswalde sagten sich in einer gestern abgehaltenen Versammlung von Ahlwardt los und drückten ihr Bedauern aus, ihn zum Abgeordneten gewählt-zu haben. (Die Nachricht wurde inzwischen dementirt.) Limburg a. d. Lahn, 22. März. (Aus dem jüdischen Veretrisleben.) Es wurde hier vor 3Jahren ein jüdischer Verein gegründet, der den doppelten Zweck verfolgt, Geselligkeit unter den Gemeindemitgltedern zu pflegen und andererseits wohlthätig zu wirken. In Erstrebung seiner Ziele veranstaltet der Verein an den jüd. Freudetagen Festlichkeiten und Verloosungen, deren Erlös an arme Glaubensgenossen unserer Umgegend regelmäßig vertheilt wird. Am diesmaligen Purimfeste feierte der Club unter zahlreicher Betheiligung sämmtlicher Confessionen sein IV. Stiftungsfest. Unter anderem kam auch bet dieser Gelegenheit ein noch nicht im Druck erschienenes Lustspiel in 4 Acten von M. A. Lazarus, (ein Onkel des Vereinsmitgliedcs H. Adolf Michel) zur erstmaligen Aufführung, welches reichen Beifall erntete, auf vielseitigen Wunsch soll das Stück zum Besten einer hier neu zu erbauenden Synagoge, die hoffentlich nach streng tradionellen Vorschriften eingerichtet wird, nochmals aufgeführt werden. Aus Baiern, im Monat Nissan. In einer großen Stadt unseres von der Pest des Antisemitismus noch wenig ergriffenen Landes, hat ein Lehrer seinen Schülern anläßlich des bevorstehenden Pesachfestes den Rath ertheilt, die Worte nN3n mtc6 n^Brra am Sederabend nicht zu sagen, weil dies angeblich dem Patriotismus widerstreitet und andererseits dem Antisemitismus neuen Stoff zu Anklagen gibt. Es ist traurig konstatiren zu müssen, daß ein Lehrer und Jugendbtldner, dessen Aufgabe es ist, religiöse Erkenntniß zu verbreiten, von dem Begriff und Wesen unserer Zukunftshoffnungen, die an Zion und Jerusalem anknüpfen, eine solche verkehrte und irrige Vorstellung hat, um derartiges behaupten zu können. Erst vor Kurzem wurde in diesen Blättern mitgetheilt, in welch' schlagender Weise der berühmte englische Geschichtschreiber Macaulay diese Anklagen widerlegt hat, als es sich darum handelte, den Inden in England die Emanzipation zu verleihen.