Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1893)
- Date
- 1893-03-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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463 Volk eine seiner großen Aufschneidereien vor, die in antisemitischen Volksversammlungen stets so gewaltiges Aussehen erregen. Der Mann hält sich, seit er wegen seiner verlogenen Judenflintenbroschüre zu mehrmonatlicher Gefängnißstrafe verurthcilt wurde, offenbar für eine Capacität in militärischen Dingen. Aus diesem Grunde schnitt er auch im Reichstag wieder die Frage der Bewaffnung an, wobei ihm dann die Behauptung entschlüpfte, daß von einer Firma Coppel in Solingen an Löwe u. Co. 60,000 Flintenläufe geliefert worden seien, welche die ttaliensche Regierung schon früher als unbrauchbar zurückgewiesen hatte. In einer antisemitischen Volksversammlung würde eine solche „Enthüllung" ungeheueres Aufsehen erregt haben und es ist mehr als wahrscheinlich, daß bei diesem Anlaß dem tapfern Ahlwardt seitens seiner Getreuen eine stürmische Ovation bereitet worden wäre. Nicht so im Reichstage. Dort nahm Niemand den grotesken Vaterlandsbefreier ernst und als sein Kollege Zimmermann ein: „Hört! hört!!" dazwischen rief, um auf das Bedeutsame der Ablwardt'schen „Enthüllung" ganz besonders aufmerksam zu machen, fing Alles an zu lachen. Dem Herrn Kriegsminister konnte man es unter solchem Umständen kaum verargen, daß er auf die neue Ahlwardt'sche Lüge kein Wort der Entgegnung hatt'. Und doch war das falsch. Lügnern wie Ahlwardt muß man immer und immer wieder entgegentreten. Bet jedem Anlaß, der sich bietet, mutz man sie als Lügner entlarven, muß man ihnen mit der Fackel der Wahrheit ins Angesicht leuchten. Bei der Leichtgläubigkeit der fanatisirten Massen können solche gewissenlose Menschen viel Unheil anrichten. Hinterher mochte wohl auch Herr von Kaltenborn-Stachau zu dieser Ueberzeugung gelangt sein. In der Sitzung vom 11. März gab er eine Erklärung ab, durch die Ahlwardt in jeglichem Betracht Lügen gestraft wurde. Der Kriegsminister betonte ganz besonders, daß die von der Firma Löwe u. Co. gelieferten Waffen „so kriegsbrauchbar und so vortrefflich seien, wie überhaupt irgend eine Waffe, die unsere Armee gegenwärtig in der Hand h a t." Die Behauptung, daß eine Solinger Firma 60,000 Läufe an Löwe u. Co. geliefert habe, sei absolut falsch, da eine Firma in Solingen gar nicht an der Lieferung theilgenomm e n habe. Als im Reichstage in so vernichtender Weise gegen ihn zu Felde gezogen wurde, war Meister Ahlwardt natürlich nicht da. Der Mißerfolg seines ersten parlamentarischen Auftretens hatte den eitlen Mann verschnupft. Er lechzte nach Beifall und Anerkennung und war deshalb in die Provinz gegangen, wo die guten Leute noch naiv genug sind, selbst die handgreiflichsten Lügen, wenn sie nur im Brustton der Ueberzeugung vorgetragen werden, für wahr zu halten. Drei Tage später war er dann allerdings wieder zur Stelle. Vor Eintritt in die Tagesordnung ergriff er das Wort zu der Ankündigung, daß er beim Militäretat eine Antwort auf die ihm widerfahrenen Angriffe ertheilen werde. Der Abgeordnete Hermes konnte stch's nicht versagen, hier den scherzhaften Zwischenruf anzubrtngen: „Das wird ja ein welterschütterndes Ereigniß werden!" — worüber das Haus natürlich lachen mußte, da Ahlwardt in diesem Augenblick ein gar zu verdutztes Gesicht machte. Der Herr Vorsitzende rügte geschäftsordnungsmäßig den Zwischenruf des Abg. Hermes und verblüfft trat Ahlwardt ab. Nachträglich ärgerte er sich natürlich, daß er sich hatte verblüffen lasten. Das war doch sonst nicht seine Art. Er fand nun, daß es doch eigentlich ganz nett gewesen wäre, wenn er den Abg. Hermes mit einer boshaften Bemerkung abgefertigt hätte — und da fiel ihm ein ganz hübscher Treppenwitz ein. Des andern Tages konnte man in der „Staatsbürgerzeitung" lesen, Ahlwardt habe dem Abg. Hermes zugerufen: „Die Hanswurste melden sich schon, bevor ich üverhaupt das Wort ergriffen habe." Natürlich war das eine ganz niedliche Fälschung; indeß auf eine mehr oder weniger kommt es nicht an. Die antisemitischen Leser glauben das, was in der „Staatsbürgerzeitung" steht, für sie ist Ahlwardt ein schneidiger Volksvertreter, der sein Mandat gar energisch ausübt. So werden parlamentarische Niederlagen in Erfolge umge—dichtet.... Daß Leute mit der Vergangenheit eines Ahlwardt mit einem Retchstagsmandat betraut werden, könnte einen tief verstimmen, wenn die Sache nicht auch ihr Gutes hätte und ihr Erfreuliches. Im Reichstag sind die antisemitischen Maulhelden verhältnißmäßig am unschädlichsten. Dort unterliegt jedes Wort, das sie sprechen, einer scharfen Kontrolle seitens einer intelligenten Kollegenschaft, die nicht gesonnen ist, sich ein X für ein U vormachen zu lassen. Mit bloßen Behauptungen kommt man im Reichstag nicht weit; dort werden Beweise und Belege verlangt, so unangenehm dies speziell Herrn Ahlwardt auch sein mag. Und tritt ein gewerbsmäßiger Volksverhetzer auf, eine Hetzrede zu halten, die bestimmt ist, draußen im Lande zu wirken, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß gleich hinterher ein anderer Abgeordneter das Wort ergreift, der dem Hetzer die Wege weist und seine Lügenrede widerlegt. Auf diese Weise wird die Wahrheit in