Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1893)
- Date
- 1893-03-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448340--36012-2484022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
462 Sammlung war reine Herzenssache eines jeden Einzelnen. Und dennoch diese Wuth der Antisemiten über die Sammlung! Freilich: waschechte Antisemiten ärgern sich stets, wenn für andere als antisemitische Zwecke gesammelt wird. Dieselben Leute nun, welche damals ihrer Entrüstung kaum Herr werden konnten, finden es diesmal ganz in der Ordnung, daß diejenigen, welche unter der Voraussetzung pünktlicher späterer Rückerstattung zum Zusammenkommen der von Ahlwardt geforderten Kaution beitrugen, durch einen kecken Handstreich einfach um ihr Geld gebracht werden. Das ist in ihren Augen nicht anstößig und nicht unanständig. Die antisemitische Moral ist eben eine andere, als die der anständigen Leute. Man erinnert sich noch, daß zur Zeit der Buschhoff-Sammlungen die antisemitische Presse ebenfalls eine Sammlung veranstaltete, von deren Ertrag eine Prämie für den Mörder des Knaben Johannchen Hegemann ausgeschrieben werden sollte. Bei der antisemitischen „Neuen Deutschen Zeitung" in Leipzig waren damals zu diesem Behufe etwas über 1000 Mark eingegangen. So viel Geld hatte Dr. Erwin Bauer, der große Leipziger Judenfresser, schon lange nicht mehr beisammen gesehen — kann man es ihm daher gar zu sehr verdenken, daß er sich ungern trennte von dem Mammon? Dr. Bauer sann daher auf Mittel und Wege, das Geld sich oder sagen wir auch: seiner Zeitung nutzbar zu machen und er verfiel zu diesem Zweck auf Folgendes. In einer der nächsten Nummern seines Blattes theilte er mit, daß es doch wohl sehr fraglich sei, ob der Mörder des Johannchen Hegemann jemals entdeckt würde. Jedenfalls könne das noch hübsch lange dauern und da wäre es doch jammerschade, wenn das schöne Geld, welches als Prämie gesammelt worden sei für den, der den Mörder entdecke, so lange unbenützt daliege. Die „Neue Deutsche Zeitung" könne aber zum Quartalswechsel gerade Geld für „Agitations-Zwecke" gebrauchen — vielleicht wären die Spender damit einverstanden, daß sie den Ertrag der Sammlung zunächst in diesem Sinne verwende. Es handelte sich damals, wie gesagt, um nicht viel mehr als 1000 Mark. Trotzdem erregte das Vorgehen der „N. D. Ztg." großes Aufsehen und gerechte Entrüstung in antisemitischen Kreisen. Sogar die „Staatsbürgerzeitung" hat sich damals, wenn ich nicht irre, in nicht mißzuverstehender Weise zur Sache geäußert — kurz: der Skandal ward so groß, daß die Redaction des Leipziger Blattes ihren schönen Plan fahren ließ und das Geld alsbald an die Centralstelle abführte. Dieser Vorgang trug natürlich dazu bei, die Leser der antisemitischen Blätter, als einige Zeit darauf die Sammlung für Ahlwardt veranstaltet wurde, völlig sicher zu machen. Bei den Antisemiten ging es in Geldsachen ehrlich zu, daran zweifelte nun Keiner mehr. Und da noch obendrein die „Staatsbürgerzeitung" täglich versicherte, daß das Geld auf Heller und Pfennig zurückbezahlt würde, war es gar nicht einmal so auffällig, daß die Summe von 50,000 Mark in verhältnismäßig kurzer Frist zusammenkam. Ob wohl damals, als sie mit der ehrbarsten Miene von der Welt jene beruhigende Versicherung abgab, die Redaction der „Staatsbürgerzeitung" schon mit dem Gedanken umging, später die Kautionssumme als „Ehrengeschenk" für Ahlwardt zu verwenden? Der brave Ahlwardt hegte selbstredend nicht das mindeste Bedenken, eine auf so wenig anständige Weise aufgebrachte Dotation anzunehmen. Non ölet — baar Geld stinkt nicht, das war von j.her sein Wahlspruch, warum hätte er sich nun mit einem Male empfindlich und zartfühlend zeigen sollen? Wenn er an dieser Sache überhaupt Etwas auszusetzen hatte, so war es einzig und allein der Umstand, daß die ihm geschenkte Summe nicht größer war. Angenommen einmal, daß alle diejenigen, welche zu der Kaution beigesteuert hatten, auf Rückerstattung verzichteten, so erhielt Ahlwardt doch immer nur die Summe von 50,090 Mark. An und für sich ist das ja ein ganz hübscher Posten Geld — um tndeß von den Zinsen leben zu können, dazu reicht die Summe nicht aus. Papa Ahlwardt ist also Rentier und ist auch keiner. Ein Sechsdreier-Rentter höchstens, wie man in Berlin sagt. Da der Mann große Bedürfnisse hat, wird er das Kapital angreifen müssen. Das kann er getrost thun. Wenn dieses Geld alle ist. so bleibt ihm doch noch immer eine gewaltige Reserve — jenes große Kapital, nämlich an Dummheit und Unverstand, über das seine Anhänger verfügen. Von den Zinsen dieses Kapitals kann ein Ahlwardt noch recht lange behaglich leben. Voraussetzung ist es dabet allerdings, daß Ahlwardt bei seinen Getreuen nicht in Vergessenheit geräth. Er muß sich regen und rühren, muß fortwährend von sich reden machen, muß nach wie vor Hetzbroschüren schreiben und, wenn irgend möglich, allabendlich in „großen Volksversammlungen" das Vaterland gegen 20 Pfg. Entree retten. Die herrliche Kraft dieses Mannes wird also, trotz der Rente, der Sache des deutschen Volkes erhalten bleiben. Daß diese Kraft an Ursprünglichkeit und Frische im Gefängniß zu Plötzensee keine Einbuße erlitten hat, das zeigte sich beim ersten Auftreten Ahlwardts im Reichstag. Er ist ganz der Alte geblieben. Mit einer Kaltblütigkeit sonder Gleichen brachte er vor versammeltem Kriegs-