Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-03-23 · Heft 24 (23.3.1893) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 24 (23.3.1893)
Date
1893-03-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448340--36011-2484021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 24 des „Israelit". Leitender Artikel. Der Rcichstagsabgeordnete Ahlwardt. Berlin, 16. März. Herr Ahlwardt ist „Rentier" geworden. Die „Staatsbürgerzeitung" jammerte des Mannes, der erst in Plötzensee Ruhe gefunden hatte vor dem Gerichtsvollzieher, und sie nahin sich vor, ein Werk der Nächstenliebe an ihm zu vollbringen. Natürlich durfte es sie selbst nichts kosten; die Nächstenliebe des Herrn Bachler und seiner Getreuen hört just beim Portemonnaie auf. Aber wozu wären denn die Andern da, die geduldigen Parteischafe, die sich schon so oft haben scheeren lassen, ohne einen Laut von sich zu gebend Als es sich s. Zt. darum handelte, den antisemitischen Rektor a. D. aus der über ihn verhängten Untersuchungshaft zu befreien, hatten die Freunde Ahlwardt's unter Führung der „Staatsbürgerzeitung" eine Kaution von 50,000 Mark aufgebracht. In den öffentlichen Aufforderungen, die damals ergingen, wurde es als eine Ehrenpflicht der Partei hingestellt, die Kaution für den „hochverdienten Mann" aufzubringen, der ein Opfer seiner „Ueberzeugung" geworden sei. In der eindringlichsten Weise wurde den Leuten klar gemacht, daß es sich in diesem Falle ja nur um ein Darlehen auf kurze Frist handele, daß Keiner sein Geld verlieren werde, da Rector Ahlwardt doch gewiß nicht daran denke, sich der Strafverfolgung durch die Flucht zu entziehen. Unter dieser Voraussetzung wurde damals in verhältnißmäßig kurzer Zeit die erforderliche Kaution zusammengebracht. Wenn es gilt, den Behörden eins auszuwischen, ist so Mancher stets gern dabei — besonders wenn er dieses Vergnügen sich so gut wie umsonst leisten kann Einzelne Personen zeichneten sogar recht namhafte Beiträge — warum auch nicht: Das Geld konnte ihnen ja nicht verloren gehen. Nun hätte ich die verblüfften Gesichter sehen mögen, die alle diese guten Leute und schlechten Musikanten machten, als kurz vor der Haftentlassung Ahlwardt's die „Staatsbürgerzeitung" die Zumuthung an sie richtete, sie möchten doch zu Gunsten des braven Ahlwardt, dessen ein Leben voller Sorgen und Entbehrungen bei seinem Wiedereintritt in die Freiheit harre, auf die Rückerstattung ihres Geldes verzichten! Es handele sich darum, Ahlwardt, dieses auserlesene Rüstzeug des Antisemitismus, der Partei und der Agitation zu erhalten, und angesichts eines so erhabenen Zweckes könne es sicherlich keinem überzeugten Antisemiten schwer fallen, ein persönliches Opfer zu bringen. Was sollten nun die Leute thun, nachdem ihnen in so beweglicher Weise ihre Pflicht klar gemacht worden war? Etwa ihr Geld herausfordern? Pfui, das wäre ja echt jüdisch gewesen! Die Juden — und nur sie allein — haben bekanntlich die abscheuliche Gewohnheit, Darlehen, die sie gegeben, wieder zurückzuverlangen. Ein echter Antisemit aber handelt anders. Besonders dann, wenn der Darlehenempfänger ein so tüchtiger und verdienter Parteigenosse ist, wie Herr Ahlwardt. In diesem Falle ist es heilige Pflicht eines jeden anständigen Antisemiten, auf sein Guthaben zu verzichten. Wenn aber gleichwohl der Eine oder Andere von denen, welche die Kaution aufgebracht hatten, der Ansicht war, daß es seitens der „Staatsbürgerzeitung" und des Genossen Ahlwardt doch etwas sehr schäbig sei, ihnen nun mit einer solchen Zumuthung zu kommen, so hütete er sich dennoch, dieser seiner Meinung Ausdruck zu geben. Die Gefahr, für einen Juden, Judensproß oder Judenknecht erklärt zu werden, lag zu nahe, und was das zu bedeuten hat, das weiß nur derjenige ganz zu würdigen, welcher den Fanatismus und die Verbissenheit der antisemitischen Menge in ihrer ganzen Ausdehnung kennen gelernt hat. Es machten also die Meisten gute Miene zum bösen Spiel, und so wurde mit einem Male Herr Ahlwardt Rentier. Als vor einiger Zeit für den armen, vom Schicksal schwer geprüften Schächter Buschhoff aus Xanten eine Sammlung veranstaltet wurde, um diesen Mann, der als Opfer der abergläubigen Verfolgungswuth seiner Landsleute so unsagbar Schweres erduldet hatte, gegen Noth und Mangel sicher zu stellen, nachdem er auf seine alten Tage seine Heimath hatte verlassen müssen, da kannte die Entrüstung der Antisemit^ hierüber keine Grenze. Und doch lag nicht der geringste Grund zur Entrüstung vor. Es handelte sich damals um einen Mann, der eines entsetzlichen Verbrechens von der durch antisemitische Hetzereien aufgeftachelten öffentlichen Meinung bezichtigt und von dm Geschworenen freigesprochen worden war. Der Mann war ruinirt worden und sollte nun einigermaßen entschädigt werden für das, was er unschuldig erlitten, weil — er Jude war. Wer nichts geben wollte, brauchte nichts zu geben. Niemand wurde durch falsche Vorspiegelungen bewogen, eine Gabe beizufteuern — seine Betheiligung an jener

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.