Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1893)
- Date
- 1893-03-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Familie zurückkehren sollte. Meine Frau hatte mich schon längstens am 22. November erwartet! Ich. dürfte es nicht wagen, sie durch ein Schreiben zu beruhigen, ich durfte nicht das gefährliche Geheimniß dem Papiere, nicht dieses einem Boten anvertrauen. Doch von dieser Seelenpein erlöste mich die Güte meines Bruders. Er entschloß sich zu meiner Frau zu reisen, ihr Alles mitzutheilen, sie über mein langes Ausbleiben zu beruhigen, ihr aber auch zu sagen, daß ich meinen Herren, der jetzt allein auf mich angewiesen sei, nicht verlassen könne, daß sie mich nicht eher wieder sehen werde, als bis ich den Rabbi in volle Sicherheit gebracht und sie sich auch darauf gefaßt machen müsse, so lange keinen Brief von mir zu erhalten." „Reb Josel", sprach Rafael bewegt, „ich weiß nicht, was ich Dir mehr bewundern soll, Deine nie erlahmende Geistesthätigkeit, Deine bewundernswerthe Umsicht, oder Deine Pflichttreue, die Du nach jeder Richtung hin bewiesen." „Wo sind wir?" waren die ersten Worte, die der Rabbi an mich richtete, als er sein volles Bewußtsein erlangt hatte. Nachdem ich mich durch einige Fragen überzeugt hatte, daß dem Rabbi all die vcrhängnißvollen Ereignisse, die er erlebt, klar und deutlich bewußt waren, theilte ich ihm mit, daß er sich unter Freunden, in dem Hause meines Bruders, seines treuergebensten Dieners befände, daß aber hier für die Dauer nicht unseres Bleibens sei und wir, sobald sich der Rabbi stark genug fühlen würde Burgsdorf verlassen, uns einen fernen, sichern Ort zum dauernden Aufenthalt suchen müßten. „Bevor ich Dir", erwiederte der Rabbi, „meinen festen, unabänderlichen Beschluß mitthetle, muß ich Dir nochmals aus voller Seele für Deine Treue und L>ebe danken, Dich segnen und aus voller Seele wünschen: Jesckalem haschem peolcho ushi maskurtech schlemo l) — dann aber sag' ich Dir, ich bin über das Schicksal meiner Familie vollkommen beruhigt. Meine Frau und meine Kinder haben alle religiösen Pflichten, mit ganz besonderer Liebe aber: Kibud aw we-em 2 3 4) erfüllt, diese Mizwoh aber zählt zu jenen, die nach dem Ausspruch unserer Weisen schon auf dieser irdischen Welt ihren Lohn finden. Nun aber muß ich Dir, Du treuer Diener, sagen, was ich Gott in meinem Herzen gelobte. Im Talmud steht: Wenn einen Menschen schwere Leiden treffen, so soll er alle Handlungen, die er begangen, prüfend überblicken. Nun hatten mich schwere Leiden getroffen; ich habe nie mit 1) Gott möge Dir Deine That belohnen, vollständig möge Dein Lohn sein! Ruth Kap. 2, V. 12. 2) Ehre Vater und Mutter. 3) Gebot, Pflichterfüllung. 4) Berachath 5 a. einem Worte das über meine Lippen trat, geklagt, gemurrt, aber jetzt, da mich Gott gerettet, kann ich Dies anvertrauen, ich Hab' so Schreckliches erduldet, daß ich es nicht begreife, wie ich es zu überstehen vermochte. Jahre lang an der Mauer angekettet zu sein, das ist eine Qual, die sich kein Mensch, der sie nicht selbst erduldet, vorzustellen vermag; — und da hielt ich es für meine Pflicht, darüber nachzuforschen, was ich im Leben für Fehler Hab' begangen, um so hartes Loos verdient zu haben. „Des Rabbi Leben war ganz fehlerlos", hatte ich gerufen, darauf aber hatte er mit seinem milden, ruhigen Lächeln geantwortet: „Deine überschätzende Liebe für mich, läßt Dich etwas ganz Unrichtiges, mehr als das, etwas höchst Tadelnswerthes aussprechen, Du scheinst das Wort unserer Weisen: „Ni chosched hakodesch boruch hu deowid dine belo dine?“5) ganz vergessen zu haben." „Wessen konnte sich der Vater anklagen, daß er dafür so furchtbar büßen sollte?" frug Eva. „Ich hatte den Rabbi, genau, wie Sie mich, unterbrochen und er hatte geantwortet. „Ich habe das harte, wär's nicht Sünde, würd' ich sagen, unverdiente Schicksal meines Bruders Elkan dadurch mit verschuldet, daß ich ihm nicht mit noch mehr Nachdruck zugeredet eine Stellung aufzugeben, die ihn leicht in Collision mit seinen religiösen Pflichten bringen konnte und ihm viel Feinde zuzog!" Der Rabbi hat ihm oft genug zugeredet, ich weiß es und es war ja allgemein bekannt! rief ich. „Zugeredet Hab ich ihm wohl, aber zu wenig, ich hätte energischer Vorgehen, als er sich weigerte meinem Rathe zu folgen, ihm als Oberrabbiner mit dem Cberem6) drohen sollen — auch hatte ich in meinen Handlungen noch manches andere Tadelnswerthe vorgefunden, das ich nicht aufführeu will, weil Du's in Deiner verblendeten Liebe für mich gar nicht als Fehler anerkennen würdest. Ich aber erkannte Gottes Strafe, als eine gerechte und wenn in bösen, harten Stunden zu geistiger Bedrückung, noch überschweren Körperqualen traten, die meine Kraft zu übersteigen drohten, so daß mich die fürchterliche Angst umschwebte, ich könnte mich vor wahnsinnigem Schmerze mit einem Worte, das wider Willen meinen Lippen entschlüpfte, gegen den allgerechten Gott auflehnen, — da hatte ich es gelobt: wenn Er mich von dieser Höllenpein erlösen, meine Feffeln sprengen, die Thore meines Kerkers öffnen würde — mich von allem Jrd'schen abzuwenden, mich aus allen Verhältnissen, die meinen Sinn auf Nichtiges lenken könnten, zu lösen, nach der heiligen Stadt Jerusalem, wo Gottes Tempel auf Moria stand, 5) Ist es denkbar, daß Gott ohne Grund straft? Berachot 5 a. 6) Banne.