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Der Israelit · 1893-03-23 · Heft 24 (23.3.1893) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 24 (23.3.1893)
Date
1893-03-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1. Februar 1893 in der Realschule 224, in der Vorschule 38, in der höheren Mädchenschule 201. Nach dem neuen Lehrplan und der neuen Ordnung des Reifeprüfung ist die bisherige Oberprima in Wegfall gekommen. Die Prüfungen finden am 22. und 23. März, statt. Der Reifeprüfung unterzogen sich 18 Primaner, die sämmtltch bestanden. Berlin. Der antisemitische Größenwahnsinn zeigt sich in seiner verrücktesten Gestalt in einem Leitartikel des Ahlwardt-Moniteurs, der den Antisemitismus als Basis -eines „deutschen Zentrums" anpreist, wobei die antisemitische Bewegung mit der Befreiungsbewegung von 1813 verglichen wird. Dieser Blödsinn ist selbst dem antisemitischen „Reichsboten" zu stark, welcher spöttisch bemerkt, an „übertreibender Phantasie" habe cs den antisemitischen Führern niemals gemangelt. Berlin, 20. März. AhlWardt erklärt sich für die Mililärvorlage. Die europäische Lage sei nicht ungefährlich, namentlich seit Rußland angefangen habe, sich der Juden zu erwehren und eine Kulturnation zu werden. Die Schnapssteuer halte er aber für verwerflich und geradezu für unsittlich, weil sie das Schnäpschen des armen Mannes um 300—400 pCt. des Werthes vertheuere. Die Unzufriedenheit in Deutschland rühre daher, daß eine fremde Nation alles Geld an sich reiße. Das zu sagen, habe außer ihm Niemand Muth. Er erzählt hierauf die Geschichte seiner „Judenflinten". Er habe doch Hunderte von Zeugen gehabt, daß große Unregelmäßigkeiten vorgekommen seien. Der gegen ihn geführte Prozeß sei das Unerhörteste, was in der Justiz dagewesen sei, denn man habe Sachverständigen als Zeugen Glauben geschenkt, die an der Fabrikation betheiligt waren. Die Behauptung des Kriegsministers, daß die von der italienischen Regierung zurückgewiesenen Läufe nicht verwendet worden seien, beruhe auf Jrrthum. Er beschuldigt Löwe des Meineids und wird vom Präsidenten zur Ordnung gerufen. Hierauf zählt er ununterbrochen sämmtliche im Prozefle gemachte Beschuldigungen auf und behauptet, daß sie alle erwiesen worden seien. Er habe den Staat und die Militärverwaltung nicht angreifen, sondern nur beweisen wollen, daß sie sich von Juden habe betrügen lassen. Reichskanzler Caprivi: Herr Ahlwardt hat zu Anfang seiner Rede der Freude Ausdruck gegeben, daß ich anwesend bin. Ich kann zu meinem Bedauern diese Freude nicht erwiedern und der Umstand, daß er Mitglied dieses hohen Hauses ist und die Achtung, die ich vor ihm habe, hindern mich, ihm zu erwiedern, was ich sonst zu erwiedern hätte. (Beifall links.) Auf Einzelheiten will ich nicht eingehen; wenn er von schlechten Erfahrungen mit unseren Gewehren bei Zintgraff's Expedition gesprochen hat, so werden die Gewehre dort wohl noch schlechter behandelt worden sein als von ungeübten Lanwehrleuten. Herr Ahlwardt hat dann seinen Prozeß als ein non plus ultra der preußischen Justizpflege bezeichnet und mir vorgeworfen, daß ich auf eidesstattliche Versicherungen keinen Werth lege. Ich habe an dieser Stelle, vom sächsischen Kriegsminister unterstützt, nur ausgeführt, daß die Löwe'schen Gewehre durchaus genügen. Wenn heute hier noch einmal versucht worden ist, die Bewaffung der deutschen Armee vor dem Auslande als minderwerthig hinzustellen, so muß ich mir aus Respekt vor diesem Hause versagen, den Ausdruck zu gebrauchen, den ich sonst gebraucht haben würde. (Lebhaftes Bravo links.) Ich glaube, daß der Versuch des Abgeorneten, dieses Haus zu einer Revisionsinstanz für sich zu machen, verfehlt ist. Der Abgeornete Ahlwardt kann sprechen so lange und soviel er will, er wird niemals im Stande sein, das durch Jahrhunderte begründete Ansehen der preußischen Militärverwaltung und Justiz zu erschüttern- (Lebhafter Beifall links.) KriegSmininister Kaltenborn widerlegt die einzelnen Behauptungen Ahlwardt's und erklärt nochmals, die Loew'- schen Gewehre seien durchaus kriegsbrauchbar und den aus den staatlichen Fabriken stammenden gleichwerthig. Richter konstatirt in ausführlicher Rede, daß alle von Ahlwardt gemachten Behauptungen im Prozeß widerlegt worden sind und charakterisirt dann in starken Worten den Charakter Ahlwardt's, den unschädlich zu machen und festzustellen, was dieser Ahlwardt werth sei, gerade die öffentliche Parlamentsverhandlung geeignet sei. Ahlwardt hält seine Behauptungen aufrecht und vertheidigt sich gegen den Vorwurf, als ob er die Armee schädigen wolle; er habe ihr durch seine Enthüllungen nützen wollen. Er erfinde keine Thatsachen, wie Richter ihm zuschiebe, aber er schließe auch seine Augen nicht vor Thalsachen, die von Juden ausgehen. Major Schlieben bemerkt, daß er der früheren Erklärung des sächsischen Kriegsministers über die Loewe'schen Gewehre nichts hinzuzufügen habe. Liebermann v. Sonnenberg erklärt, daß er sich seine Stellung zur Militärvorlage Vorbehalte. Er halte Volksversammlungen nicht für das geeignete Forum zur Behandlung der Gewehrfrage, aber rascher hätte vorgegangen werden müffen. Einen Verleumder könne man Ahlwardt nicht nennen, da er in gutem Glauben gehandelt habe, er sei ja auch nur wegen Beleidigung bestraft. Die Frage der Qualität der Loewe'¬ schen Gewehre sei mit der Erklärung des Kricgsministcrs erledigt gewesen; er habe auch trotz aller Erkundigungen die Behauptung Ahlwardt's, daß die Loewe'schen Gewehre unbrauchbar seien, nicht bestätigt gefunden. Man hätte die Unregelmäßigkeiten in der Loewe'schen Fabrik näher ansehcn und diese hätten abhalten sollen, Reklame für Loewe zu machen, wie der Reichskanzler und der Abg. Richter es hier gethan. Buhl konstatirt, daß seine Interpellation damals nur im Interesse des Ansehens unserer Waffe vor dem Auslande gestellt gewesen sei. Er müsse den Vorwurf entschieden zurückweisen, als ob sie bestellte Arbeit von Loewe gewesen sei, den er für einen Ehrenmann halte. (Lebhaftes Bravo links.) Kriegsminister Kaltenborn erklärt, er habe seine Erklärung von Mai vorigen Jahres nicht eher geben können, bis die von ihm angeordnete Uutersuchung abgeschlossen war. Nach längerer Auseinandersetzung zwischen Liebermann, Richter, Ahlwardt und Buhl schließt die Generaldebatte. Richter wendet sich gegen einzelne Ausführungen Ahlwardt's und Liebermanns und konstatirt, daß diese öffentlich Diskussion die volle Haltlosigkeit der Behauptungen Ahlwardt's dargethan habe. Wenn dieser nicht wider besseres Wissen gehandelt hat, so wirft das ein eigenthümliches Licht auf die Geistesverfassung dieses Mannes, wie auf die Verwerflichkeit des gesammten Antisemitismus. Ahlwardt bleibt dabei, daß die Loewe'schen Gewehre nichts taugen. (Großes Gelächter.» Millionen Deutsche ständen hinter ihm. Berlin, 21. März. (Reichstag). Beim Etat des Jnvaliden-Fonds schildert Staatssekretär Maltzahn auf Anregung Richter's Geschichte und Entstehung des Jnvalidensonds und weist Ahlwardt's Behauptung, daß Börsenjuden dabei die Hand im Spiele gehabt hätten, zurück. Ahlwardt bleibt dabei, daß man den Jnvalidenfond so hätte dotiren müssen, daß der Kapitalbestand unangetastet blieb; dann wäre des Reich bei einem etwaigen Kriege von den Börsenjuden unabhängig. Solche Coulissenarbeit geschieht

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