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Der Israelit · 1893-03-20 · Heft 23 (20.3.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 23 (20.3.1893)
Date
1893-03-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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446 Leider aber ist man sich der großen Verantwortung noch nicht überall bewußt, die der Einzelne der Gesammthcit gegenüber trägt. Viel, sehr viel wird in kleinen Gemeinden gesündigt, viel tragen die Zwistigkeiten im Innern des Judenthums dazu bet, das Judenthum in den Augen der Nichtjuden herabzusetzen. Es gibt leider sehr viele kleine Gemeinden, die unaufhörlich durch innere Streitigkeiten die Behörden in Anspruch nehmen und die, anstatt die Zwistigkeiten zu vermeiden oder sie unter sich abzumachen, stets sich beschwerdeführend direkt an den Landrath u. s. w. wenden. Meistens handelt es sich um Reibereien zwischen Vorstand und Lehrer, oder Vorstand und Gemeinde, und vor Kurzem las ich ein Zeugniß eines Lehrers, in dem ein kgl. preuß. Landrath diesem Lehrer bezeugte, daß er das Opfer der Verleumdung einer „seit jeher durch Zwiespalt und Jntriguen zerklüfteten jüdischen Gemeinde" geworden sei. So waren vor Kurzem ca. dreißig Juden in einer kleinen Stadt vor Gericht als Zeugen geladen in einem Prozesse, den der Vorstand gegen den Lehrer oder sogen. Prediger führte, weil dieser öffentlich von der Kanzel herab den Vorstand beleidigt hatte und mehrere Gemeindemitglieder den Vorstand ungerechtfertigter Weise beim Regierungspräsidenten denunzirten. So kam es vor Kurzem in einer norddeutschen Stadt vor, daß auf Wunsch mehrerer Juden, die sich in irgend einer Weise von den anderen zurückgesetzt fühlten, eine antisemitische Versammlung stattfand, wo mit Namensunterschrift dieser Juden Flugblätter gegen andere Juden vertheilt wurden. Wenn solche Dinge Vorkommen, können sich die betr. Juden weder in den Augen der Behörden, noch in den Augen der Nichtjuden Ansehen verschaffen. Was nützen alle Waffen gegen den äußeren Feind, wenn der Wurm der Verwesung im Innern naget? Was vermag das Judenthum nach Außen, wenn der Friede im Innern so gestört ist in einer Zeit, wo nur gemeinsames Vorgehen wirksam sein kann? Ich will mich über diese Punkte nicht allzuweit verbreiten, sonst müßte ich manche traurige Geichichte anführen, die der jüd. Lehrer in kleinen Gemeinden meistens aus rein äußerlichen Anlässen zu erdulden hat und die dann stets ein öffentliches Nachspiel haben. Auch in Süddeutschland habe ich so manche Erfahrung gemacht, die mich zwingt, manchem jüdischen Geschäftsmanne meiner Heimath ein etwas zurückhaltenderes und bescheideneres Benehmen anzuemvfehlen, namentlich wenn er von den Stadtmärkten in der Eisenbahn in seine Heimath reist. Nur Bescheidenheit und Anstand, Ehrlichkeit und strenge Wahrheit im Handel und Wandel können der feindlichen Lanze die Spitze brechen, es muß sich jeder Einzelne zur Pflicht machen, überall auch den geringsten Verdacht der Unehrlichkeit zu vermeiden, denn dem Juden wird selbst der geringste Jrrthum als absichtlicher Betrug angerechnet. Der Verfasser der erwähnten Broschüre kämpft auf Seite 14 auch gegen „das genußgierige Protzenthum, die geschmacklose aufdringliche Putzsucht"; in diesem Kampfe stimme ich vollständig mit ihm überein. Nur gehe ich noch weiter als der Verfasser, ich erkenne in dem Protzenthum auch sehr häufig neben der Sucht sich hervorzudrängen, die Manier, durch Verleugnung des Judenthums sich in nichtjüdische Kreise einzudrängen, was sehr häufig in den Badeorten zu beobachten ist. Die jüdischen Hotels sind gewöhnlich solchen vornehmen Juden nicht fein genug, es gehört eben zum guten Ton und zur zeitgemäßen Entwickelung, daß man die Speisegesetze belächelnd, in nichtjüdischen Hotels speiset und ein christlicher Hotelier in Norderney hat solche Parvenüs einfach damit gestraft, daß er die table d’hote in zwei verschiedenen Sälen abhält, wovon in dem einen die Nichtjuden, in dem andern die Juden speisen, die er meistens nach ihrer Physiognomie eintheilt. In Colberg sprach mir einmal ein nichtjüdischer Hotelier den Wunsch aus, daß die Juden doch lieber in jüdischen Hotels speisen sollten, da ihm selbst schon manche nichtjüdische Kundschaft dadurch verloren gegangen sei, daß Juden bei ihm speisten. Ich spreche dies Alles offen aus, selbst auf die Gefahr hin, daß man es mir übel nehme, vielleicht öffnet es unseren Glaubensgenossen endlich die Augen, damit das Ehrgefühl im Innern sich rege und sie zum Bewußtsein kommen, daß diese geduldete Rolle-r doch 'eine sehr Klägliche Rolle für sie ist. Wir wollen den Kampf für die Wahrheit und Ehre des ^Judenthumssntcht 'anderen allein überlassen, sondern unsere Aufgabe ist es, offen und frei zu bekennen und zu bessern, damit wir dem Feinde keine Blöße zum Angriffe geben. Die Angriffe gegen uns werden zwar auch dann nicht aufhören, aber wir haben das Bewußtsein, unsere Schuldigkeit gethan zu haben. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 11. März. Das Gefühl, daß die neulichen Behauptungen des Abg. Ahlwardt im Reichstage, obgleich sie für jeden Kenner der Verhältnisse und dieses Mannes keiner Widerlegung bedürften, doch mit Rücksicht auf das Ausland nicht unwidersprochen bleiben können, hat in der heutigen Reichstagssitzung seinen Ausdruck in der Anfrage des Abg. v. Marquardsen an den Kriegs-

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