Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1893)
- Date
- 1893-03-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Beilage ju M 23 ües „Israelis. Leitender Artikel. Der Wurm im Innern. Von Dr. Mannheimer, Großherzogl. Oldenburg. Landesrabbiner. (Schluß.) Was aber ist des Pudels Kern? „Protestiren wir öffentlich gegen eine Vertretung, die nur der Rührigkeit einer zurückgebliebenen Minderheit ihre Existenz verdankt, wählen wir Fürsprecher des modernen gebildeten Judenthums", so rufet der Herr aus. Nun protestiren Sie Undankbarer gegen die Vertheidigung der Orthodoxie, die es gewagt hat, in ihren Zeitschriften offen den Kampf gegen den Feind aufzunehmen, die mit unermüdlichem Eifer für das G e s a m m t j u d e n th u m in die Schranken getreten und den antisemitischen Umtrieben schon mehr Niederlagen betgebracht hat, als Tausende der „modernen Vertreter des gebildeten Judenthums" es je erreichen, obgleich diese Blätter nicht in der Lage sind, alle Quartal die hohen Titel ihrer Mitarbeiter als Reclame feilzubieten. Wenn auch der Undank Einzelner aus des Verfassers Zeilen spricht, die Mehrheit der deutschen Juden steht dankbar hinter diesen Männern der orthodoxen Presse und hoffen, daß diese Kämpfer für Wahrheit und Judenthum, unbeirrt um den schnöden Undank dieser „Gebildeten", auf der Warte auch weiterstehen, mit jüdischem Feuer und frommer Begeisterung gegen feindliche Angriffe kämpfen. Wollten wir es auf eine Probe ankommen lassen, der Verfasser würde dann erstaunen über die vermeintliche Minorität der orthodoxen Dunkelmänner, und danken wir Gott, daß die Worte des Verfassers: „Stets aber war Berlin das Muster für die Gemeinden Deutschlands" nicht zutreffen, denn solche Vertheidiger des Judenthums mit solchen Grundsätzen und solchen Gemetndevertretern, wie der Verfasser sie sich denkt, würden nicht nur dem jüdischen Glauben, sondern auch dem Judenthum das Grab öffnen und der Herr Verfasser könnte rührend diesem Todten die 15 Sätze der sogenannten „jüd. Sittenlehren" als Grabrede Nachrufen. Aber gerade die orthodoxen Juden waren es, die zu allen Zeiten das Judenthum erhalten haben in allen Stürmen und Kämpfen, die es umtosten. Sie, die geblutet für ihren Glauben, sie, die den Märtyrertod erlitten, lieber als daß sie ein Haarbreit von unseren Vorschriften abwichen, sie haben gezeigt, daß das Judenthum lebenskräftig ist, sie haben es erhalten, sie haben es errettet, nicht jene, die feige und schnöde ihrem Glauben den Rücken wandten, als ihr Glaubensmuth geprüft wurde, als sie Opfer für ihre Religion bringen sollten. Und diese Orthodoxen sind es wieder, die heute in dieser schweren Zeit den Kampf aufnehmen gegen den Feind, und nie und nimmer schadet der orthodoxe Jude seinem Glauben, wenn er in Wahrheit orthodox ist. Denn „ort ho dox" sein heißt nicht allein beten und streng religiös leben, sondern auch streng religiös handeln, der wirklich orthodoxe Jude ist ehrlich und redlich im Handel und Wandel, offen und wahr selbst in den kleinsten Dingen. Aber die Abnahme der Religiösirät im Innern des Judenthums, die eine Gleichgiltigkeit und schließlich eine Mißachtung der eigenen Religion nach sich zi hct, sie schadet dem Judenthum, sie erniedrigt unseren Glauben in den Augen der Nichtjuden. Wenn der Jude selbst seinen Glauben nicht achtet, wie sollten die Nichtjuden ihn denn achten? Welche Experimente sind von Seiten der Reform in den letzten Jahrzehnten schon mit der Religion gemacht worden, und was hat man erreicht? Nichts als Uneinigkeit und Zersplitterung. Noch kein Jude ist durch Orgel und Reformen dauernd an die Synagoge und an seinen Glauben gefesselt worden, dagegen sind große Gemeinden getrennt, entzweit worden, der schöne Frieden wurde gewaltsam zerstört, die Orgel ertönt in fast leerem Gotteshause und die sogen. Minorität steht andachtsvoll betend in ihrem eigenen getrennten Gotteshause. Wer in unserer Zeit d em Judenthume nützen will, darf nicht nieder reißen, sondern muß aufbauen, darf nicht trennen, sondern muß einigen, darf nicht die Säulen erschüttern, auf denen der Bau unseres Glaubens ruhet. Wenn aber der Herr Verfasser jener Broschüre absolut etwas für das Judenthum thun will, so soll er den „orthodoxen Dunkelmännern" nachahmen und dafür Sorge tragen, daß nicht eine so erschrecklich große Zahl jüdischer Kinder ohne Religionsunterricht aufwächst, denn die Unkenntniß der eigenen Religion erzeugt alsdann Jndifferentismus und schließlich glauben diese Juden selbst alle die Anschuldigungen, die von Seiten unserer Feinde gegen die jüdische Sittenlehre geschleudert werden. Selbstachtung ist der erste Schritt zur Besserung, und religiöse Erziehung der Kinder, sie sichert allein die Zukunft des Judenthums.