Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1893)
- Date
- 1893-03-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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442 Juden gingen nach den Vereinigten Staaten. Es sei wünschenswerth zu erfahren, wie sie sich dort aufführten, welche Schritte die amerikanische Regierung zu thun gedenke. Die Kommission werde die Gesetze Amerikas und deren Anwendung erforschen, sowie die ökonomische Wirkung der Einwanderung mittelloser Personen aus dem östlichen Europa studiren. Italien. In Padua ist Baron Guiseppe Tredes de Bonstlt im Alter von 74 Jahren gestorben. Derselbe war ein aufrichtiger Jude, ein großer Phtlantrop und auch ein großer Patriot. Als 1866 Victor Emanuel nach der Besitzergreifung von Venetien seinen Einzug in Padua hielt, nahm er bet Baron Treves sein Absteigquartier und das Erste was er that, war, daß er der Frau des Hauses seine Aufwartung machte. Baron Treves half auch das Rabbiner-Seminar in Padua gründen. Griechenland. Zante. Der „Israelit" hat schon das große Erdbeben erwähnt, das die Insel Zante heimgesucht und daselbst immensen Schaden angertchtet hat. Nachträglich erfährt man jetzt noch, daß das Erdbeben auch die dortige Synagoge theilweise zerstört hat. Auch vier Häuser, welche Eigenthum der dortigen jüdischen Gemeinde waren, wurden größtenthetls zerstört und bilden sie jetzt große Trümmerhaufen. Leider können auch die jüdischen Kaufleute und Handwerker Zantens — auf dieser Insel wohnen circa zweihundert Israeliten — jetzt ihrem Erwerb nicht nachgehen, da überall, wohin man schaut, nichts als Ruinen und Bettler zu sehen sind. Feuilleton. „Fürstengunst." Erzählung von S. Kohu, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird aufs Strengste verfolgt werden. UebersetzungSrechte Vorbehalten. (60. Fortsetzung.) „Allein", fuhr Detdelsheimer fort, „während das Ufer der Schwabach fast überall steil aufsteigende Hügel bildet, waren wir unglücklicherweise an eine Stelle gelangt, wo sich das Ufer senkt und wir eine ziemlich weite Niederung zu durchschreiten hatten und diese wurde bald von dem austretenden Strome überschwemmt. Ich beflügelte meine Schritte, aber ich mußte bald erkennen, daß die Fluthen sich weit rascher bewegten, als meine im Elswasser erstarrenden Füße, um so mehr als ich eine theuere Last auf dem Arme trug und ich in der tiefen Dunkelheit alle meine Aufmerksamkeit darauf richten mußte, den einzelnen Eisblöcken, welche von den Waffermassen ans Ufer geschoben wurden, auszuweichen. Da sprach plötzlich der Rabbi, und ich glaube noch jetzt die Worte zu hören und werde sie ewig hören. „Die Fluthen überholen uns, setze mich nieder, hier ragt ein hoher Baum empor. Du bist ein gewandter starker Mann, allein kannst Du ihn leicht erklimmen und Wenns Gott beliebt, kannst Du am Leben erhalten bleiben. Thu', mein Sohn, was ich Dir befehle, mich vermagst Du nicht zu retten und es würde mir den letzten Moment verbittern, wenn Du zum Lohn für die mir erwiesene Treue nutzlos sterben solltest, bedenk es wohl, Du Haft Weib und Kind," und so sprechend wollte er sich von meinem Arme losreißen. Ich aber preßte ihn fest an mich und — es war nicht leicht und nicht ungefährlich — erkletterte mit meiner Last den Baum. Dieser hatte ein mächtiges Astgeflecht, das, Gott sei Dank, im Stande war, zwei Männer zu tragen. Ich verlebte vierundzwanzig Stunden; böte man mir dafür vierundzwanzig Jahrtausende des höchsten irdischen Glückes, ich würde auch um solchen Lohn, nicht solche Qual noch einmal erdulden wollen! Ich zitterte unaufhörlich vor Angst, unsere erstarrten Hände würden unwillkürlich die Aeste, die wir umklammerten, loslassen oder die Eisblöcke, die von den Fluthen ans Ufer gespült wurden, würden den Baumstamm zertrümmern, wir würden in die Fluthen stürzen. Mir war entsetzlich kalt, aber ich dachte nicht an mich, ich bin ein starker, kräftiger Mann, der schon etwas Mühsal ertragen kann, mir schnürte nur der Gedanke, der Rabbi könnte vor Kälte umkommen, das Herz zu. Nach vierundzwanzig Stunden erst, als der Morgen des zweiten Tages graute, waren die Wasser wieder verlaufen und wir konnten langsam vom Baume auf den schlammigen Boden herabsteigen." „Ihr habt Entsetzliches erlitten!" meinte Dina Fränkl. „Ich brach von dem Baume, auf dem wir Schutz vor den andrängenden Fluthen gefunden hatten, einen derben, graben Ast ab, der dem Rabbi, so lange, bis ich einen Wagen miethen konnte, zur Stütze dienen sollte. Als wir auf die Straße kamen, war es noch halb dunkel. Der Rabbi lehnte sich auf meinen Arm und stützte sich auf den Stock und so konnten wir, wenn auch nur langsam vorwärtsschreiten. — Unsere Lage war die denkbar ungünstigste. Alle Vorsichtsmaßregeln, die wir nach reiflichstem Erwägen getroffen, waren durch das Eintreten unerwarteter Ereignisse werthlos geworden. Der Rabbi trug noch die Sträflingskleider von auffallend greller Farbe, wir hatten ihm vor-