Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1893)
- Date
- 1893-03-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ir^a»7B^1’v; ‘ 443 läuft« nur einen weiten bis zur Ferse herabretchenden Mantel umgeworfen; aber wenn unglücklicherweise ein Windstoß den Mantelzipfel in die Höhe hob, mußte ihn jeder sofort als einen aus dem Mauerthurm entwichenen Gefangenen erkennen. Wir hatten in einem verfallenen, abseits gelegenen Forsthause, das wir bei günstigem Verlaufe unseres Fluchtversuches noch vor Morgenanbruch erreicht hätten, einen Pack Kleider gelegt, welche der Rabbi anziehen hätte sollen; allein wir hatten dreißig kostbare Stunden versäumt, ich konnte nicht wissen, was Ihnen mittlerweile begegnet, am wenigsten durfte ich, durch einen Umweg, noch weitere Zeit verlieren, ich befand mich im Zustande vollständiger Rathlosigkeit. Es trat noch ein Umstand hinzu, der wenn möglich meine Verzweiflung noch steigerte. Ich hätte gerne den weisen Rabbi um seinen Rath gefragt, aber als er lange Zeit ohne den Mund zu öffnen, neben mir herschritt, überkam mich auch die grauenhafte Angst, die Qualen der langen Kerkerhaft, die Erlebnisse der letzten dreißig Stunden hätte seinen sonst so Hellen Geist umflort, denn sonst schien es mir völlig unerklärlich, daß er mit mir nicht über das muthmaßliche Schicksal seiner Angehörigen sprechen sollte, aber wie kann sich ein Heduit*) wie ich, in die Gedankenwelt eines solchen Kodoscii1 2) hinetnversetzen? denn plötzlich sprach er: Ich bin muftoch3), daß der allbarmherzige und allmächtige Gott, meine Frau und meine Kinder in seinen heiligen Schutz genommen hat — was aber mich betrifft, glaube ich, daß, da ich mich durch die Ungunst der Verhältnisse noch immer auf Ansbach'schen Boden befinde, es thöricht, vergeblich wäre, den Fluchtversuch noch fortsetzen zu wollen. Wenn der Markgraf erfährt, daß ich entflohen bin, wird er mich verfolgen lassen. Ich trage noch die Sträflingskletder und wer mich anhält, muß erkennen, daß ich ein Flüchtling bin. Es wäre ein Verbrechen, wollte ich — ohne daß ich dadurch meinem mir von Gott bestimmten Schicksal entgehen könnte, — Dich mit in mein Verderben reißen. Ich will's nicht leugnen, als ich das Erstemal nach Jahren wieder unter Gottes freiem Himmel aufgeathmet, da schwellte Hoffnung meine Brust und ich wollte, was ich Gott in Stunden banger Qual gelobt, erfüllen; aber wie sich die Dinge jetzt gestaltet haben, bin ich fest entschlossen wieder als Gefangener in den Mauerthurm zurückzukehren und ruhig auszuharren, bis mich Gott der Herr von meinen Qualen erlösen wird. Dir aber, lieber Josel, danke ich viel tausendmal für Deine beispiellose Treue, ich werde Dir sie nie, auch im Jenseits nicht ver- 1) Gewöhnlicher, profaner Mensch. 2) Heiligen. 3) Innig überzeugt. geffen. . . . Wenn Du meine Frau und meine Kinder siehst, überbringe ihnen meinen reichsten Segen! Nun aber muß ich Dich herzlichst bitten, mich zu verlassen! Leb wohl, mein treuer Josel!" „Allmächtiger Gott!" stöhnte Eva auf, „einen solchen Mann, konnten in Gottes Ebenbild erschaffene Wesen, wie ein reißendes Thier an die Mauerketten schmieden!" „Zuerst war ich von des Herrn Vorhaben so erschreckt, daß ich fassungslos wurde; der Rabbi hatte ja — ich mußte mir das entsetzt gestehen — vollkommen recht, viel tausend Möglichkeiten gab's, ihn zu verrathen und kaum eine, ihn, unter so unglücklich sich gestaltenden Umständen zu retten. In meiner schweren Herzensangst, die doch mein Gottvertrauen nicht ganz zu verdrängen vermochte, hoffte ich schon, der Allmächtige würde aus seinen Höhen einen Feuerwagen herabsenden, unseren Rabbi zu erretten, aus dieser elenden Welt zum Himmel emporzuführen; aber der Allgütige gab mir plötzlich einen glücklichen Gedanken ein. Zwei Stunden von der Stelle, an der wir uns befanden, wohnt mein Bruder Abraham. Wie Sie sich wohl erinnern werden, hatten wir ursprünglich daran gedacht, den Rabbi gleich nach gelungener Flucht zu diesem zu bringen, und ihn dort sich umkleiden zu lassen; allein wir waren aus mehreren Gründen davon abgekommen, aber jetzt, unter den geänderten Verhältnissen wars nicht nur das Beste, es war das Einzige, was ich zu thun vermochte, und ich rief: Chai haschem weche nafschecho im aeswecko!4) Rabbi! Gehst Du in den Kerker zurück, so folg' ich Dir — doch hoff' ich Dich mit Gottes Hilfe zu retten! Wir eilten, so rasch als es eben der Rabbi vermochte dem Dorfe Burgsdorf, wo mein Bruder wohnt, zu und gelangten, Gott sei Dank, unbemerkt und unbehindert dort an. Der Rabbi war vor Kälte ganz erstarrt, wir entkleideten ihn, brachten ihn zu Bett, und verbrannten sofort die Sträflingskleider, damit diese nicht zu Verräthern würden. Ich beabsichtigte, sobald sich der Rabbi erholt hätte, sofort die Reise fortzusetzen, aber zu meinem, meines Bruders und seiner Frau größten Schrecken, war der Rabbi in wilde Fieberphantasien verfallen; es hatte sich in Folge der überstandenen Qualen und Aufregungen eine schwere Krankheit entwickelt, dieZhn lange im Hause meines Bruders festhielt." „Mir war's ja in gleicher Weise ergangen", warf Rafael dazwischen. „Ich war durch den neuen Unglückssall so niedergeschmettert. daß ich eine Zeit lang nicht im Stande war, richtig zu denken, unsere Lage richtig zu beurtheilen; aber meines Bruders Frau sprach 4) So wahr Gott und so wahr DeinelSeele; lebt, ich verlasse Dich nicht. Buch der Könige II, Cap. 2, V. 4. i i