Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1893)
- Date
- 1893-03-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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441 ungemein stark besucht war, wurde das große Programm eingehend entwickelt. Wir heben hier blos denjenigen Passus hervor, der für uns Israeliten von besonderer Wichtigkeit ist; derselbe lautet: „Die Gleichberechtigung aller Bekenntnisse ist in Deutschland nach schweren Kämpfen durchgeführt worden. An die Gleichberechtigung als einer der Hanptgrundsätze liberaler Politik muß unentwegt festgehalten werden. Die Bestrebungen, welche auf die Beeinträchtigung der staatsbürgerlichen Rechte wegen des Glaubensbekenntnisses hinausgehen, sind entschieden zu verwerfen und zu bekämpfen." Karlsruhe. Folgendes Schreiben des Grobherzogs von Baden ging Ftnanzminister Ellstätter zu: Lieber Herr Finanzminister Ellstätter! Wiederholt gaben Sie die Absicht kund, sich von Ihrer verantwortungsvollen Stellung zurückzuziehen; in treuer Hingebung und Anhänglichkeit fügten Sie sich dann meinem dringenden Wunsch, in Ihrem wichtigen Amte noch länger auszuharren. Dieser dankenswerthen Hingebung entspringt die seltene Thatsache einer 25jährigen Wirksamkeit als verantwortlicher Präsident des Finanzministeriums, eine Zeit erfolgreicher Arbeit und fruchtbringender Thättgkeit, auf welche ich mitgroßer Dankbarkeit zurückblicke. Ihr erneutes Gesuch vom 2. März begründet Ihren Wunsch, sich in Rücksicht auf Ihre angegriffene Gesundheit aus dem aktiven Dienste zurückzuziehen — ein Wunsch, dem ich im Hinblick auf die langen Jahre selbstlosen Wirkens und aufopfernder Thätigkeit nicht glaube entgegentreten zu dürfen, da ich weiß, daß Ihnen Ruhe und Schonung der Kräfte erforderlich ist. Mit Bedauern erfülle ich Ihren Wunsch und nur ungerne sehe ich Sie aus einer Thättgkeit scheiden, in welcher Sie so ausgezeichnete Dienste dem Staate geleistet haben und dabei eine Treue und Hingebung bewährten, die mir stets in weither Erinnerung bleiben werden. In Anerkennung der vorzüglichen Dienste, welche Sie in langen Jahren geleistet haben, verleihe ich Ihnen als eine öffentliche Kundgebung meiner Dankbarkeit hiermit den Berthold-Orden und wünsche, daß noch viele glückliche Jahre des Wohlergehens Ihnen beschteden sein mögen- Mit diesem treuen Wunsch verbleibe ich Ihr ergebener (gez.) Friedrich. München, 9. März. Eine Antisemiten-Versammlung tagte gestern Abend im „Orpheum". Dieselbe war von etwa 500 Personen besucht. Der Reichstagsabgeordnete Werner sprach über die „Militärvorlage, sowie über Judenthum und Sozialdemokratie". Redner, der nach seinen einleitenden Worten soeben aus dem heißen Wahlkampfe des Kreises Liegnitz kam, wo es sehr heiß hergegangen sein soll, ferner geraume Zeit des Jahres als Agitator für seine Partei thättg sei, hielt zwei Vorträge, die sich durch geradezu staunenswerthe Flachheit und Gedankenleere auszeichneten. Einigen Rednern, welche sich bei der Diskussion gegen Werner aussprachen und die dummen bisweilen flegelhaften Angriffe auf die Sozialdemokratie gebührend zurückwiesen, Werner und seinen Troß auf die Inkonsequenz der Ausführungen des Referenten aufmerksam machend, war nur eine beschränkte Redezeit gewährt, wie auch der parlamentarische Anstand der vielfach den „gebildet" sein wollenden Ständen angehörigen Antisemiten sich in seiner ganzen Herrlichkeit zeigte. Der heidenmäßige Skandal, der jedem Hieb, den Herr Werner erhielt — und dieses waren nicht wenige — folgte, erschien selbst dem Vorsitzenden als eine Taktlosigkeit ersten Ranges. Die Diskussion zog sich bis 12 Uhr hm, wobei dem antisemitischen Agitator Gelegenheit geboten war, seine ganzen „Heuer" loszuschlagen, im Phrasenschwall zu schwimmen, aber auf praktisch, wirtschaftlich und politischem Gebiete seiner ganzen Ungeheuern Unkenntniß überführt zu werden. Mit einem Hoch auf den Monarchen wurde die Versammlung eröffnet und, schon stark gelichtet, mit deprimirter Stimmung geschlossen. — Zur besseren Illustration der antisemitischen Bewegung geben wir einen Nasenstüber, den Boeckel gegen Ahlwardt ausspielte. In seinem „Reichsherold" schreibt Boeckel gegenüber den Berliner Freunden Ahlwardt'scher Observanz: „Es bereite sich eine segensreiche Klärung" vor. Die Radau-Elemente, die sich meist aus den Gebildeten rekrutiren, würden immer mehr in den Hintergrund gedrängt und die schwielige Faust des Bauern übernehme die Führung. „Nur ernste, gereifte Männer sind zu praktischer Arbeit tauglich, Schwadroneure, Fatzken, Streber, Gecken und ähnliches Volk, das sich in letzter Zeit maffenhaft an die Rockschöße der antisemitischen Bewegung hängt, sind dazu gänzlich untauglich." — In München scheint sich diese Klärung noch nicht vollzogen zu haben, die Schwadroneure sind noch obenauf. — England. London 9. März. Playfair gab eine Erklärung ab bezüglich der Kommission, welche nach Amerika zur Untersuchung der dortigen Etnwanderungsverhältnisse gesandt werden soll. Er bemerkte, es seien Besorgnisse bezüglich der Einwanderung nach England erregt worden. Die Gesammtzahl aller Ausländer in England sei unter 200,000. Die jährliche Durchschnittszahl der in England Einwandernden sowohl der russischen und polnischen Juden als auch der österreichischen und deutschen Staatsangehörigen etwa 5000, sei zwar 1891 auf 10,000 gestiegen, jedoch im vorigen Jahre unter 7000 gefallen. Zehnmal soviel russische und polnische