Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1893)
- Date
- 1893-03-16
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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werden uns die Gegner einwenden, wie steht es denn mit dem Schulchan aruch? Da gibt es doch zahlreiche Stellen, die gar keine andere Beziehung als auf die Christen zulasten, und diese werden ausdrücklich mit Akum (Götzendiener) bezeichnet. Vor allem berufen sich die Gegner auf Jore Deah § 113, 8, wo es heißt: „Kommt einem Betenden ein Akum mit einem Kreuze in seiner Hand entgegen, und der Israeli ist an einer Stelle (nämlich des vorgeschriebenen Gebetes) angelangt, wo man sich verneigt, so soll er es unterlassen, obgleich sein Sinn zum himmlischen Vater gerichtet ist." Hier ist zunächst zu bemerken, daß die ältesten Druckausgaben das Wort „Akum" an dieser Stelle gar nicht haben. Es findet sich weder in der Venediger Ausgabe von 1576, die noch ohne die Zusätze des Jsserles ist, noch in der Krakauer von 1594; auch spätere Drucke, wie der Prager von 1702, der Amsterdamer von 1754, der Dürenfurther von demselben Jahre und der Fürther von 1782—84 haben das Wort an unserer Stelle nicht, sondern es steht dafür der Ausdruck „Goj", womit alle Nichtjuden schlechtweg bezeichnet worden. Auch als Joseph Karo, der Verfasser des Schulchan aruch, seinen umfänglichen Commentar unter dem Titel „Beth Joseph" (Haus Josephs) zu den Arba Turim des. Ascher ben Jechiel schrieb, bediente er sich an der Stelle des Wortes „Akum" nicht, sondern gebrauchte dafür „Goj". Das Wort „Akum" ist an unsre Stelle vielmehr durch die christliche Censur gekommen. Die christlichen Censoren, die zum Theil gelehrte jüdische Proselyten, zum Theil aber auch nur halbgebildete Menschen waren, hatten die strenge Weisung, alle auf Christen bezüglichen Ausdrücke in den jüdischen Schriften auszumerzen und dafür andere Ausdrücke, wie „Akum", „Kuthi" (Samaritaner) u. s. w. zu setzen. Das Decret der Congregation des Index vom Jahre 1590 gibt genaue Vorschriften, wie die Censur in solchen Fällen zu Werke gehen sollte. Der christliche Censor hat daher auch an der oben beregten Stelle das Wort „Goj" in „Akum" umgeändert, hat aber das Wort „Kreuz"merkwürdigerweise stehen lassen. Das Verletzende der Stelle ist demnach nicht auf den jüdischen Autor, sondern auf den christlichen Censor zurückzuführen. Die Stelle will in Wahrheit nichts Anderes besagen, als daß sich ein jüdischer Beter, wenn ein Goj (Nichtjude) mit einem Kreuze an ihm vorüber geht, durch Verneigen beim Gebet nicht in den Verdacht bringen soll, ein Bekenner des Kreuzes zu sein. Wie es sich aber mit unserer Stelle verhält, so verhält es sich mit zahlreichen anderen. Zuweilen hat die Arbeit des christlichen Censors geradezu lächerliche Entstellung des Sinnes zu Tage gefördert, wie z. B. Jore Deah § 124, 24 wo man jetzt in unfern Druckausgaben liest: „Ein Akum, der kein Akum ist." Verql. Beer ha-gola zu Choschen Mischpat 8 266,2. Uebrigens soll noch betont sein, daß auch im Schulchan aruch sich viele Stellen finden, in denen nicht nur zwischen den Ntchtjuden jener Zeit und den Götzendienern genau unterschieden, sondern auch gesagt wird, daß die jetzigen Völker keine Götzendiener sind, vergl. Jore Deah 8 141, 3, Haga und Sifre Cohen zu Jore Deah § 123, 2 u. s. w. Wenn es sich um wirklichen Götzendienst handelt, so wird dies in der Regel durch abodath elilim zum Ausdruck gebracht. Die preußische Regierung ist jetzt darüber, die in den jüdischen Schulen gebräuchlichen Religionsbücher zu prüfen, sie wird bald zu der Ueberzeugung gelangen, daß dieselben keine Lehren enthalten, die dem Nichtjuden gegenüber etwas zugestehen, was den Juden gegenüber verboten ist. Professor Aug. Wünsche in der „Münch. Allg. Zig." Literarischer Wericht. Von einem jüngst erschienenen Werke möchte ich den Lesern des „Israelit" Kunde geben, dessen Lektüre mich gefesselt und entzückt hat, wie noch selten ein Buch ähnlicher Art. „Reue Beiträge zur semitischen Sagenkunde von M. Grünbaum" *) nennt sich dieses Werk. Der Verfasser, der bereits früher in der „Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft" mehrere bedeutsame, hervorragende Arbeiten zur vergleichenden Sagenkunde veröffentlicht hat, scheint über ein unerschöpfliches Material zu verfügen, denn sein neuestes Werk ist wieder eine wahre Fundgrube der merkwürdigsten und schönsten Erzählungen, ein Riesenstrauß gewunden aus den farbenprächtigsten und duftendsten Blumen, die dem Zaubergarten der Hagada entsprossen. Nach der mit bewundernswerther Eleganz"und mit liebenswürdigem Humor geschriebenen Einleitung — sie reicht bis S. 54 — welche eine Fülle der feinsinnigsten Bemerkungen enthält, werden uns in einzelnen Kapiteln, die hervorragendsten biblischen Personen von Adam bis David und Salomo in hagadischer Beleuchtung vorgeführt. Das ist aber nur die eine Seite des Buches>, die sich eigentlich nur so nebenher ergibt Der Verfasser will uns nämlich zeigen, wie sich diese hagadischen Erzählungen und Ausschmückungen des h. Schriftwortes auf ihren Wanderungen von Volk zu Volk weiter entwickelt und verändert haben, welche neue Züge hinzugekommen. wie sie von einer historischen Persönlichkeit auf die andere übertragen wurden und wie sie namentlich bet arabischen und syrischen Schriftstellern neue Gestalt angenommen. Wie man sich ) Leiden — E. I. Brill 1893. 391 S. Gr. 8.