Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1893)
- Date
- 1893-03-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448338--35963-2483971- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
423 I bisher unser Stolz. Das Judeuthum erkennt jedem sittlich reinen Menschen die ewige Glückseligkeit zu, es weiß nichts davon, daß diese nur in seinem Glauben zu finden sei. In der Welt kann jeder sittliche Mensch nach der Anschauung des Juden- Lhums nach seiner Fa^on selig werden. Es konnte darum die größte Gehässigkeit den Juden nicht vorwerfen,- daß sie auf Seelenfang ausgingen. Nun sollen wir noch die Handhabe zu neuen Beschuldigungen bieten, daß wir durch gröbere Konnivenz j den Christen den Uebertritt zum Judenthum er-! leichterten? Schon der Vorschlag kann die Hetze j nähren, und damit will man den Antisemitismus? bekämpfen, der seine Feindschaft sogar auf die zum Christenthum übergetretenen Juden überträgt. Sonj derbarer Schwärmer! Nein, gegen den Gedanken, j irgend etwas thun zu wollen, was dem Christen - den Uebertritt zum Judenthum erleichtert, läge es! auch in unserer oder in der Macht irgend einer j Centralbehörde, und so dem Christen den Weg zum z Verlassen seiner Religion zu ebnen, erheben wir energischst und feierlichst Protest. Feuilleton. Die drei Kronen. < Von H. Berger. j (Alle Rechte Vorbehalten.) - Wer kennt ihn nicht, den alten Benjamin Caro, den Mann mit der großen Habichtsnase, den grauen Augen und dem weißen Bart, der in unscheinbarem Anzug einhergeht und dem das ganze Dorf Geld schuldet! Wer hat nicht schon die krähende Stimme gehört, wenn Benjamin freundlich grüßte, oder im höchsten Diskant einem armen Schuldner tüchtig den Text las? Das ganze Dorf kennt ihn recht gut; viele verehren, die Meisten fürchten ihn. In seinem Buche begegnen uns fast alle Namen der Dorfbewohner; der Reiche wie der Arme, der Bauer wie der Handwerker, der Pächter wie der Gutsherr, 1 sie alle stehen friedlich neben einander in jenem kleinen Büchelchen, in welchem Benjamin mit hebräischen Lettern seine geschäftlichen Notizen macht. Bon einer regelrechten Buchführung kann bet ihm keine Rede sein, denn nie hatte er solche erlernt; kaum konnte er seinen Namen schreiben und doch herrschte in seinem Geschäfte die größte Ordnung, gab es bei ihm niemals einen Jrrthum, ein Versehen. Pünktlich wie die Uhr selbst, versäumte er! keinen Termin und erwartete auch von anderen gleiche Pünktlichkeit. Er trieb alle Geschäfte; er war Frucht- und Viehhändler, Makler für Immobilien- und Geldgeschäfte, kurz, wo es ein Geschäft abzuschließen gab, war der alte Benjamin bei der Hand. Man hielt ihn für reich, obschon er leug. nete, Geld und Gut zu besitzen. Er war äußerst genau, fast geizig und ein Pfennig hatte bei ihm den Werth eines Thalers. Morgens erhob er sich vor Sonnenaufgang von seinem harten Lager und oft suchte er erst spät am Abend seine Ruhestätte auf. Immer beschäftigt, immer fleißig und thätig war er und dabet bis aufs äußerste mäßig und anspruchslos. Die Verschwender und Faulpelze des Dorfes nannten ihn einen Geizhals, die Leichtsinnigen sahen in ihm einen Wucherer der schlimmsten Sorte, während die Fleißigen und Sparsamen ihn Hoch achteten, gar mancher Arme und Unglückliche sein mildes Herz pries und ihn segnete. Heute hatte Benjamin seine Schritte nach der Mühle gerichtet, die vor dem Dorfe lag. Es war schon ziemlich spät am Nachmittage, als er vor dem schweren Thore stand und mit dem eisernen Klopfer- Einlaß begehrte. Wüthendes Gebell ertönte aus sein Klopsen und als eine Magd das Thor öffnete und Benjamin einließ, geberdeten sich zwei riesige, an der Kette liegende Doggen wie rasend. Benjamin schritt furchtsam in weiter Entfernung an ihnen vorbei, dem Hause zu. Noch ehe er die Thüre erreicht hatte, tönte ihm die Stimme des Müllers entgegen: „Ihr kommt zu spät, Benjamin,- heute Morgen habe ich unsere Ochsen verkauft." Lächelnd erwiederte Benjamin: „Das glaubt Ihr doch selbst nicht, Bastian; es wäre nach fünfundzwanzig Jahren das erste Mal, daß ein anderer hier Vieh kauft." „Und doch ist es so", entgegnete der Müller; „ich will es einmal ohne Zwischenhändler probiren. Der Metzger Rolf aus F., ein Gesinnungsgenosse von mir, hat sie gekauft." „So, so", entgegnete Benjamin gedehnt, „der Rolf aus F., der Antisemit, ein Gesinnungsgenosse von Dir, hat sie gekauft. So, so. Wie sich doch die Zeiten ändern! Bei Deinem seligen Schwiegervater war der Benjamin alles; keine Klaue kam ins Haus, kein Horn aus dem Hause ohne den Benjamin. Und er stand sich gut dabei, der alte Balz; von ihm kann keiner behaupten, daß er sich nicht auf seinen Vortheil verstanden hätte. Doch Du mußt wissen, was Du thust." „Nein, er weiß es nicht", entgegnete die Müllerin, welche die letzten Worte gehört hatte, indem sie auf den Juden zuschritt. Es war eine hübsche junge Frau, die Müllerin, von über Mittelgröße mit blauen Augen und herrlichem blondem Haar. Ihre feinen Züge paßten eher in den Salon des Ministers, als auf den Hof der Mühle. Ihr graziöser Gang und ihre herrliche Figur entzückten