Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1893)
- Date
- 1893-03-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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416 Aus obigem Briefe klingt es deutlich genug heraus, daß noch lange nicht alle die, die auf der Rechten sitzen, Antisemitenfreunde sind. Berlin, 14. März. (Deutscher Reichstag.) Beim Etat des Reichsschatzamtes entsteht eine mehrstündige Währungsdebatte, in der sich Abg. Bamberg er (freis.) wie folgt vernehmen läßt: Ich halte solche Währungsdebatten nach wie vor für ganz zwecklos, da Kontroversen, welche seit 20 Jahren und länger mit allen Finessen der Gelehrsamkeit diskutirt werden, hier nicht entschieden werden können. Graf Mirbach hat geglaubt, ich hätte mich seiner Zeit für die Einführung der Goldwährung im deutschen Reiche bestimmen lassen durch die besondere Qualität, die ich als Jude hätte. (Sehr richtig! links. Unruhe rechts). Ich habe noch selten in konfessionellen Fragen hier das Wort genommen, aus einem einfachen Grunde. Wenn man hier von Juden spricht, so ist das entweder die Frage der religiösen Ueberzeugung oder Agitation. Es ist meine unerschütterliche Ansicht, daß Erörterungen über religiöse Ueberzeugungen hier sehr geschmacklos sind. (Zustimmung links.) Das ist eine Thatsache des innen: Bewußtseins. Man sollte hier nicht darüber sprechen, ob Jemand an das alte Testament glaubt oder nicht. Nun frage ich den Grafen Mirbach, ob er glaubt, daß Jemand, wenn auch nur unbewußter Weise, hier unter einem gewissen Druck handelt, indem er die Interessen einer besonderen Klassen¬ oder Glaubensgemeinschaft vertritt. Hält Graf Mirbach eine solche Meinung für anständig und hält er einen Vertreter des Volkes für unzurechnungsfähig, hier sein Amt auszuüben, wenn er sich nicht Rechenschaft geben kann, wie weit er von niedrigen Motiven in solchen Dingen getr eben wird? Was mich persönlich betrifft, so bin ich seit 25 Jahren neun Mal in den Reichstag gewählt. Meine Wähler haben aber nie daran gedacht, ob ich als Jude oder Christ gewählt bin. Ich bin als Deutscher von Deutschen gewählt. Die große Mehrzahl meiner Wähler sind nicht einmal Juden. Wie kommt Graf Mirbach dazu, zu glauben, daß ich mich betrachte als gewählt für die Vertretung der Interessen des Judenthums? Ich bin auf dem Wege der Erfahrung nach einem weiten Bildungsgänge zu meinen Anschauungen in wirthschaftltchen politischen Dingen gekommen. Glaubt Graf Mirbach, daß in diesen Dingen es eine jüdische und eine nichtjüdische Wissenschaft gibt? Ich muß mich wundern, daß ein Herr seines Berufes einem Kollegen, den er seit langen Jahren kennen müßte, Gedanken unterschiebt, die ich nur als außerordentlich niedrige und gemeine bezeichnen kann. In einem wirklich durchgebildeten, von Wissenschaft und Erkenntniß etwas verstehenden Gehirn können solche Vorstellungen von Währung und konfessionellen oder stammesartlichen Interessen nicht entstehen. (Zustimmung links.) Worin hat es sich denn gezeigt, daß hier spezifisch jüdische Interessen im Spiele sind? Graf Mirbach hat gesagt, die Juden haben den größten Theil des beweglichen Vermögens. Nun in der ganzen Welt gibt es fünf bis sieben Millionen Juden. Ein sehr hoher Prozentsatz der Juden lebt in Rußland und es ist die ärmste, unglücklichste Bevölkerung, die es gibt. In Deutschland wohnen 500,000 bis 600,000 Juden, auch eine Anzahl reicher und vermögender Juden, ich will zugeben, ich will konstatiren, verhältnißmäßig mehr als unter den anderen Konfessionen; aber daß die größere Anzahl der Juden arm ist, wird mir kein Mensch bestreiten. Gehen Sie nur auf's Land hinaus und sehen Sie, wie sich die armen Juden plagen müssen, oder fragen sie einmal nach wie viel arme Juden in Berlin sind. Wie verhält sich aber das Judenthum zu dieser Agitation? Ich bin vielleicht der einzige Jude, der so entschieden für die Goldwährung eingetreten ist. Das große Haus Rothschild ist entschieden bimetallistisch gesinnt und es hat immer für die Doppelwährung gearbeitet. Als ich im Jahre 1879 gegen die Sistirung der Silberverkäufe sprach und darauf anspielte, daß der englische Generalkonsul, Herr v. Bleichröder bimetalltstisch gesinnt sei, antwortete mir Fürst Btsmark: er gebe zu, Bleichröder sei Bimetallist, aber das habe auf ihn gar keinen Einfluß. Große Firmen welche mit Edelmetallen handeln und ein viel größeres Interesse an der Doppelwährung haben, als die Beamten, sind jüdische Häuser, und Moritz Levt, für dessen Vorschlag Graf Mirbach eingetreten, ist doch auch Jude. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 6. März. Gestern Vormittag fand auf dem für den Bau einer Synagoge nach polnischjüdischem Ritus bestimmten Terrain in der Leopoldgaffe unter äußerst zahlreicher Betheiltgung die Grundsteinlegung statt. Der Feier entsprechend war der Eingang zu dem Bauplatze mit Reistggewinden und Fahnen in den Farben des Reiches und der Stadt geschmückt. Von den eingeladenen Honoratioren waren erschienen: Vice-Bürgermetster Dr. Grübl, Stadtrath Theodor Ritter v. Goldschmidt, Reichsrathsabgeordneter Dr. Bloch, zahlreiche Gemeinderäthe, der Polizeibezirksleiter der Leopoldstadt, Poltzeirath Waler, Oberbaurath Haberkorn, Baurath Taußtg, Architekt Fleischer, Beztrksvorsteher Schwab, die Mitglieder des Cultusvorstandes BaurathStiaßny, Dr. Markus Spitzer, Vicepräsident der „Union" und der Chewra-Kadischa, Ortsschulrath Heit u. v. A. Nachdem der Obmann des Bethaus-Comitös, Herr