Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 21 (13.3.1893)
- Date
- 1893-03-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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397 von Sonnenberg als Redner aufgetreten sei, daß aber die Sozialdemokraten auf diesen Leim des Stimmenfangs nicht gehen würden. Er, ein früherer Schüler Ahlwardts, wundere sich sehr, daß Ahlwardt, der ihm in der Schule Nächstenliebe gepredigt habe, jetzt in solcher Weise seine Nächstenliebe bcthätige. Im Anschluß an diese Ausführungen erregten die Sozialdemokraten einen großen Tumult, so daß ein freisinniger Redner, der sich noch zum Worte gemeldet hatte, es nicht mehr erhalten konnte, sondern die Versammlung geschlossen werden mußte. Berlin, 6. März. Wie wir bereits mittheilten, hatten sich die Antisemiten bei der Nachwahl in Stargardt auf den „Osserv. Cattol." berufen. „das bedeutendste katholische Blatt Italiens und Organ Sr. Heiligkeit des Papstes in Rom", das allen Katholiken den Antisemiten Paasch empfehle. Wir hatten von Anfang einen Schwindel vermuthet. Jetzt stellt die „Köln. Volksztg." den Sachverhalt so fest: „Der „Osservatore Cattolico", nicht zu verwechseln mit dem „Osservatore Romano", erscheint in Mailand und hat mit dem Papste nichts zu thun. Daß das Blatt eine Empfehlung der Kandidatur Paaschs brachte, hat seine Richtigkeit; sie ist enthalten gewesen in einem der vielen Berliner Briefe dieses Blattes, die sich durch die tollsten Uebertretbungen und Ausfälle auszuzeichnen pflegen. Der Urheber dieser Briefe gehört zu den verbohrtesten Nur-Antisemilen. wie wir schon Gelegenheit hatten, an Beispielen darzuthun. Der „Osserv. Cattol." brachte s. Z. 75 Leitartikel über den jüdischen Ritualmord, was doch selbst den Berliner Nur- Antisemiten etwas viel sein wird." An dem ganzen Vorgänge ist also nur so viel richtig, daß ein Berliner Antisemit feinen Gesinnungsgenossen den Gefallen thut, in einem antisemitischen Blatte Mailands Herrn Paasch zu empfehlen. Alles andere ist eigenste Znthat der deutschen Antisemiten. Für die antisemitische Taktik ist der Vorgang immerhin lehrreich. Berlin, 6. März. Bei der bevorstehenden Nachwahl zum Reichstage in Dortmund wollten die Antisemiten einen Schneidermeister Möller aufftellen. Herr Möller will aber von einer Reichstagskandidatur nichts wissen. Er erläßt eine urwüchsige Erklärung, in der es heißt: „Zur Reichstagswahl als katholischer Antisemit diene folgendes: Bin weder „antisemitischer Kandidat" noch „fortschrittlicher Schleppträger", wobei sich früher „Verschiedene" gefallen sind und eklig die Nase zerschunden haben. War auch nie „Wolf im Schafspelze" und mache aus meiner Meinung nie Hehl. Die „Antisemttenfrage" ist für mich als Handwerker in dem Augenblicke gelöst, wo nur derjenige ein Handwerk selbständig betreiben darf, der es theoretisch und praktisch gelernt hat. Im übrigen steht mir der jetzige „Parlamentarismus" ellenlang zum Halse heraus und habe ich schon seit Jahren für „Ständevertretung" meine Stimme erhoben, wozu die Leidenschaften bei den Wahlen nicht so entfesselt werden. Außerdem ist mir ein bestellter Anzug, der anständig bezahlt wird, lieber, als ein „Reichstagsmandat" ohne „Diäten", sonst hätte ich nicht in Wahlkreisen abgelehnt, wo die „Trauben" weniger „sauer" waren. Mein Name ist gerade lange genug im Reichstage „vertreten" gewesen. Als Katholik hätte ich aller, im eventuellen Falle, gerade so viel Anrecht auf die Stimmen der Katholiken, als wie die Herren Wulff, v. Ketteler, Lensing rc. rc., denn das sind in diesem Falle nichts mehr wie meine „Kollegen". Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. (Ein „christlicher" Arzt.) Am 23. Januar Abends, beim Nachhausekommen aus dem Geschäfte, fühlte sich der in Rudolfsheim wohnhafte Commis der Firma Brüder Hirsch, Moriz Grünberger, unwohl und klagte namentlich über heftige Schmerzen in den Beinen. Er schickte daher, da er Mitglied der „Gremial-Krankenkaffa der Wiener Kaufmannschaft" ist, um den zunächst wohnenden Krankenkassenarzt, Dr. Franz Jezek. Dieser erschien gegen 10 Uhr Nachts in der bescheidenen von der alten Mutter und ihrem Sohne bewohnten Behausung und kaum hatte er das Zimmer betreten, als er auch schon, ohne vorerst den vor Schmerz stöhnenden Patienten zu untersuchen, sich in heftigen Vorwmfen erging und mit lauter Stimme, so daß es am Gange von den Hausleuten gehört wurde, schrie: „Sie Schwindler, Sie wollen nur schwindeln mich werden Sie nicht beschwindeln" u. dgl. Vergeblich bat die besorgte, alte Mutter unter Thränen, der Arzt solle doch nur ihren Sohn, der unter großen Schmerzen leide, untersuchen. Dr. Jezek setzte seine lauten Beschimpfungen immer fort und, als der Patient hierauf erklärte, daß er nunmehr überhaupt auf die ärztliche Hilfe des humanen Krankenkaffenarztes verzichte, sich einen selbst gewählten Arzt holen, das Gebühren des Dr. Jezek aber sowohl der Oeffentlichkeit übergeben, als auch der Krankenkassenleitung zur Anzeige bringen werde, schrie ihm Jezek zu: „Dies können Sie thun, sagen Sie aber gleich dabei, daß ich ein christlicher Arzt bin!" Noch am selben Tage nahm der jüdische Arzt, Herr Dr. H. Friedländer den Patienten in seine Behandlung. Am 3. Februar d. I. aber stand der „christliche" Arzt Dr. Jezek, vor dem Strafrichter des 15. Be-