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Der Israelit · 1893-03-13 · Heft 21 (13.3.1893) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 21 (13.3.1893)
Date
1893-03-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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395 Juden bleiben. Aber die großen Bankbrüche in Berlin, die der antisemitischen Flamme so ungeheure Nahrung zum Auflodern zugeführt, sie hätten nicht Vorkommen können, wenn die Schuldigen orthodoxe Juden gewesen wären, die bescheiden leben und nicht in ihrem Ehrgeiz sich hervordrängen und ihre jüdischen Pflichten über Bord werfen. (Schluß folgt.) Literarischer Gericht. 8. In der Broschürenliteratur der Gegenwart, welche die sogenannte Judenfrage behandelt, nimmt die kürzlich erschienene Schrift des Oberlehrers Dr. Walther Pohlmann „Das Judenthum und sein Recht" (Neuwied und Leipzig 1892 Heuser) eine hervorragende Stellung ein. Daß in kürzester Zeit sechs Auflagen nöthig waren, ist der beste Beweis für den werthvollen Gehalt dieser kleinen Schrift, zeigt aber auch, daß eine würdevolle und sachgemäße Behandlung der genannten Frage immer noch auf ein großes und vorurtheilsloses Lesepublikum rechnen darf. Wir haben ja in letzter Zeit genügend erfahren, zu welchen, sagen wir, absonderlichen Vorschlägen zur Bekämpfung des Antisemitismus sich manche verstiegen. Da verlangen die Einen nichts weniger, als daß die Juden alles das aus ihrer Religion ausmerzen sollen, was uns überhaupt noch an die Juden erinnert: Speisegesetze, Sabbat, Beschneidung u. s. w. seien aufzugeben, sie sollten also als Juden sich die volle Gleichstellung erringen, indem sie aufhörten Juden zu sein. Manche finden in der Anordnung des christlichen Dogma's das Heilkraut gegen die „Schmach des Jahrhunderts". Andere, die nicht so weit gehen, verlangen, die Juden sollten öffentlich erklären, das sie mit den Spitzbuben unter den Juden keine Gemeinsamkeit hätten, als ob das für die ehrlichen Leute nicht etwas Selbstverständliches wäre, und wobei einem unwillkürlich die Frage einfällt, warum denn nicht auch Protestanten und Katholiken eine solche Erklärung abzugeben hätten, da doch in ihren Kreisen es auch nicht an Spitzbuben und Verbrechern mangelt. Die vorliegende Broschüre, die von dem ganz richtigen Standpunkt aus, daß keinem Volke und keiner Konfession gewisse Verbrechen als an- und eingeborne anhaften, da es überall Schlechte und Gute gibt, findet das Heilmittel nicht bei den Juden, sondern bei den Christen: „Es gibt nur einen Weg, vollen Frieden zwischen Juden und Christen zu schaffen. Die durch das Gesetz gewährleistete volle Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger ist durch die Christen ohne jede Ausnahme in die That zu übersetzen. Die Juden sind bei nachgewiesener Befähigung zu sämmtlichen Aemtern zuzulassen. Auch der Offizierstand darf in Zukunft keine Ausnahme machen." Ausschluß der Bürger eines Reiches von der Gleichheit vor dem Gesetze oder den Bürgerrechten wegen der Religion sei das Gefährlichste für einen Staat. Gelte dies, dann dürfte auch der Katholik den Protestanten und der Protestant den Katholiken unterdrücken. Eine Vorenthaltung der Rechte wegen der Abstammung würde! den Anglo-Amerikaner berechtigen dem Deutsch-Ame- I kaner den Genuß der Bürgerrechte zu versagen. Der Jude, der dem Staate Gut- und Blutsteuer zollt, habe ein Recht auf eine praktisch durchgeführte Gleichstellung, und wenn man die Leidensgeschichte des jüdischen Volks durchgehe, so ergebe sich, daß die Christenheit an den Juden noch eine große Schuld abzutragen habe, die nur durch die volle Anerkennung ihrer Rechte vollständig beglichen werden könne. Der Leser wird durch den kurzen Ueberblick, mit dem der Verf. die Leidensgeschichte des jüdischen Volks überschaut, gewiß von manchem Vorurtheil geheilt werden, er wird erkennen, wieso es gekommen, daß worauf sich die Antisemiten ja so oft berufen, die Juden wegen ihres Wuchers im Mittelalter schon verhaßt; er wird, wenn er erfährt, daß die Fürsten die Juden, von allen Gewerken und vom Länderbesitz ausgeschlossen waren, geradezu aufforderten Geldgeschäfte zu machen und exorbitante Zinsen zu nehmen, damit sie ihren Landesherren Geldtribut zollen konnten, erkennen wer die eigentlichen Wucherer waren. Wo nicht Haß und Verblendung schon so weit Fortschritte gemacht haben, daß die klaren geschichtlichen Beweise nicht mehr verstanden und logische Schlüsse nicht mehr begriffen werden, da muß die vorliegende Broschüre aufklärend wirken uud die Erkenntniß fördern, daß der Antisemitismus nicht nur ein Hohn jedes Rechtsgefühls ist, sondern eine Gefahr für die menschliche Gesellschaft und das Vaterland in sich birgt, deren Folgen sich nicht übersehen lassen. Die Schrift des Rabbiner Dr. Adolf Kurrein „Die Pflichten des Besitzes nach Bibel und Talmud" (Franks, a. M., Kauffmann) läßt uns eine Einzelseile der jüdischen Eihik, die aber eine weittragende Bedeutung hat, kennen lernen. Daß der Besitz nicht nur Rechte, sondern in noch größerem Grade Pflichten auferlegt, das wird in dieser Schrift an der Hand der Quellen vortrefflich nuchgewiesen. Die soziale Frage wird ihrer Erledigung entgegengeführt werden, wenn die Anerkennung dieser Pflicht, wie sie uns hier vorgeführt wird, in weite Kreise Eingang finden würde. — Eine eigenthümliche literarische Erscheinung, die aber Zeugnlß ablegt, wie unsere praktischen Glaubensbrüder in England der Noth und der Armuth zu begegnen suchen, ist eine vom Oberrabbiner Dr.

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