Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 21 (13.3.1893)
- Date
- 1893-03-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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394 wzu ihrer Aufdeckung vorher eine möglichst weite Verbreitung zu geben, ja man scheut sich nicht, solche Verleumdungen im Parlamente zur Sprache zu bringen, obgleich ich keinen dieser Verleumder für so naiv halte, daß er seinen Worten selber glaubet und nicht selbst von der Schändlichkeit seiner Kampfesart überzeugt ist. Was aber sollen in dergleichen Fällen die Juden thun? Selbstverständlich mit aller Schärfe solche Fälschungen brandmarken, wie die Cherubim mit ausgebreiteten Fittigen das Heiligtbum schützen, vor allem aber die Unerfahrenen aufNären über W wahre Bedeutung der angegriffenen Lehren oder Gebete. Aber das Gegentheil geschieht leider nur allzuhäufig. Die Herren, denen es ganz gleichgtlttg ist, ob unsere heiligsten Bücher leben oder sterben, treten in die Reihen der Feinde und rufen mit ihnen gemeinsam: „Weg mit diesen alten Scharteken und „v e r s ch i mmelten" Gesetzen." Vorstände kleiner Gemeinden, die des Tags über hausiren gehen und des Abends keine Ahnung haben von irgend einer tieferen Bedeutung unserer Gebete, Vorstände großer Gemeinden, die mit ihrem „Judenthum im Herzen" und ihrer Armenkasse ihr ganzes Judenthum erfaßt zu haben glauben, erdreisten sich dann in ihrer Eigenschaft als Vorstand, Hand anzulegen an unsere heiligsten Satzungen, zu streichen, was seit Jahrhunderten hindurch uns für heilig galt, und warum? Weil die Antisemiten es gewollt. Ich will das naheliegendste Beispiel anführen. Der Kampf gegen das Köln id rege bet, der schon lange währt und ebenso regelmäßig vor dem Versöhnungstage alljährlich ausgenommen wird, wie die Blutfabel vor dem Passahfeste, hat sehr viele große und kleine Gemeinden veranlaßt, dies schöne ( ebet mit seinen historischen Melodien zu streichen oder es durch ein anderes,. dem Sinne nach übrigens ganz gleiches Gebet zu ersetzen. Unsere Feinde behaupten nämlich: Die Juden dürften Meineide schwören und das Kolnidregebet löset sie wieder auf. Nun gehet aber gerade das Gegentheil aus diesem Gebete hervor. Das Kolnidregebet ist ein Beweis, wie heilig selbst der kleinste einem Eide gleichkommende Ausspruch dem Juden ist. Denn alle Gelübde, die sich der Jude „auf seine eigene Person" gelobet, z. B. er wolle sich mit irgend einem Feinde nicht wieder versöhnen, oder das Haus irgend eines Andern nicht wieder betreten, und er that cs doch — möge Gotte als nicht ausgesprochen ansehen und ihm verzeihen. So heilig hält der Jude ein einfaches Gelübde, geschweige denn einen Eid, bei dem er den Namen Gottes sogar erwähnt. Und trotzdem wird das Kolnidregebet von den Herren Vorständen abgeschafft. Warum? Weil die Antisemiten es wollen. „Also" — so können unsere Feinde folgern — „müssen wir doch Recht haben, sonst würden die Juden nicht selbst dieses Gebet streichen." Und wenn morgen ein anderes Verlangen an uns ergehet? Immer nur zu, die Orthodoxie mit ihrem starren Festhalten an den alten Gesetzen, sie ist ja der Urheber des Antisemitismus, denn einer der Berliner Koryphäen hat es ja herausgefunden und in seinem Machwerke: „Schutzjuden oder Staatsbürger" öffentlich proklamirt. „Fort also mit der Gleichgiltigkeit!" so rufet der Herr Verfasser aus, und darin stimme ich mit chm überein, aber leider meint er das Gegentheil von dem, was ich vermuthete. Denn er fährt fort: „Nicht um religiöse Fragen handelt es sich, und nicht darauf kommt es an, ob aus dem Texte der Liturgie des Versöhnungstages, der für Tausende von Juden nicht mehr ein Tag der Andacht ist, dies oder jenes unzeitgemäße Gebet forlfällt, sondern um unser Verhältniß zu unfern Mitbürgern, zum Staate." Und ist in der That dieses Verhältniß von den „unzeitgemäßen" Gebeten abhängig? Ist vielleicht der fromme Jude, für den es nur Eine Thora, Ein Gesetz gibt, das ewig zeitgemäß, als alte Wahrheit ewig Wahrheit war und ewig Wahrheit bleiben wird, ist er vielleicht ein schlechterer Staatsbürger im Staate, weil er strenggläubig ist? Oder verliert der fromme Jude in den Augen der nichtjüdischen Mitbürger, weil er seine Religion hält? Ich will dem Verfasser ein Urtheil des Herrn Hofprediger Stöcker, der gewiß nicht zu den Judenfreunden gehört, über diesen Punkt vorführen: Stöcker ruft in einer Predigt, am 10. Tage nach Trinitatis, die im Druck erschien, seiner Christengemeinde zu: „Sie sind keine wirklichen Juden, diese Verführer, wirkliche Juden müßten fromme Israeliten sein. Sie sagen nur, daß sie es sind und lügen. Die alten Israeliten, welche noch heute nach dem Gesetze Mosis leben und ihre alten Satzungen beobachten und auf das Heil Israels warten, sie sind es nicht, denen unser Kampf gilt u. s. w." Es fällt uns absolut nicht ein, aus solchen Aeußerungen Kapital zu schlagen, sondern wir fühlen uns solidarisch mit allen Juden, wenn es gilt, dem gemeinsamen Feind die Waffen entgegen zu halten, das aber thut der Verfasser nicht, sondern er fährt fort: „Schütteln wir sie ab, lösen wir jede Gemeinschaft mit ihnen und erklären wir es Jedem, der es hören will: Mittelalterliche Anschauungen sind nicht vereinbar mit dem Empfinden der modernen Staatsbürger." Sollte man glauben, daß es in unserer Zeit möglich ist, solches zu vernehmen, warum fährt der Verfasser nicht weiter: „Lassen wir uns taufen"? Nun weil eben in den Augen der Feinde die getauften Juden immer noch