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Der Israelit · 1893-03-09 · Heft 20 (9.3.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 20 (9.3.1893)
Date
1893-03-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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375 dies erfolglos blieb, etwas stärker angeklopft. Jetzt wurde den Frauen allerdings eine Antwort, aber sie verhieß nichts Gutes: „Kommst Du endlich nach Hause, Du Trunkenbold, Lump, Spieler, der Du statt zu arbeiten, den ganzen Tag im Wirthshaus sitzest und Karten spielst", rief eine rauhe Männerstimme, „komm' nur, wir werden Dir schon Deine Liederlichkeit austreiben, ich werd' Dir zeigen, das Geld im Wirthshaus zu verlumpen und zu verspielen, ich schlag Dir alle Knochen entzwei", auch wurden Männertritte und das Bellen eines Haushundes, der heftig an seiner Kette zerrte, vernehmbar, ein schwerer Balken, der inwendig als Riegel vorlag, wurde niedergelassen, das große Thor, das in den Angeln kreischte, geöffnet und ein alter Bauer, die Bäuerin, ein Knecht und eine Magd, die eine Stalllaterne trug, traten aus demselben. Das zorngeröthete Gesicht des Bauern, der derbe Kuotenstock in seiner, der Drcchfltgcl in des Knechtes Hand deuteten darauf hin, daß es dem Bauer mit seiner Drohung gegen den ungerathenen Sohn Ernst war. Daß er sich in seiner Erwartung getäuscht und statt des Sohnes zwei fremde Frauen vor dem Thore fand, schien seine üble Laune noch zu vermehren und er herrschte die zitternden Frauen an, weßhalb sie am Thore geklopft? Dina hatte vor Schrecken nicht zu antworten vermocht, aber Eva faßte sich ein Herz und antwortete, sie wären zwei arme Frauen, die sich auf dem Wege verirrt und höflich bäten, da sie in der Nacht nicht ihren Weg fortsetzen möchten, ihnen zu gestatten in irgend einem Winkel des Hauses übernachten zu dürfen; sie würden sich mit dem kleinsten Raume begnügen, nicht die geringste Ungelegenheit bereiten und am Morgen mit dem frühesten ausbrechen. Die Art und Weise, in welcher Eva ihre bescheidene Bitte vortrug, wahrscheinlich auch deren gewinnende Erscheinung, machte auf den polternden Bauern einen günstigen Eindruck und er schien geneigt, sie eintreten zu lassen, aber plötzlich stieß die Magd einen Entsetzensschrei aus und rief: „Was fällt Euch da ein, diese Weibsbilder einzulassen. .... Das Mädchen hat kohlschwarze Haare und kohlschwarze Augen, sie ist wie ihre Begleiterin, eine Zigeunerin. Das Gesindel verhext das Vieh. Sonntag beim Tanz im Wirthshaus' haben sie erzählt, daß zwei Zigeunerinnen, denen ein Bauer aus Barmherzigkeit über Nacht Unterstand gegeben, die Küh' verhext haben, daß sie am nächsten Tage keine Milch gegeben, vielleicht sind es dieselben." „Fort, fort, Ihr miserables Gesindel", schrie jetzt die Bäuerin, „Wenzl, kett' den Hund los und hetz' ihn auf das elende Zigeunervolk; sie könnten auch bei uns ihre verruchten Zauberkünste ausüben" und auch der Bauer wurde von der Furcht seiner abergläubigenUmgebung angesteckt und schrie. „Trollt Euch weiter! bei mir ist für Weiber, die des Nachts herumstreifen kein Platz!" und da der dienstwillige Knecht den Befehlen der Bäuerin gehorfamend, den großen Hund von der Kette loslöste nnd dieser in wilden Sprüngen auf die beiden Frauen losstürzte, erschien es den zu Tode Erschreckten noch als ein Glück, daß der Bauer zornig den Thorflügel zuwarf. Als Dina nnd Eva dann weiterschritten, begann jene leise heftig zu schluchzen. Eva zermarterte ihr Gehirn, um in dieser entsetzlichen Lage noch ein Wort des Trostes und der Beruhigung zu finden und sie sprach: „Der Schimpf, der uns von fremden Leuten, die uns nicht kennen und für etwas Anderes halten, als wir sind, zugefügt wird, kann Dich doch nicht kränken. Beruhige Dich nur, mein liebes Mütterchen, ich weiß allerdings nicht, wie cs mit uns werden wird; aber ein gutes Sprüchwort sagt: Wo die Noth am Höchsten, ist die Hilfe am nächsten!" „Das Eine muß ich Dir gestehen, unsere Noth ist so hoch gestiegen, daß eine Steigerung nicht mehr möglich ist!" Sie waren in unschilderbarer Verzweiflung wieder eine Stunde Weges gegangen, als ihnen ein Reiter entgegen trabte. Er war gut gekleidet und machte seiner äußeren Erscheinung nach den Eindruck eines vornehmen Herrn. Als er den beiden Frauen so nahe kam, daß er ihre Züge und ihre Gestalten deutlicher erkennen konnte, schien er von der Schönheit Evas betroffen, er hielt sein Pferd an und frug, sich an Eva wendend: „Wohin des Weges, meine Schöne?" Eva erzitterte vor Zorn und Schrecken, sie hielt es für das Beste, die kecke Frage unbeantwortet zu lassen und versuchte es — den Arm der Mutter ergreifend — rasch an dem Retter vorüberzukommen, aber dieser machte mit seinem Pferde schnell eine Schwenkung, so daß er mit diesem die Breite der Straße versperrte. „Mein Schloß liegt in der Nähe, ich lade Euch ein, über Nacht mein Gast zu sein und hoffe, Ihr werdet nicht so unhöflich sein, meine freundliche Invitation zurückzuweisen.... Ich bin Graf Moldenheim." „Herr Graf", hatte Dina geantwortet, „wenn man zwei Frauen in später Stunde allein auf der Heerstraße begegnet, setzt man voraus, man dürfe von ihnen das Niedrigste denken. Wir, Herr Graf, befinden uns in einer Ausnahmslage, wir sind zwei unglückliche Frauen, ich bitte Sie inständigst, mir zu glauben und den Weg frei zu geben." Der Graf wurde von diesen Worten überrascht, aber schien offenbar nicht geneigt, ihnen Glauben zu schenken und er replizirte.

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