Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-03-06 · Heft 19 (6.3.1893) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 19 (6.3.1893)
Date
1893-03-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448335--35887-2483892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

358 2eip$iQ, 23. Febr. Das Reichsgericht verwarf die Revision Ten Winkels in Elberfeld, des Redakteurs der antisemitischen „Rheinischen Wacht", der im November vom Landgericht Elberfeld wegen Beleidigung des ersten Staatsanwalts Baumgardt, des Landgerichtsraths Brixius und des Richterkollegiums in Kleve durch zwei Artikel über den Buschhoff-Prozeß zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt wurde. Petersburg, 24. Februar- Dem Regierungsboten zufolge erinnerte der Minister des Innern die ihm unterstellten Behörden an die gesetzlichen Bestimmungen, wonach die jüdische Sekte der Karaiten nicht denjenigen Rechtsbeschränkungen unterliegt, die hinsichtlich der übrigen Juden festgesetzt sind. — Die iSr Kinderheilstätte im Soolbade Kö n i gs dorff- Jastrzemb hat laut Jahresbericht pro 1892 insgesammt in der zurückgelegten Saison 63 Kinder aus den verschiedensten Ortschaften, und zwar 27 Knaben und 36 Mädchen, in vier auf einander folgenden Serien beherbergt. Von denselben wurden 21 ganz unentgeltliche Aufnahme (Freistellen) gewährt; 24 wurden gegen Zahlung der Hälfte der Selbstkosten (halbe Freistellen), und 18 gegen Entrichtung eines Satzes, der annäherungsweise den Selbstkosten gleich kam, ausgenommen. In diesen Zahlen spricht sich so recht die hervorragende Gemeinnützigkeit des Werkes aus. Die Kurzeit der Pfleglinge betrug in der Regel 4 volle Wochen, wobei der Tag der Ankunft und der Abreise nicht mitgezählt wurde; bei Einzelnen wurde dieselbe bis zu 6 Wochen verlängert. Jedem Kinde ist Wohnung, volle Verpflegung, erziehliche Aufsicht, ärztliche Behandlung, Bäder und andere Kurmittel bezw. Arzneien zu Theil geworden. Die Zahl sämmtlicher Verpflegungslage in der Anstalt belief sich auf 2110. Die Kinder waren mit folgenden Krankheiten behaftet: 32 litten an Lymphgefäßerkrankungen (Skrophulose), 8 an Bleichsucht, 4 an Blutarmuth, 4 an Juckausschlag, 3 an Knochentuberkulose, 3 an Herzfehler, 2 an Veitstanz, 2 an Rheumatismus, 2 an englischer Krankheit, 1 an Enuresis, 1 an Stimmritzenkrampf. Sämmtliche Kinder der Anstalt mit Ausnahme der drei Herzkranken halten ohne Störung die ihrer Konstitution und Krankheit entsprechende Sool-Trink- und Badekur durchmachen können und einen Erfolg von derselben zu verzeichnen gehabt, der theiles in völliger Genesung, theils in wesentlicher Besserung bestanden hatte. Eins der Herzkranken Kinder war nach 14 tägigen Aufenthalt in der Anstalt an einer Rippenfellentzündung gefährlich erkrankt, die sich aber bald wieder zurückgebildet hatte. Die Einnahmen betragen 10435 M., die bis auf 5594 M. verausgabt wurden. Feuilleton. „Fürstengunst." Erzählung von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird aufs Strengste verfolgt werden. UebersetzungSrechte Vorbehalten. (56. Fottsetzung.) Als die beiden Frauen sich in dem ihnen zum Schlafen bestimmten Zimmer allein befanden, sprachen sie sich über ihre Lage aus und konnten es nicht verheimlichen, das sich diese noch viel trauriger gestaltete, als selbst sie befürchtet hatten. Daß der Markgraf einen hohen Preis auf ihre Köpfe ausgesetzt, hatte ihre Lage im höchsten Grade verschlimmert. Sie konnten jetzt nicht daran denken nach Cham zu gehen, Kröndl Buttenwieser hatte recht, sie durften eine Zusammenkunft mit ihren Lieben, die sie verrathen konnte, nicht suchen, eben so wenig konnten sie zu Jonas Meyer nach Dresden gehen, um einen Theil ihres Vermögens zu erheben, oder sich diesbezüglich brieflich an ihn wenden. — Nach einer langen Berathung kamen die Frauen überein, nichts zu thun die Spuren ihrer Lieben aufzufinden und es der Fügung Gottes zu überlassen, ob sie je mit ihnen zusammenkommen würden. Gleich nach dem Sabbatausgang traten sie ihre ziellose Wanderung an; sie wollten so rasch als möglich den deutschen Boden verlassen, aber sich denn doch nicht so weit entfernen, daß jede Möglichkeit, Nachrichten über das Schicksal ihrer Lieben zu erhalten, abgeschnitten wäre. Sie schlugen zunächst den Weg nach Böhmen ein. — Ist schon die Lage zweier Frauen, von denen eine durch ihre ungewöhnliche Schönheit auffallen muß. welche ohne männlichen Schutz allein eine wette Reise unternehmen, eine traurige, so war sie in diesem Falle eine entsetzliche. Die Frauen mußten cs vermeiden, Orte zu berühren, von denen sie annehmen konnten, dort einem Menschen, der sie kannte, zu begegnen, sie durften sich Niemanden anschließen, und wenn von Evas Schönheit angelockt, sich ihnen Männer in unbescheidener Weise nahten, besaßen sie nicht nur keinen natürliche.! Beschützer, sondern sie durften es nicht, wie Andere wagen, sich an irgend jemanden um Hilfe und Beistand zu wenden; sie wagten es nicht, sich, wie dies im Leben so häufig vorkommt, von irgend jemanden den geringsten Dienst erweisen zu lassen, weil sie jeder Veranlassung über ihre Verhältnisse, über das Ziel ihrer Reise befragt zu werden, aus dem Wege gehen mußten. Der Zudringlichkeit frecher Gesellen vermochten sie sich stets nur durch rasche Flucht zu entziehen. Jede Sekunde wurde ihnen durch die Angst vergällt: verrathenverhaftet nach Ansbach ausgeliefert zu werden, nicht einen Augenblick verließ sie die grauenvolle Furcht, plötzlich von einer entsetzlichen, ihre Lieben betreffenden Nachricht überrascht zu werden, diese Angst verfolgte sie bis in ihre Träume, vergiftete mit ihren Schreckbildern die wenigen Stunden ihres Schlafes.Sie konnten sich in keinem Orte längere Zeit aufhalten, weil sie fürchten mußten, die Aufmerksamkeit, namentlich der Behörden auf sich zu ziehen. Eva fürchtete stets, die Mutter würde den unerhörten, mit nervenzerstörenden Aufregungen verbundenen Strapazen erliegen. Bald stellte sich noch ein neues, entsetzliches Uebel ein. Die beiden Frauen hatten sich, trotzdem sie die Reise nach Ansbach gemeinschaftlich mit Rafael gemacht hatten, welcher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.