Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1893)
- Date
- 1893-03-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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359 eine große Summe bei sich trug, doch auch im Besitze einer mäßigen Summe befunden, allein diese war durch die Kosten der Reise nach und nach erschöpft worden, sie mußten die Schmuckgegenstände, die sie trugen, Ohrgehänge, Ringe, Busennadeln verkaufen. Zumeist waren sie gezwungen, dies in kleinen Orten zu thun, wo sich für derlei Kostbarkeiten kein Abnehmer fand und sie zu Preisen verkaufen mußten, die zu dem wahren Werthe derselben in keinem Verhältnisse standen. In dem Maße als sich ihre Mittel verringerten, kn dem Maße mußten sie sich einschränken, endlich konnten sie bei ihrer Reise nicht mehr einen Wagen benützen, sie mußten dieselbe zu Fuß fortsetzen! Schließlich mußte naturgemäß ein Moment völligen Mangels an Geld eintreten. — An einem Wintermorgen, nachdem die beiden Frauen in einem mährischen Dorfwtrthshause übernachtet und ihnen der Wirth mehr als Eva erwartet, abgefordert hatte, mußte diese, welche die Kasse führte, so schmerzlich es ihr auch fiel, der Mutter erklären, daß sie nicht einen Kreuzer Geld und auch nicht für einen Kreuzer Geldeswerth besäßen. Es war dies um so entsetzlicher, als sich auch, in Folge der langen Fußwanderung, ihre Kleider und Schuhe im traurigsten Zustande befanden. „Was werden wir nun beginnen?" hatte Dina verzweifelnd gefragt und Eva geantwortet: „Ich bin jung, kräftig, habe vieles gelernt, — ich werde es, wenn wir in die nächste jüdische Gemeinde kommen, versuchen, mich als Magd, als Köchin, als Krankenwärterin, zu welch' Dienstleistung immer zu verdingen; ich werde mich mit geringem Lohn begnügen, ich bin zufrieden, wenn man uns blos die Kost und etwas abgelegte Kleider gibt." „Eva, mein Kind", hatte Dina aufgeschricen, was sprichst Du?" „Nichts Unvernünftiges, wie ich glaube", hatte Eva mit zuckender Lippe, wehmüthig lächelnd geantwortet. „Und auch, wenn Du Dich so tief erniedrigen wolltest, es würde nichts nützen, wer würde zwei arme, zerlumpt gekleidete, halbverhungerte Frauenzimmer, die keine Reisepapiere besitzen und nichts Näheres über sich angeben wollen, aufnehmen? .... Solchen schenkt man im besten Falle einen Kreuzer, ein Stück Brod, einen Teller Suppe, läßt sie, um ihre erstarrten Glieder zu wärmen, am Ofen, in der Küche sitzen, dann schickt man sie, nachdem man ihre Taschen untersucht hat, ob sie nichts gestohlen, weiter." Dann waren sie wieder einige Stunden, ohne ein Wort zu sprechen, gegangen. „Da wohnen Juden!" rief Eva, als sie in das nächste Dorf kamen, „es ist eine Mesuse^) an der Thüre, ich werde anfragen, ob die Frau eine Magd braucht." 1) Eine mit Bibelsprüchen beschriebene Pergamentrolle. „Thue es nicht!" rief Dina. „Was kann daraus für ein Nachtheil entstehen?" hatte Eva geantwortet, „wenigstens werden wir uns kurze Zeit in einem geheizten Raume erwärmen können, und . . . ." war Eva zögernd fortgefahren, „es ist gerade Essenszeit, die Landjuden sind gastfreundlich, vielleicht fordern sie uns auf, an ihrem Mahle theilzunehmen. Ein Löffel warmer Suppe würde uns wohl thun!" Die beiden Frauen traten in das Häuschen; schon auf dem Flur hörten sie ein häßliches Gezänke zwischen einem Manne und einer Frau; Dina und Eva waren eben im Begriffe sich scheu zurückzuziehen, als sich die Zimmerthüre öffnete und ein älteres, häßliches Weib, dem ein jüngerer Mann folgte, heraustrat, die beiden Frauen heftig anfuhr und kreischend frug: wer sie wären und was sie hier zu suchen hätten. Eva sah es wohl ein, wie unpassend es unter solchen Umständen sei, dieFrage an die Frau zu richten, ob sie etwa eine Magd aufnehmen wolle; allein dem Drucke der äußersten Noch nachgebend, begann sie, erröthend und erblassend ihre Anfrage. Die häßliche Frau blickte verwundert auf, das schöne Mädchen schien einen günstigen Eindruck auf sie zu machen und Eva hoffte schon, gegen ihre ursprüngliche Erwartung, auf eine günstige Erledigung, allein nun sprach der Mann und zwar in einem schmeichlerischen Tone, der mit seinem frühern lauten Geschrei im sonderbarsten Gegensätze stand: „Meine liebe, goldene Jochebet, Du könntest wirklich ein tüchtiges, braves, rechtschaffenes Mädchen als Magd aufnehmen, Du hättest dann nicht nöthig selbst so viel zu arbeiten" und dabei glitt sein Blick behaglich über die hohe Gestalt des Mäochens; aber die Frau fuhr in wildem Zorne auf und schrie: „Du nichtnutziger Lump! Das hübsche Mädchen gefällt Dir vielleicht noch besser, als die Bauernmägde, denen Du nachlaufst? Wie so weißt Du, daß die wildfremde Person, tüchtig, brav und rechtschaffen ist? — Oder kennst Du sie, hast Du sie in Proßnitz am Markte gesehen und mit ihr verabredet, daß sie sich mir als Magd anträgt und sichin meinem Hause etnniftet? Daraus wird nichts! Vergiß es nie, daß Du ein armer Lump warst, als ich unglückliche Frau, Dich zum Gatten nahm", dann hatte sie sich in höchstem Zorne zu Eva und ihrer Mutter gewendet und wie eine Furie geschrien: „Marsch hinaus, Ihr nichtsnutziges Gesindel, sonst jag' ich Euch mit dem Besen mit blutigen Köpfen zur Thüre hinaus!" und endlos tief beschämt, wankten Mutter und Tochter aus dem Hause. „Ich hatte Dich gewarnt", sprach Dina unter strömenden Thränen, „Du hättest mir folgen sollen, es wäre uns dann wenigstens diese unverdiente Schmach erspart geblieben."