Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1893)
- Date
- 1893-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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855 Verwaltung und Regierung, wie sie sein auch belehrendes Werk enthält? In ähnliche Form kleidet sich hier der Dank, den wir für die Wohlthaten Gottes in ihren verschiedenen Rangstufen schulden. — Gott hat unserem Ahn verheißen ihn zu einem großen Volke zu machen. Zu diesem Zweck führte er seine Nachkommen in die Sklaverei Egyptens und zu diesem Zwecke befreite er sie wieder aus derselben. Hätte uns nun Gott aus der egyptischen Knechtschaft befreit, aber etwa in der Weise, daß die Egypter ihr schweres Unrecht eingesehen hätten, mit welchem sie ein friedliches, unschuldiges Volk der Verkümmerung und Vergewaltigung preisgeben wollten, sie hätten den Unterdrückten die Freiheit geschenkt und hätten sie aus freien Stücken ziehen lassen, ohne daß Gott durch Plagen und Strafgerichte mannigfacher Art den Trotz der Tyrannen gebrochen hätte, hätte dies für die Erreichung des Zweckes genügt, welchem der ganze Aufenthalt in Egypten dienen sollte? Hätte man dann in dem ganzen Vorgang Gottes Eingreifen zu Gunsten seines Volkes erkannt, das allein Israel die Größe verleiht, die dem Ahn für seine Nachkommen zugesichert wurde? Hätte man das ganze Geschehniß nicht für einen ganz gewöhnlichen Vorgang angesehen, wie er viele Male sonst im Leben der Staaten und Völker vorkommt, ohne Gottes Walten zu ahnen, das sich in der Befreiung der Unterdrückten erst durch den Schlag bekundete, den es gegen die Unterdrücker führte??W"i O'vLü? nna rwy onsDD uxnm Hätte uns Gott aus Mizrajim geführt, hätte aber auf die Egypter seine Strafgerichte nicht wirken lassen, hätte uns das genügen können? Aber von der Rücksicht auf Gottes sichtbares Eingreifen in unsere Lebensqeschicke einmal ganz abgesehen, hätte unsere wirkliche Freiheit und vollständige moralische Unabhängigkeit nicht eine wesentliche Einbuße erlitten, wenn wir den Auszug aus Egypten dem guten Willen der Egypter zu danken hätten? Unsere Freiheit wäre dann ein Gnadengeschenk unserer Tyrannen gewesen, wofür wir ihnen ewigen Dank geschuldet hätten, und das sollte es doch nicht sein. Dieses wollte Pharao, als er seine Opfer nicht mehr länger halten konnte und aus der Noth eine Tugend machen wollte, indem er Moscheh und Ahron in der Nacht rufen ließ, ihnen den Wegzug gestattete, den er nicht mehr zurückhalten konnte, und diese Gestattung mit den Worten schloß: oronai *nx dj, auch euer Klein- und Großvieh nehmt mit, wie ihr gesprochen habt und geht, segnet aber auch mich! (II. B. M., XII, 32.) Dieses ist auch der Sinn des Abschnittes onay im, mit welchem der erzählende Theil der Peßach- Hagadah beginnt. „Knechte waren wir dem Pharao in Mizrajim und es führte uns Gott, unser Gott, von dort hinaus mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm (das sind eben die über die Egypter verhängten Strafgerichte), hätte aber nicht der Heilige, gepriesen sei Er, (sondern etwa der gute Wille der Egypter) unsere Väter aus Egypten geführt, so wären wir, unsere Kinder und Kindeskinder (nicht anay wie es am Eingang heißt, sondern Dnayw») verpflichtet geblieben Pharao in Mizrajim. Wären wir auch noch so weise, vernünftig und Thorakundig, die Pflicht den Auszug aus Mizrajim zu erzählen (wie er durch Gottes Walten und nicht durch menschliche Gnade ermöglicht wurde) läge uns immer ob, denn je mehr wir erzählen, um so größer und lobenswerter stünden wir da, weil jede Nuance dieser Erzählung, uns als die von Gott Erlösten, nicht aber als durch Menschen Befreite erscheinen läßt. Deßhalb hätte es für das Hochziel, dem das Sklavenloos unserer Väter in Egypten diente, nimmer genügt, wenn Gott uns aus Egypten geführt hätte, ohne die Räuber unseres Lebensglücks seine strafende Waltung fühlen zu lassen. (Frrtsetzung folgt.) ZeitrrugSnachrichte« und Correfponderrze«. Deutschland. Berlin. 20. Februar. Wie eine Art Konzil über jüdische Glaubenslehren und ihre Quellen hat sich bei den letzten Berathungen über den Kultusetct das preußische Abgeordnetenhaus benommen. Talmud. Schulchan Aruch und ähnliche Dinge, wovon im ganzen Hause kein Mensch etwas versteht, schwirrten in den Debatten hin und her, und gestützt auf die absolute Unkenntniß wurden schwerwiegende Anklagen gegen die jüdische Morallehre von der einen Seite erhoben und von der andern zurückgewiesen. Man kann kaum ein thörichteres Beginnen sich denken, und es geschieht nur den Antisemiten ein Gefallen, wenn man ihnen, sei es auch nur abwehrend, auf ein Gebiet folgt, wo die Leidenschaft und kecke Behauptungen gänzlich ununterrichteter Leute schließlich doch den größten Eindruck machen. Ein Parlament, in dem man sich über die einfachsten Fragen des Staatsrechts und der wirthschaftlichen Konsequenzen von Schutzzöllen nicht zu einigen vermag, ist doch der letzte Ort, an dem Glaubensstreitigkeiten ausgetragen werden können. Wohin hat es geführt, wenn in der Kulturkampfszeit über römische Dogmen gestritten wurde, obwohl diese doch ihrem Wortlaute nach bekannt waren, und wohin würde es fuhren, wenn sich die Vertreter der verschiedenen Konfessionen auch nur über die Bibel, die alle kennen, exegetisch auseinandersetzen wollten?