Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1893)
- Date
- 1893-03-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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335 sie noch jetzt, die Gründe, die jeder für seine Ansicht anführte, Rafael mitzutheilen vermochten. Der Hausbachur meinte: Da in der gesammten Bibel nur von einem Falle, daß ein Staubgeborener, der Prophet Elias, zum Himmel emporgefahren, berichtet wird, müsse bei einer Wiederholung desselben Falles; der Grundsatz des weisesten der Menschen: odn Kol chodosh tachas haschemes *) angenommen und könne nicht vorausgesetzt werden, daß dasselbe Wunder sich diesmal in anderer Art vollzogen hätte. Das aber wollte derCommis nicht gelten lassen. Er replizirte: Es sei bekannt und aus dem Tone des ganzen Buches Koheleth ersichtlich, daß König Salomo nur von dem irdischen Weltenlaufe spreche, wie dies auch durch den Ausdruck „tachas hasche^ mes“, unter der Sonne deutlich ausgedrückt sei, — nicht aber von überirdischen Dingen, und daß jedes Wunder eine Ausnahme der bestehenden Natur und Weltgesetze bilde und sich stets als etwas Neues, noch nie unter der Sonne Dagewesenes darstelle. Ueberdies aber werde auch schon in der biblischen Geschichte ein Beispiel angeführt, daß ein Mensch durch die göttliche Kraft plötzlich nach einem entfernten Orte gebracht wird, es spricht nämlich der fromme Owadjohu zum Propheten Elias: Sieh! ich kann von Dir gehen und der Geist Gottes führte Dich an einen Ort, den ich nicht kennet) Der Roschhakohel Wolf Buttenwieser, an den sich die Streitenden um Entscheidung wandten, erklärte bescheiden, er fühle sich zu schwach, in diesem Falle das Amt eines Schiedsrichters zu übernehmen, und bewunderte die Geistesblindheil des Markgrafen Friedlich Wilhelm, der die augenscheinlich wunderbare Hilfe Gottes nicht anerkenne; sondern in seiner Ruchlosigkeit verharrend, die Errettung des unschuldig Verurteilten nicht der Macht Gottes, sondern Zauberkünsten zuschriebe. Der Markgraf glaubt, die Frau und die beiden Kinder hätten sich seinem Kerker genaht und hätten ihm durch schwarze Kunst, die Zauberwerkzeuge, deren er zu seiner Befreiung bedurfte, in den wohlbewuchten Thurm gebracht. Wolf Buttenwieser schloß mit den Worten: „Der Markgraf ist im höchsten Zorne gegen die Familienmitglieder des heiligen Rabbi entbrannt und ist bemüht, sie um jeden Preis in seine Hände zu bekommen. Der sonst geizige, geldgierige Fürst hat einen hohen Preis auf ihre Häupter gesetzt und ist dies nicht nur im Fürstenthume Ausbach, sondern im ganzen deutschen Reiche von allen Kanzeln herab 1) Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Prov. C. 1,58. 9. 2) Buch der Könige II, Cap. 18, 58. 12. 8) Hirsch Frankl soll wie seine Zeitgenossen, erzählen, in vollkommen unerklärlicher Weise aus dem Mauerthurm entflohen sein. Das Volk hatte ihm in der That überirdische Kräfte zugeschrieben. Namentlich und ganz besonders wurde ihm die Fähigkeit sich.unsichtbar zu ^machen, beigelegt. und in allen Ortschaften am Marktplatze unter Trommelschlag verkündet worden. Es gibt so viele Schurken auf der Welt, die das Blutgeld gerne gewinnen würden und kein Reichsfürst würde dem Markgrafen die Auslieferung der Verfolgten verweigern!" „Ich bedauere die Unglücklichen aus tiefster Seele!" hatte darauf die alte Frau Kröndl Buttenwieser ausgerufen. „Sie sind einem schrecklichen Schicksale verfallen! Sie sind dazu verurtheilt jeden Augenblick ihres Lebens für sich und ihre Angehörigen zu fürchten, sie können nicht eine Sekunde ruhig athmen, sie sind zu einem unstäten Leben, zu ewiger Heimathslosigkett verurtheilt. Sie müssen, um der Gefahr einer Entdeckung möglichst zu entgehen, die entferntesten Weltftriche aufsuchen, sie müssen jeden meiden, die sie je einmal im Leben gesehen hat, wenn sie bei jemanden Geld oder Geldeswerth zu fordern haben, müssen sie es diesem überlassen, denn sie müssen befürchten, der Schuldner oder irgend jemand aus seiner Umgebung könne sie verrathen und was sie gewiß noch härter als alles treffen mag, sie können nicht ihr schweres Leid gemeinsam tragen, nicht einander gegenseitig Trost und Gottvertrauen einflößen, einander Muth zusprechen, sie müssen jeder allein, vereinsammt die weite Welt durchirren, denn wären Mutter, Sohn und Tochter vereint, wären sie weit leichter erkennbar, weit gefährdeter." Den beiden Frauen hatten bet den letzten Worten Kröndl Buttenwiesers von Neuem das Herz zum Zerspringen geklopft. Sie waren ja, das war nicht zu verheimlichen, aus der Richtung von Schwabach gekommen, wie leicht konnte man, wenn man die Angelegenheit noch länger besprach und bedachte, auf die Wahrheit verfallen! Von Kröndl und Wolf Buttenwieser hatten sie wohl nichts zu befürchten, aber die Hausgenossen, namentlich und ganz besonders die Wanderbettler, die am Tische saßen, konnten gefährlich werden. Die jüdischen Wanderbettler waren zu jener Zeit nicht beliebt, vielmehr gehaßt und gefürchtet. Der unerhörte Druck, der auf die Juden im Allgemeinen lastete, verstärkte sich für die armen Juden, die sich nicht Duldung erkaufen konnten zu voller Unertragbarkeit. Ihre Rechtlosigkeit, die tyrannische Willkür, mit welcher sie ohne jeden Grund aus ihren Wohnstätten verjagt werden konnten, die absolute Unmöglichkeit eine neue Hetmath zu erwerben, hatte sie häufig gezwungen, dem Triebe der Selbsterhalrung folgend, um nicht mit Weib und Kindern zu verhungern, zum Verbrechen ihre Zuflucht zu nehmen, Diebstahl und Raub zu begehen. Wenn einer der beiden Schnorrer sie kannte, konnte der arme, elende, bedanernswerthe Mensch mit einem Male