Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1893)
- Date
- 1893-03-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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382 echauffirt. Das buchhändlerische Interesse mag vielleicht bei dieser Anonymität besser seine Rechnung finden, aber den unbefangenen Leser muß sie von vornherein mißtrauisch machen. Der Verfasser der vorliegenden Gegenbroschüre, der sich unter dem Schatten dreier Kreuze versteckt, nimmt zunächst den Handschuh auf, der in der ersten Broschüre der Orthodoxie hingeworfen wird, obwohl er, wie er bemerkt, nicht zu ihr zählt. Der Verfasser besitzt einen stark entwickelten Berliner Lokalpatriotismus, und vertritt das conservative Berliner Judenthum für Alles und Alle, dem ein jüdischer Literatur-Verein, zusammengesetzt aus Elementen der radikalsten Berliner Reform und Orthodoxie, das höchste Ideal ist. Auf Conto dieses Lokalpatriotismus ist wohl auch die naive Behauptung zu stellen, die einem einzigen Berliner jüdischen Blatt ausschließlich die energische Abwehr des Antisemitismus vindicirt, und noch eine schöne Zahl anderer ähnlicher Behauptungen. Auch die Art und Weise, wie hier Talmud und Schulchan-Aruch vertheidigt werden, ist recht drollig. Der Wunsch: Im kommenden Jahre in Jerusalem! ist ihm ein -veraltetes Wort! Da der anmaßende Ton und die unjüdische Gesinnung, welche die Schrift: „Schutzjuden oder Staatsbürger?" auszeichnen, übrigens die Kritik jedes gebildeten Menschen in hohem Grade herausfordert, so kann es nicht fehlen, daß uns auch eine Reihe zutreffender und anerkennenswerther Wahrheiten hier begegnen. — Sie redet schließlich einem „jüdischen Verein zur Wahrung seiner (?!) Rechte" das Wort und schließt mit der Mahnung: „Wir müssen eine Gemeindevertretung haben, die das Judenthum kennt und liebt, die für die gemeinsame Sache Herz und Gefühl hat. Fort mit dem Salonjudenthum.' Wer nicht jüdisch fühlt, gehört nicht in die Vertretung hinein! 2c. 2c. Dies alles sind nichts als schöne Redensarten, die höchstens beweisen, daß ihr Vertreter ein Mann von Gefühl und Herz ist. Aber Liebe, Herz und Gefühl für das Judenthum sind lauter verschwommene Kriterien, die sich jeder zuschreiben darf und die sich thatsächlich auch jeder vindicirt, und die in Abrede zu stellen oder auch nur bezweifeln, vernünftiger und anständiger Weise gar nicht thunltch ist. Nicht an jüdischem Gefühl und Herz fehlt es, sondern an der jüdischen That. Daß wir eine Gemeindevertretung haben müssen, die jüdisch handelt, welche die Satzungen des Judenthums mit gewissenhafter Treue erfüllt, das ist es, worauf es ankommt. — Wer diese Forderung stellt, der darf der Zustimmung aller unbefangenen, redlichen Bekenner des Judenthums sicher sein und darf dafür mit seinem vollen Namen eintreten. — Zeitungsnachrichten und Gorrefpondeuzerr. Deutschland. Berlin. In der jüngsten Nummer des „Reichsherold" findet sich folgende „Photographie" der Konservativen, auch der neuen Tivoli-Getauften: ß „1887 Arm in Arm mit dem Liberalismus, 1890 mit dessen Todfeind, dem Antisemitismus, innerlich immer dieselben, lauen, schmachtlappigen, augenverdrehenden, stumpfen Gesellen, so schwanken die Conservativen dahin im Kampf der Parteien. Zu faul \ zum Schaffen, zu verdorben zur geistigen Neugeburt, j wankelmüthig und unklar, bleiben die Conservativen \ trotz aller Häutungen eine Mumie ohne Leben. Ob g mit oder ohne Helldorf, das beweist wieder ihre j Haltung zur Militärvorlage, bleiben sie die Alten: j „Heut grab’ und morgen schief — Wie der Minister rief j Das heißt Conservativ l" j Was sagt denn der Freiherr von Hammerstein j zu diesen Malstudien seines befreundeten Mitstreiters z und Kollegen Böckel? Vielleicht hat er auch für dieses geistige Produkt eines demagogischen Antise- - miten ein kleines Plätzchen in der „Kreuzztg." frei, um seinen konservativen Lesern auch dieses Urtheil j eines der Ihrigen über die Konservativen „mit oder ohne Helldorf" mitzutheilen. Merzig, 27. Februar. Es dürfte vielleicht Ihre Leser die Nachricht interesstren, daß am! verflossenen TomBnD iw die Synagoge im benachj barten Wallerfangen eingeweiht wurde. — Ein gei wiß höchst seltener Umstand, daß eine Synagoge! von Christen erbaut wurde, war hier der Fall, das j bekannte Welthaus Villeroy und Boch, dessen Por- - zellanfabrik in Wallerfangen ihren Sitz hat, mußte, j um ein nöthiges Terrain zu gewinnen, die alteSynagoge, die an sich schon baufällig war, erwerben und erbot sich, der Gemeinde ein neues Gotteshaus I an anderer Stelle zu errichten. Der Bau wurde j verflossenen Sommer in Angriff genommen und ] macht derselbe der Firma Villeroy und Boch in j seiner Fertigstellung alle Ehre. — Ein imposanter j Festzug, unter Musikbegleitung, brachte am Freitag | Mittag die □,*ied aus der alten Synagoge in die ß neue; nachdem hier der Merziger Synagogen Chor jj unter Mitwirkung einer Regiments - Kapelle, einen ] Fest-Hymnus zur Aufführung gebracht, ein Vorstands- | Mitglied die Synagoge unter den Schutz Sr. Mas jestät des deutschen Kaisers gestellt, öffnete der Bürgermeister die Synagoge, nachdem ihm vorher 8 in feierlicher Weise der Schlüssel überreicht wurde. 1 — Die erhebende Weihepredigt hielt Herr Oberrabß biner Dr. Baßfreund aus Trier, und dem Fest- | gottesdienst selbst, gab der allerwärts rühmltchst ß bekannte Merziger Synagogen-Chor, eine Schöpfung §