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Der Israelit · 1893-03-02 · Heft 18 (2.3.1893) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 18 (2.3.1893)
Date
1893-03-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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331 nicht verlassen? Das war Mordechai's Meinung mit Nichten. Er that, was ihm zur Rettung möglich war. Er suchte die Stimme der Wahrheit und Menschlichkeit dahin dringen zu lassen, von wo nach menschlicher Einsichtdie Rettung auszugehen hatte. Er wußte wahrlich auch, daß „das Herz der Könige in Gottes Hand ist", und daß, wenn Gott es wolle, Er das Herz des Königs auch ohne Mordechai's und Esther's Zuthun bestimmen könne! Sprach er es doch geradezu aus: „Wenn Du schweigst zu dieser Zeit, so wird Hilfe und Rettung den Juden schon von anderer Stelle kommen!" Aber darum hielt er es doch für verantwortungsschwerste Verschuldung, ja für Verrath, nicht das Menschenmögliche zu thun, dieses Herz zur Menschlichkeit zu stimmen. Und wie Mordechai, so Esther. Freudig setzte sie ihr Leben ein. Beide wußten es: so wie ro»r6 ny, so auch: -d-6 ny, daß, wie es eine Zeit zum Schweigen gebe, w es auch eine Zeit geb?, wo Schweigen — schwerste, nimmer wieder gut zu machende Sünde sei. Das ist die Lehre, die wir aus diesen antisemitischen Stürmen der Vergangenheit ziehen sollen. Wo feindliche Angriffe g-gen Judenheit und Judenthum erfolgen, da sind sie uns, nach der Lehre unserer Weisen, eine Mahnung zur ernstesten Selbstprüfung. Wie stehen wir in unserem Leben zum Gesetze unseres Gottes? Haben wir auch aus unserer Gesinnung schon jede Amaleksvergötterung des Erfolges und aus unserem Thatenleben schon jede Amaleksbethätigung der Gewalt und des Un. rechts entfernt? Bewähren wir in unserem Verhalten zu allen unseren Mitmenschen in treuer Erfüllung unseres Religionsgesetzes schon überall die Biederkeit, die Gewissenhaftigkeit, die Selbstlosigkeit und die strengste Rechtsachtung, die Verabscheuung jedes Mißbrauches der Ueberlegenheit über Unkundige und Schwächere, zu deren loyaler Bethätigung eben unser ganzes Religionsgesetz uns erziehen will? Nicht zu lockern, sondern zu befestigen haben wir das Band, das uns durch das Gesetz mit unserem Gotte verbindet. Nicht in der Schwächung der Autorität des Gesetzes, für dessen treue und unverkürzte Ueberlteferung an uns Spätgeborene die Väter und Mütter tausendfältige Tode erduldet haben, sondern in der Stärkung des Bewußtseins seiner Unverbrüchlichkeit haben wir die Aufgabe unseres Lebens und das Heil unserer Zukunft zu erblicken. Dann dürfen wir uns des Beistandes Gottes versichert halten. Dann wird sich auch an uns erfüllen daß die Heilung schon vorbereitet war vor der Heimsuchung, und daß in dem scheinbar ganz natürlichen Zusammenhang der Dinge die Hand des Allmächtigen die eigentlich waltende und fügende ist. Aber gleichzeitig haben wir die heilige Pflicht, auch nach Außen hin nicht in resiqnirter Unthätigkeit zu verharren, nicht der planmäßigen Verbreitung empörendster Lügen über das Judenthum ruhig zuzuschauen. Was einst Esthers Wort an den König, das ist für unsere Zeit das an die Gebildeten unserer uichtjüdischen Mitbürger sich richtende aufklärende Wort. Das sind wir u n s, das sind wir aber auch als Träger des Gotteswortes d i es e m W o r t e, das sind wir endlich unseren uichtjüdischen Mitbürgern schuldig. Wir sind, es ist ja in Deutschland zum ersten Male, in die Kultur unserer uichtjüdischen Brüder eingetreten, wir sprechen ihre Sprache, wir theilen ihre Geschicke, ihre Freuden und ihre Sorgen, wir arbeiten mit an ihren höchsten Bestrebungen. Da dürfen wir das Wort nicht zurückhalten, wenn es gilt, die jüdische Wahrheit vor Trübung zu schützen. Dem schlichten Worte der Wahrheit wohnt trotz allem und allem eine Kraft inne, die die Lüge besiegt. Das Wort der Wahrheit ist eine Macht, und indem wir, in treuer Erfüllung des unverkürzten Gottesgesetzes, es auch nicht unterlassen, das aufklärende Wort der Wahrheit zu unseren nichtjüdischen Mitbrüdern zu sprechen, so erfüllen wir damit unseren menschheitpriesterlichen Beruf und damit zugleich die höchste Pflicht gegen das Vaterland. Literarischer Wericht. Volks- oder Salonjudenthum i Von *** Berlin 1893. Es gibt Schriften, deren Werth lediglich in der Entgegnung und Entrüstung besteht, welche sie wachrufen. Zu diesen gehört z. B. die auch von Ihnen gewürdigte Schrift: „Schutzjuden oder Staatsbürger", welche auch die vorliegende Broschüre veranlaßt hat. Wir bedauern an diesen und ähnlichen Schriften in erster Reihe die Anonymität der Verfasser. Wer in dieser ernsten Angelegenheit öffentlich das Wort ergreifen will, sollte wenigstens seinen ehrlichen Namen nennen, wenn er einen besitzt. Diese Heimlichthuerei läßt wenigstens die Möglichkeit zu, daß man hinter den barocken Ideen, die da meistens verzapft werden, einen Autor vermuthen dürfe, der durch sonstigen guten Klang auch einmal das Recht auf etwas Absurdes hat, jedenfalls aber eher auf Nachsicht rechnen kann, wenn er auch einmal etwas recht Abgeschmacktes vorbringt. — Hätte man z. B. sofort gewußt, daß es ein kaum dem Namen nach bekannter Literat ist, der da mit seiner Broschüre Schutzjude oder Staatsbürger seine wunderlichen An- und Absichten vor der Oeffentlichkeit auskramt, so hätte man sich gewiß nicht so sehr darüber

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