Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1893)
- Date
- 1893-03-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448334--35858-2483862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
330 sie auszurotten!" — Und der Monarch, mild und wohlgelaunt wie er ist, schlägt dem Kanzler die kleine Bitte nicht ab, streift den Ring vom Finger und schenkt ihm das Volk und — das Geld, das er zur materiellen Unterstützung seiner angeblich politischen Argumente dem Könige anzubieten gewagt hatte. Mit einem Schlage hatte dieser mächtigste aller Antisemiten seine Absicht in einem Maße erreicht, an das seine kühnsten Epigonen noch nicht in ihren süßesten Träumen zu denken wagen. Hat Haman gelogen? Nein. Die ersten Sätze enthalten vollkommene Wahrheit, der letzte eine Lüge mit einem Körnchen Wahrheit. — Zerstreut? Ja. — Trotz der Zerstreuung isolirt, sich mit den anderen nicht verschmelzend? Wieder wahr. — Ihre Gesetze verschieden? Nicht minder wahr. — Die Gesetze des Königs erfüllen sie nicht? In dem Sinne, wie Haman es brauchte, war's eine freche Lüge. Denn geboten ward es uns, da wir der eigenen staatlichen Selbstständigkeit verlustig wurden: matea vnon Vn jeder Regierung, unter deren Scepter wir leben würden, unverbrüchlich Treue und Gehorsam zu zollen, und: 'vn tjti di^ m wn, das Heil des Staates nach besten Kräften in treuer Hingebung zu fördern und nur in seinem Gedeihen das eigene Gedeihen zu erblicken, sowie: Kroaten um njh, alle Gesetze des Staates gewissenhaft zu erfüllen. Und gewissenhaft hat diese Pflicht ihre Erfüllung gefunden. Den drückendsten, demüthigendsten Judengesetzen hat der Jude sich gefügt. Auch die ungerechtesten Lasten gewissenhaft getragen. Jedoch eine Grenze hatte diese Fügsamkeit: Wenn von ihm verlangt wurde, dem Gesetze seines Gottes untreu zu werden, dann zeigte er, daß nur religiöse Gewissenhaftigkeit, nicht aber Feigheit es war, die ihn auch das schwerste Unrecht geduldig hinnehmen ließ, durch den Heldenmuth, mit dem er nicht anstand, die Treue gegen seines Gottes Gesetz selbst mit dem Tode zu besiegeln. Hell strahlte in allen den dunkelen Zeiten der Religionsverfolgungen die Treue der Ahnen, die, ein leuchtendes Vorbild den späteren Geschlechter, es bewiesen, daß der Geist eines Daniel, eines Chananja, Mischael und Asarja in ihnen lebte, die nicht anstanden, des Königs Zorn die Stirn zu bieten, um kein Speisegesetz zu übertreten, und die den Tod im Gluthofen nicht scheuten, um vor seiner Bildsäule das Knie nicht zu beugen. — Allein Lüge war es jederzeit, daß die Treue gegen das jüdische Religionsgesetz mit dem Staatsinteresse in Widerspruch stehe. Eine dovpelte Lüge war sie in Hamans Munde. Denn bei d m damaligen Israel herrschte nach der lieberlieferung ein Geist, der ihnen überhaupt die möglichste Verleugnung ihrer Nationalität und ihrer Religion als das zeitgemäßeste erscheinen ließ. Jedes Volk, der hundertsiebenundzwanziq Provinzen bewahrte treu „der Väter Sitte." S ie jedoch waren, so wird berichtet, von dem Glanze des Reiches und von der ihnen bewiesenen Ehre geblendet, sie nahmen mit Uebertretung ihres Gesetzes an des Königs Mahle Theil. Sie fühlten sich plötzlich hoffähig. Der ungewohnte königliche Glanz und das ungewohnte Entgegenkommen hatte ihnen die Besonnenheit geraubt. Solchem Entgegenkommen gegenüber, glaubten sie an den „absondernden" Gesetzcn nicht so „starr" festhalten zu — können? sollen? dürfen? — Und — als nun gar eine Tochter Judas zur Königin erhoben wurde!!-Und auch in den Provinzen mußte derselbe Geist geherrscht haben. Da muß der „jüdische Mann" Mordechai es für nöthig gehalten haben, das Beispiel der Unverbrüchlichkeit der Treue zu g: den. Hätte wohl der Welterfahrene sonst mit solcher Beharrlichkeit seinen Platz „am Thore des Königs" behauptet, wo er doch unfehlbar den Zorn des Mächtigen stets von Neuem reizen mußte? Während die Juden sich noch in dem süßen Wahn völliger Sicherheit und Gleichstellung wiegen, werden urplötzlich jene Plakate in der Residenz angeschlagen und von Eilboten in die fernsten Provinzen befördert — wie grimmer Hohn liest sich's: „an ein jedes Volk in seiner Schrift und an jede Provinz in ihrer Sprache", — daß sie, die Juden, ausnahmlos, unrettbar dem Tode verfallen sind! Mit satanischer Berechnung sind ihre Mörder zu ihren Erben bestimmt! Jede Flucht unmöglich, sie fühlen sich sofort unter der strengsten Ueberwachung ihrer Stadt- und Dorfgenossen, die sicherlich jede Verschleppung von „Judengut" schon zu hindern wissen. — njnta mon r6vu. In d e m Augenblicke sank die Binde von ihren Augen, sie erkannten, bei wem allein ihr Heil und ihr Schutz sei. Sie verstanden den ernsten Schofar-Ruf, der aus dem Düster der Wetterwolke zu ihnen drang, und in tiefer, aufrichtiger Reue kehrten sie zu dem Gesetze zurück, in dessen treuer Erfüllung sie im Sonnenschein des Glückes wankend geworden waren. Für Mordechai aber kam der Wechsel nicht überraschend, er „hatte erkannt" (— es heißt nicht: jrn, sondern: vt —) was sich vollzog. Allein begnügte er sich nun etwa mit dem Fasten und.der ernsten Rückkehr seiner Brüder? Glaubte er, wenn sie nur aufrichtig zur Thora zurückkehrten, so werde diese sie schon schützen? Er dürfe ruhig seine Hände in den Schooß legen, ivp m ,mi bmd’ uh ’D, Gott werde schon sein reuig zu Ihm zurückkehrendes Volk