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Der Israelit · 1893-02-27 · Heft 17 (27.2.1893) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 17 (27.2.1893)
Date
1893-02-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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314 eingetreten. Von einem höheren Gesichtspunkte als der einfachen Widerlegung unhaltbarer Behauptungen behandelten Gladstone und Sir Charles Dilke diese Frage. Hat England, das jährlich weit mehr Auswanderer in aller Herren Länder aussendet, ein Recht, seine Küsten den Arbeitsamen zu verschließen nur weil sie nicht mit einem Chcguebuch unter dem Arm ans Land treten? Wenn es aber das Recht hätte, wäre es politisch weise, durch einen solchen Schritt anderen Nationen einen Vorwand zu geben, englischen Emigranten gegenüber gleich engherzig zu handeln? Ein etwas empfindlicher jüdischer Abgeordneter, Sir Julian Goldsmid ließ — gewiß ohne Grund — die Klage laut werden, daß der Antrag insonderheit gegen die Einwanderung der Juden als solcher gerichtet wäre. Nichts scheint jedoch verkehrter zu sein, als eine solche Annahme und die Wärme, mit welcher der Antragsteller eine derartige Veimuthung zurückwies und mit welcher das ganze Haus dieser Erklärung Beifall spendete, zeigt deutlich genug, daß man in England in solchen wie in allen anderen Dingen keinerlei Religions- oder auch Rassenunterschiede anerkannt oder auch nur angedeutet wissen will. > Vermischtes. «$- — (Antisemitisches aus dem Alterthum.) Bekanntlich Pflegen die antisemitischen Gelehrten, die gerne die Judenhetze durch Beibringung geschichtlicher Belege wissenschaftlich verbrämen, auch jede Regung des Hasses, die aus dem Alterthum berichtet wird, selbst wenn sie gegen Christen gerichtet war, gerne gegen die heutigen Juden zu verwenden- Das elastischeste Beispiel für diese Art von Geschichtssälschung ist wohl der von Treilschke und in den jüngsten Tagen wieder von Stöcker mit Vorliebe gegen die Juden erhobene Vorwurf des Odiiun generis lminani (Hasses gegen das Menschengeschlecht), obwohl dieses Wort, wie Jeder sich aus Tacitus (Annalen XVI, 44) überzeugen kann, die Schuld bezeichnet, deren die Christen, die der Volkswuth zur Sühne des nerouischen Brandes (von Rom) geopfert wurden, angeklagt worden sind. Ueberhaupt waren die „Alten" gegen Christen und Christenthum nicht freundlicher gesinnt als die heutigen Antisemiten gegen die Juden. Nicht nur wurden vielfach dieselben Vorwürfe erhoben, die man heute noch ernsthaft vortragen hört und liest (Kinderinord, Unzucht u. dgl.), sondern auch die Mache, wie Sturmpetitionen zu Stande kommen, war ganz dieselbe. Am lehrreichsten dafür ist ein Detail dieser Geschichte, die Christenverfolgung in Kleinasien unter dem Kaiser Mariminius 312. Kaiser Valerius hatte zu Gunsten der Christen ein Toleranz-Edict erlassen, und dadurch veranlaßt, hatte auch sein Unterherrscher Maximin die Behörden angewiesen, von der Verfolgung abzusehen; nach dem Tode des Valerius jedoch Herr von ganz Kleinasien geworden, fühlte er sich sicher und änderte sein Verhalten gegen die Christen. Als die höheren Beamten sich von der wirklichen Gesinnung des Kaisers überzeugt hatten, veranlagten sie einen Petitionssturm um Wiederaufnahme der Christenhetze, dem dann der Kaiser Folge gab. Diese Thatsachen waren durch die geschichtliche Ueberlieferung bekannt, und aus dem Kirchenvater Eusebius wußte man auch, daß in allen Städten damals, wie nie vorher, die Petitionen der Städte und die kaiserlichen Rescripte in eherne Säulen eingegraben waren. Auf einer Forschungsreise, die Hofrath Benndorf mit zwei jungen Wiener Gelehrten nach Kleinasien unternahm, ergab sich nun neben anderem reichen Ertrag auch der inschriftlich erhaltene Beleg für den Bericht des Kirchenvaters. In der lykischen Stadt Arykanda fand sich unterhalb des Stadiums auf einer innerhalb der Grundmauern eines unvollendet gebliebenen Gebäudes freiliegenden Platte, freilich stark fragmentirt, der Rest des lateinischen Rescripts der Kaiser und darunter, vollständiger erhalten, der griechische Text der Eingabe des „Volkes von Pamphylien und Lykien" an die Kaiser Maximinius, Konstantinus und Licinius, im Interesse der Herrschaft zu verhüten, daß durch Duldung der Christen die den Göttern schuldige Verehrung leide, die Schlechtigkeit des verhaßten Dienstes der Gottlosen zu beseitigen und die allgemeine Verehrung der ihnen stammverwandten Götter (Kaisercult) anzuordnen. In dem, wie bemerkt, darüber stehenden kaiserlichen Rescript werden die Bittsteller ob ihres frommen Begehrens (oder um modern zu reden, wegen ihres Bemühens um Thron und Altar) belobt und ihnen Erfüllung ihrer Bitte in Aussicht gestellt. Damit beweisen die Kaiser ihren frommen Sinn gegen die unsterblichen Götter und beweisen sie, daß die Bittsteller den würdigen Lohn für ihre Lebensführung erhalten haben. Daß es, trotzdem der lateinische Text durch Fragmentirung der Platte nur zum geringen Theile erhalten ist, gelang, Sinn und Ausdruck nahezu sicherzustellen, dankt man dem Umstande, daß, worauf der bedeutende Kirchenhistoriker Harnack in Berlin aufmerksam gemacht hat, bei Eusebius die griechische Uebersetzung eines Rescripts aufbewahrt ist, das aus gleichem Anlaste an die Tyrier gerichtet ist. Das für den Fachmann interessante Document wurde von dem bedeutendsten Kenner der römischen Geschichte und dem Altmeister der römischen Epigraphik, Theodor Mommsen, in dem eben ausgegebenen Hefte der „Archäologisch-epigraphischen Mittheilungen aus Oesterreich-Ungarn" mit einem kurzen sachlichen Commentar veröffentlicht. Wir können es uns jedoch nicht versagen, die wohl einen größeren Leserkreis interessirende, ebenso wahre als scharfe Bemerkung, mit welcher der große Historiker die allgemeine, geschichtliche Würdigung des interessanten Denkmales schließt, hieher zu setzen: Die Antisemiten — der Stifter der chr. Religion war ja auch ein Semit — hatten es also vor anderthalb Jahrtausenden weiter gebracht als ihre heutigen Gesinnungsgenossen. Unsere offenbaren Antisemiten haben bis jetzt noch nicht erreicht, daß ihre Petitionen um Semitenbetze von regierungswegen in jeder kleinen Landstadt öffentlich angeschlagen werden, und die hochgestellten Krypto-Antisemiten, die eigentlichen Schuldigen, stehen nicht minder weit zurück hinter der Leistung des Kaisers Moximinius- Einen Forschritt der Cultur auf diesem Gebiete wird der Menschenfreund also gern registriren." Feuilleton. „Fürstengunst." Erzählung von S. Koh«, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird aufs Strengste verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. (54. Fortsetzung.) Plötzlich hatte Eva ein eigenthümliches Knistern gehört, hatte zu ihrem Schrecken die Ursache desselben erkannt und rief: „Wir müssen eiligst ans Ufer, liebe Mutter". Diese hatte sich willenlos, wie traumbefangen, an Evas Arm gehängt und sie waren die halbe Stromesbreite rasch durchschreitend, ans Ufer gelangt,

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