Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1893)
- Date
- 1893-02-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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als fast unmittelbar darauf die Eisdecke barst und sich vor ihren Augen das Naturereignis dessen Anblick auch Rafaels Herzblut vereisen ließ, in seiner ganzen Furchtbarkeit abspielte. Als Dina Frankl mit voller Zweifellosigkeit zu erkennen glaubte, ihr Gatte und ihr Sohn würden den Tod im Wellen-- grabe, dem sie selbst nur durch die Energie ihrer Tochter, entgangen, finden, da hatte sich ihrHerz zusammengekrampft und sie war besinnungslos zu Boden gestürzt. Eva hatte sich in der peinlichsten, verzweifeltesten Lage befunden. Ihre Mutter lag ohnmächtig an dem Ufer des empörten Stromes, — weit und breit war kein Mensch zu sehen und zu hören; — auch wäre ihr Hilferuf von dem donnernden Getöse der wild dahinstürmenden Wogen, der zerschellenden, zerprasselnden Eisblöcke übertönt worden; allein, auch wenn Eva die Macht besessen hätte, ihre Stimme übermächtig zu verstärken, so hätte sie von dieser Fähigkeit keinen Gebrauch machen dürfen, ihr Hilferuf konnte ihren Vater, ihre Mutter, ihren Bruder, sie selbst rettungslos verderben! Das kräftige Mädchen nahm die besinnungslose Mutter auf den Arm und schlug die Richtung der Heerstraße ein. Sie lief ziellos die ganze Nacht fort. Bei dem leistesten Geräusche, wenn der Wind durch die entlaubten Bäume fuhr, bei dem Schrei eines Nachtvogels, war sie vor tödtlichem Schreck zusammengezuckt und hatte doch dabei stets gehofft auf dem Wege das Gefährte zu erblicken, in welchem ihr Vater, ihr Bruder und der treue Josel Deidelsheimer saßen, aber sie war bei ihrer nächtlichen Wanderung keinem Menschen begegnet! Als der Morgen graute hatte Eva erkannt, daß sie die Grenze ihrer Heimath überschritten habe, und sich in der Nähe eines Dorfes befinde. Die Mutter in ihren Armen hatte die Augen geschloffen und Eva wußte nicht, ob sie noch immer ohnmächtig oder vor übergroßer Erschöpfung eingeschlafen war. Eva war zum Umsinken müde und fühlte nach den eben überstandcnen ^Aufregungen und körperlichen Mühsalen, die gebieterische Nothwendigkeit eine kurze Zeit zu ruhen. Sie lenkte ihre Schritte dem Dorfwirthshause zu. Sie erzählte, sie wären Reisende, die bei dem Uebersetzen eines gefrorenen Flusses mit dem Wagen eingebrochen und während ihre Reisebegleiter sich nicht zu retten vermochten, wäre dies ihr und ihrer Mutter gelungen, doch wäre diese vor Schrecken ohnmächtig geworden und sie hätte sie eine Strecke hierhergetragen. Nachdem Dina einige Zeit im warmen Zimmer gelegen, war sie zum Bewußtsein erwacht. Sie hatte zuerst geglaubt, aus einem bösen Traume zu erwachen; und es hatte längerer Zeit bedurft, bis sich ihre Erinnerungen verdeutlichten und sie sprach: „Mir brausts und hämmerts im Kopfe, als wenn brandende Wogen und zerschellende Etsblöcke mein armes Hirn durchstürmten.ich bin nicht im Stande einen Gedanken zu fassen.was glaubst Du, mein liebes, kluges Kind, ist Dein Vater gerettet? Oder hat es Gott in seinem unerforschlichen Rathschluffe anders bestimmt? Ist Rafaels kühne, edle That mißlungen, ruhen Vater und Sohn vereint im kühlen Stromesgrunde?" „Ich weiß es nicht", hatte Eva mit gepreßter Stimme und zuckenden Lippen geantwortet, „und es wäre völlig vergeblich, wollten wir unser Gehirn zermartern, alle Möglichkeiten zu ersinnen. . . ." „Was sollen wir nun beginnen?" hatte Dina nach einer Pause gefragt. „Wir hatten cs ja mit Rafael und Deidelsheimer besprochen, in einem Zuge ohne aufzuhalten nach Cham zu fahren und erst dort eine kurze Zeit Rast zu halten. Wir müssen daher trachten nach Cham zu gelangen; — vielleicht finden wir den Vater und den Bruder dort — dann wär' cs gut, dann wär' es herrlich, — wenn nicht, müssen wir Das, was uns Gott auferlegt, so gut wirs eben vermögen, tragen. So lange wir uns auf deutschem Boden, besonders in der Nähe Ansbachs befinden, thut um Dich, des Vaters und des Bruders willen die größte Vorsicht noth. Wenn auch die Flucht gelungen, wird der Markgraf den Vater und die Seinen verfolgen lassen. Wir müssen alles vermeiden, was uns verrathen und was auf seine Spur leiten könnte." „Du bist mein kluges Kind", hatte Dina geantwortet, „ich überlasse mich ganz Deiner Leitung." Die beiden Frauen konnten ihre Weiterreise erst in zwei Tagen antreten, da die Flüsse in der ganzen Umgegend ausgetreten und alle Straßen unter Wasser gesetzt waren und so kam es, daß sie erst kurz vor Sabbat Anbruch inBerolzherm anlaugten und gezwungen, waren, dort über Samstag zu bleiben. — Dina^ mnd Eva Fränkl waren Frauen, die^beim bersten Anblick/Herzen gewinnen konnten und sie wurden in der kleinen Gemeinde mit großer Freundlichkeit ausgenommen. Sie legten sich den Namen Leidensberg bei, gaben an, daß sie aus.idem Ober-Elsaß kämen und Verwandte im Hannover'schen besuchen wollten. In der kleinen jüdischen Gemeinde gab es nur für Wauderbettlcr eine Her berge," die aus einer ränchrigen, dumpfigen Slube bestand, andere Reisende, die in Berolzheim übernachten, wollten, kamen fast gar nicht vor und wenn ein solcher Fall in langer Zeit einmal eiutrat, war der Durchreisende gezwungen, die Gastfreundschaft eines Gemeindemitgliedes anzunehmen. Die zwei, dem Aussehen und Benehmen nach, vornehme Frauen, konnten nur bei einer Frau wohnen und Kröndl *) Buttenwieser, die Wittwe 1) Krönchen, ein jüdischer Frauennamen.