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Der Israelit · 1893-02-27 · Heft 17 (27.2.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 17 (27.2.1893)
Date
1893-02-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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wir auch das ganze Judenthum abgestreift, dem bösen Talmud und dem bitterbösen Schulchan Aruch abgeschworen und nichts mehr vom Judenthum beibehalten als das Minimum, das v o r der sinaitischen Gesetzgebung vorhanden war — auch der bloße Name Jude würde dem antisemitischen Hasse genügen, um seinen Angriff zu begründen! Das ist die wissenschaftlich erhärtete geschichtliche Thatsache, die uns der er st e Blick in das Quellengebiet des Antisemitismus lehrt, das ist dieselbe Thatsache, die uns die eigenen Erfahrungen unserer Gegenwart in unabweisbarer Eindringlichkeit vor die Augen führen. Gegen Amalek hatte Israel sich nichts vorzuwerfen. Allein der höhere Pragmatismus des Zusammenhangs der geschichtlichen Erscheinungen, wie er uns im Gottesworte ausgesprochen ist, lehrt nach den Erläuterungen unserer Weisen, daß wir nicht schuldlos waren. Freilich nicht an Pflichterfüllung gegen unsere amalekitischen Menschenbrüder, wohl aber an hingebendem Vertrauen an unseren Gott hatten es Diejenigen fehlen lassen, die von Amaleks Mordstahl niedergemetzelt wurden. Nur in Refidim, ü’-p ivon vbtt o’Tsnj’N — nur die muthlos und deßhalb kraftlos erlahmten, der Wolkensäule der göttlichen Gnade nachzuztehen, wurden von Amalek ereilt. Und eben in der rechten Ermannung lag die Rettung. Wurde ihnen aber die Hilfe ohne ihr Zuthun? Etwa wie in Egypten? Versank Amalek wie Mizrajim? Du hast zu kämpfen, sprach Moscheh zu Josua, -ra, Wähle uns Männer. — Und Josua zog zum Kampfe aus — und so lange Moscheh's zu Gott emporgehobenen Hände Ausdruck des Vertrauens Israels waren, und sie ihr Herz in den Dienst ihres Vaters im Himmel stellten, war der Sieg auf ihrer Seite. An diesem Tage ward in das große Buch, das die Instruction für unsere Wanderung durch die Jahrtausende enthält, die ewige Parole der Gotteswaltung verzeichnet: Kampf für Gott gegen Amalek! Amalek ist der Typus des machtvergötternden Ruhmesstrebens, dem kein Mittel zu schlecht ist, sobald es nur zum Siege führt, jenes Strebens, das im großen Völkerleben nur die gewonnenen Schlachten zählt und der Ströme vergossenen Blutes nicht denkt, nur die eroberten Provinzen zählt, aber der verheerten Länder und der entvölkerten Städte nicht achtet, jenes Strebens, das ebenso im Einzelleben nur den E r f o l g anbetet, dem das Schlechteste gut erscheint, sobald es gelingt, und dem das Edelste und Reinste zum Gegenstand des Hohnes wird, sobald ihm der äußere Erfolg fehlt. Amalek, das historische Amalek, ist längst todt; 127, das „Ruhmesgedächtniß Amaleks", die Vergötterung der von Erfolg gekrönten Gewaltthat ist noch nicht! überall geschwunden. Wohl ist das Gewissen der Menschen in weiten Kreisen geschärft, und immer mehr wird Recht und Sittlichkeit zum Maßstab, wie bereits im Einzelleben, so auch in der Werthbeftimmung der der Geschichte angehörenden Größen und Ereignisse. Allein in der Gestaltung der internationalen Verhältniffe hat dieser Grundsatz eine durchgreifende Verwirklichung noch immer von der Zukunft zu erhoffen. Für uns aber ist es geradezu als Kennzeichnung unserer ganzen Lebensaufgabe ausgesprochen : das „Ruhmesgedächtniß Amaleks auszulöschen." Ewige Gegnerschaft gegen jeden nur durch Unrecht - erzielten Erfolg! Die einzige Vorlesung aus dem Gottesworte, die sich als Erfüllung sinattischen Gebotes darftellt, ist die Erinnerung an diese Aufgabe. Wo Andere anbetend das Knie beugen, da soll Israel aufrecht bleiben, wenn es blos der Erfolg .] ist, dem gehuldigt wird. 1 Und dieser Protest wird in erster Linie aus-! gesprochen, so lehren es uns die Weisen des Tal- : muds, durch strengste Gewissenhaftigkeit j in Handel und Wandel im eigenen j Leben. Mit den Lippen Gewalt verdamj men, aber im Leben der That rücksichtslos j das eigene Interesse zur Geltung bringen und die Ueberlegenheit über die Schwäche oder Unkunde des Anderen schlau zu dessen Vergewaltigung mißbrauchen — das ist ein Gegenstand des Ab-! scheus in Gottes Auge, lehrt die jüdische Moral.! Amalek war stark, und du warst schwach. Es übte - rohe Gewalt und achtete gegenüber dem Schwachen ] nicht die Majestät des Rechtes, „du warst müde und matt, und er fürchtete nicht den Gott des Rechtes." Daran denke, „wenn dir Gott Ruhe gei währt haben wird von all deinen Feinden ringsum", ü und du, stark geworden, dich Schwächeren gegenüber lj siehst! Dann mache durch deine Gerechtigkeit und f Menschenliebe das „Ruhmesgedächtniß Amaleks" zu E Nichte. Vor der Hoheit edlen Menschenihums er- E bleicht aller durch Gewalt und Lift gewonnene!t Glanz. Wenn so nach dem Plane des Lenkers unserer l Geschicke jeder antisemitische Amaleksangriff uns zur p ernstesten Selb st Prüfung mahnen soll, aber p auch zu gleich zum Kampf und zur Abwehr uns aufruft, so tritt uns dieselbe Wahrheit in dem großen . geschichtlichen Ereigniß entgegen, wo ein Amal lekssprößling das gesammte Israel mit dem Unterjj gange bedrohte, jenem Ereignisse, dessen Gedächtj niß die nächsten Tage uns bringen. I (Schluß folgt.) 1

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