Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1893)
- Date
- 1893-02-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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295 äußerst lebhaft reagiren. Der geistige Entwickelungsgang eines begabten Schriftstellers oder Künsti lers ist gar nicht zu vergleichen mit dem des ersten ß besten Durchschnittsmenschen, und auch sein Gemüths- ] und Empfindungslcben ist oft mannigfachen Wandj Lungen unterworfen. Solche Wandlungen dürfen aber natürlich nicht auf dem Gebiete des Glaubens stattj finden, da ist es nicht mehr die Reaction des verj fetnerten Nervenlebens, sondern ganz gewöhnliche Z Characterlosigkeit. j Unter Berücksichtigung aller der hier erwähnten j besonderen Umstände und Faktoren ergibt sich die j tiefbetrübende Thatsache, daß gerade so mancher! begabte jüdische Schriftsteller sich von seinem Judenthum, das ihm beim Fortkommen theils hinderlich gewesen und das ihn häufig schon in eine peinliche Lage gebracht hat, immer mehr emancipirt und daß er schließlich beinahe etwas wie Haß gegen j dasselbe empfindet, wenn er gewahr wird, daß man ihn trotzdem immer noch für einen Juden hält und | ihn dementsprechend glaubt behandeln zu dürfen. |] Sind die Dinge erst soweit gediehen, dann ist der j jüdische Antisemit schon halb fertig. Aber auch damit dürften auf die Dauer diese abgefallenen Juden nichts erreichen. Keinesfalls wird es ihnen gelingen, ihr Ansehen dal durch zu kräftigen, daß sie die ihnen als Juden j zugedachten Hiebe mit — ihrer Rückseite pariren. j Der Antisemitismus ist unerbittlich in seinem Haffe, i] Er verfolgt auch den getauften Juden noch. Zwar j läßt er sich seine Beihilfe gefallen, da, wo sie ihm nützen kann, im Uebrigen aber traut er dem Renei gaten nicht über den Weg. Als Eideshelfer gegen | die Juden ist den Antisemiten ein jüdischer Schrifti steller, besonders wenn er ein begabter Mann ist, 1 stets willkommen; als gleichberechtigten Menschen aber werden sie ihn nie betrachten lernen. Beider ersten sich darbietenden Gelegenheit — wenn er j einmal eine Ansicht zu äußern wagt, die im anti- * semitischen Credo nicht vorgesehen ist oder gar gegen dasselbe verstößt — ist er für sie wieder der nichtsnutzige Jude, den durch alle Kothlachen der Verleumdung und Beschimpfung zu ziehen, verdienstlich ist und ehrenvoll. Möchten das die „schlecht getauften Christen" bei Zeiten einsehen und zurückkehren zu ihrem Judenthum, bei dem allein für sie Rettung erblühen kann. Für die vorhin aufgestellte Behauptung, daß die antisemitische Bewegung nicht ohne Rückwirkung auf die Literatur sei, spricht auch schon der Umstand, daß neuerdings die Judenfrage wieder auf das Gebiet der Kunst ihren Schatten vorauswirft. In dem Schauspiel „Baronin Ruth" von Robert Misch, einem jüdischen Schriftsteller, der sich durch einige ganz nette Lustspiele bekannt gemacht z hat, die er theils allein, theils mit andern gemeinsam verfaßt hat, wird die Judenfrage schüchtern gestreift. Robert Misch hat da im ersten Akt ein reizendes, anheimelndes Bild aus dem jüdischen Familienleben gegeben. Das hat er mit seinem jüdischen Herzen niedergeschrteben, und während er es zu Papier brachte, hat er vielleicht an die alte Mutter gedacht, die den Knaben das Beten lehrte und ihm seine kleinen Leiden und Freuden abfragle. Das ist echte Poesie, die von Herzen kommt und zu Herzen geht. Bei der Schilderung des Konfliktes, der sich aus der Verbindung zwischen Ruth, der Tochter des auf ehrlichem Wege reich gewordenen jüdischen Antiquitätenhändlers, und dem altadeligen, aber verschuldeten Baron ergibt, hat Robert Misch, ganz abgesehen davon, daß die Judenfrage auf dem Wege der „Misch"-Eheniemals ihreLösung finden kann, nicht dieselbe glückliche Hand gehabt. Sein an leichtere Aufgaben gewöhntes gefälliges und schmiegsames Talent besitzt nicht die Gestaltungskraft, die sich an die Behandlung derartiger Fragen heranwagen darf. Der Konflikt selbst ist rein äußerlich auf die Handlung aufgeklebt, von einer psychologischen Vertiefung, von einer auch nur annähernd lebenswahren Charakterschllderung ist da nicht mehr die Rede. Trotzdem hatte das Stück — ganz besonders wegen des guten ersten Aktes — einigen Erfolg, obwohl viele Antisemiten im Neuen Theater erschienen waren, in der wohlerwogenen Absicht, einen Skandal zu provoziren, falls das Stück eine gegen den Antisemitismus gerichtete Tendenz haben sollte .... Bet Misch kamen die skandalsüchtigen Herrschaften nicht auf ihre Rechnung. Dafür aber wurde ihnen reicher Ersatz im Alexanderplatz-Theater, woselbst kürzlich ein sogenanntes Theaterstück gegeben wurde, das den vielversprechenden Titel: „Moderne Teutonen" führte. Das war schon kein Stück mehr zu nennen. Ein österreichischer Kritiker würde es mit dem herzerfrischenden Ausdruck „Schmarr'n" bezeichnen; damit thäte er allerdings dem Ausdruck Unrecht. Das elende Gesudel, welches irgend einen häringverkaufenden Ladenjüngling zum Autor haben mochte, der in der vorletzten Klaffe der Volksschule stecken geblieben und infolge dessen seiner deutschen Muttersprache fortwährend in pietätloser Weise mitspielt, sobald er „die Feder ergreift" — dieses wahnw tztge Produkt eines schamlosen Schmierers wurde von den Antisemiten leider ernst genommen. Statt es auszulachen und auszupfeifen, was nicht nur ihr gutes Recht, sondern sogar die Pflicht eines jeden Zuschauers gewesen wäre, dem die deutsche Schaubühne doch noch etwas höher steht, als das Affentheater in der Hasenhatde — statt in der herkömmlichen Weise an dem Schund eine berechtigte und vernichtende Kritik zu üben, nahmen die antisemitischen Heißsporne das Mach-