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Der Israelit · 1893-02-23 · Heft 16 (23.2.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 16 (23.2.1893)
Date
1893-02-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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294 Reichstag aber würden dann sämmtliche Forderungen der Regierung glatt bewilligt werden. Soweit der „Vorwärts" und seine Phantastereien. Derartige Verdächtigungen lassen sich natürlich nicht so kurzer Hand widerlegen; man kann ihnen einstweilen nur ein kategorisches Dementi entgegensetzen. Das Arbeiterblatt bedenkt natürlich nicht, daß es den Antisemiten mit seinen Ausführungen Vorschub leistet. Denn wenn wirklich die Macht und der Einfluß der Juden so groß wären, daß sie eine deutsche Volkspartei, wie den Freisinn, veranlassen könnten, in einer großen politischen Frage ihr Verhalten lediglich von der Rücksichtnahme auf die jüdischen Interessen sich vorschreiben zu lassen, so würde das die schlimmsten antisemitischen Angriffe nicht nur entschuldigen, sondern sogar bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt erscheinen lassen. Die Juden haben bisher schon genug zu leiden gehabt unter der so ziemlich allgemein herrschenden Anschauung, daß Judenthum und Freisinn identisch seien. Die Arbeiterpresse sollte wirklich Besseres zu thun haben, als dieser verhängntßvollen Fiktion Vorschub zu leisten. Geradezu katzenjämmerltch wird einem aber zu Muthe, wenn man liest, wie selbst jüdische Skribenten es sich angelegen sein lassen, Freisinn und Judenthum in einen Topf zu werfen. Da ist z. B. Maximilian Harden, der Herausgeber der „Zukunft", welcher erst unlängst in einem Artikel den Nachweis zu führen versuchte, daß die freisinnige Partei sich immer mehr zu einem jüdischen Centrum herausbilde. Herr Maximilian Harden, der eigentlich Isidor Wittkowsky heißt, welches doch ein ganz netter Name ist, dessen er sich nicht hätte zu schämen brauchen, ist getaufter Jude und will nicht gerne daran erinnert sein, daß er im Hause seiner Eltern bei koscherer Nahrung ausgewachsen ist. Um jede Spur seiner Abkunft zu verwischen, hat er sich, wie dies auch andere jüdische Schriftsteller schon thaten, so eine Art von Antisemitismus zurechtdestillirt, mit dem er sich gerne öffentlich zur Schau stellt. Sein Antisemitismus ist noch verhältnißmäßig harmlos. Harden ist ein viel zu kluger und heller Kopf, als daß er sich jemals die Dialektik eines Ahlwardt zu eigen machen könnte. Er will auch gar nicht Antisemit sein, sondern möchte uns glauben machen, daß er der Judenfrage durchaus kühl und objectiv gegenüberstehe. Vielleicht befindet sich Herr Harden tn Bezug auf sich selbst noch im Unklaren. Ich bestreite nämlich ganz entschieden, daß ein Jude (und sei er es nur noch der Abstammung nach und nicht nach seiner Religionszugehörigkeit) — ich bestreite, daß dem Antisemitismus gegenüber sich ein Jude objektiv verhalten kann. Diejenigen, welche ernstlich bemüht sind, es zu sein, thun leicht allzuviel des Guten, indem sie sich ihres Judenthums in einem so hohen Grade entäußern und den Antisemitismus so objektiv auffaffen, daß sie schließlich selbst antisemitische Allüren annehmen,! um jeden Verdacht abzuwetsen, als ob sie dennoch ß in einer geheimen Vorliebe für das Judenthum be- | fangen wären. Zu diesen Leuten aber, die aus j übergroßer Objektivität sich gerade vom Standpunkt j einer rein sachlichen Beurtheilung des Judenthums ] abdrängen lassen, gehört auch Maximilian Harden, l Die Antisemiten stimmen Jubelhymnen an, so j oft ihnen ein Artikel zu Gesicht kommt, in dem ein j jüdischer Schriftsteller dem Antisemitismus gewiffe, s wenn auch noch so kleine Zugeständniffe macht. In | Wirklichkeit aber haben sie keinen Grund zum Frohj locken. Denn gerade diese Art der Beweisführung j richtet sich gegen sie selbst, indem sie den Antise- | mitismus in seiner ganzen Verderblichkeit erkennen läßt. Die Schuld des hetzerischen Antisemitismus! ist es, wenn begabte jüdische Autoren, vielleicht weil! sie den Muth nicht haben, es mit der antisemitischen Meute aufzunehmen — mit ihr zu kämpfen jj ist auch nicht Jedermanns Sache — oder aber weil sie einer empfindlichen Schädigung ihrer berechtigten Interessen Vorbeugen wollen, es ängstlich vermeiden, in ihren Werken und Schriften eine Lanze für die Interessen des Judenthums zu brechen, oder wenigstens sich offen zu demselben bekennen und dann, j nachdem sie unter dem Druck der Verhältnisse auch die j letzten Gewissensbedenken überwunden haben, schließ-! lich bei einem Standpunkt angelangen, der den Antisemiten schon halbwegs sympathisch ist. Gerade die Eideshelfer aus dem Lager der jüdischen Schrift - stellerwelt, auf die sich die Antisemiten berufen, gerade sie zeigen uns, wie gemeingefährlich in ihren Wirkungen die antisemitische Volksverhetzung ist. Der Kampf ums Dasein bringt heutzutage derartige unerfreuliche Erscheinungen naturgemäß mit sich. Denn gerade auf literarischem Gebiete spielen im Kampf ums Dasein die Abstammung und die Konfession eines Menschen eine ganz besondere Rolle. * Nicht als ob hier der Antisemitismus schon die Vorherrschaft erlangt hätte — nein, das kann man noch nicht sagen. Aber die antisemitischen, wie auch die sozialistischen Ideen machen sich hier schon stark bemerkbar. Es sind das die neuen Impulse, die, von der modernen Gesellschaft ausgehend, auf die Literaturverhältnisse zurückwirken, und diesen neuen Anregungen ist manchmal der Einzelne sehr zugänglich, selbst dann, wenn sie im krassesten Gegensatz stehen zu allem, was er bisher gedacht, gefühlt und geschrieben hat. Das Schriftftellervölkchen ist gar merkwürdig geartet. Es lebt mit seinen Nerven, mit diesen verfeinerten Künstlernerven, die auf jede von außen kommende Reizwirkung so

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