Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1893)
- Date
- 1893-02-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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296 werk zum Vorwand für eine solenne Keilerei, in deren Verlauf sie es sich angelegen fein ließen, die Juden von der durchschlagenden Kraft ihrer Gründe zu überzeugen, die in diesem Falle gleichbedeutend war mit der Wucht ihrer Fäuste. Gegen eine Profanirung der Bühne zu solchen Aufführungen, wie hier eine geboten wurde, kann nicht nachdrücklich genug Verwahrung eingelegt werden. Zu den beachtenswertheren literarischen Erscheinungen, welche die Judenfrage zum Vorwurf haben, gehört auch ein Roman, den ein ziemlich begabter, junger jüdischer Schriftsteller, Dr. Ludwig Jacobowsky, verfaßt hat. Der Roman führt den Titel: „Werther, der Jude." Da er in einem Verlage erschienen ist, der die Vermuthung nahelegt, als ob durch seine Veröffentlichung den Abwehrbestrebungen Vorschub geleistet werden solle, möge hier gleich bemerkt sein, daß das Buch: „Werther, der Jude" zu den gut gemeinten Erzeugnissen eines frühreifen literarischen Talentes gehört, das sich bereits auf Abwegen befindet und darum der Sache, in deren Dienst er sich stellt, nur schaden kann. Jacobowsky's Roman ist für den Antisemiten ein Arsenal voll äußerst werthvoller Waffen — hier finden sie so ziemlich alles das bestätigt, was sie seit jeher den Juden zum Vorwurf machen. Auch künstlerisch nimmt das Buch keine besonders hohe Stufe ein. Ein so hartes Urtheil muß näher begründet werden. Da Dr. Ludwig Jacobowsky ein geradezu typischer Vertreter des jungen und „modernen" literarischen Judenthums deutscher Zunge ist, wird es sich wohl der Mühe verlohnen, ihn und sein Werk, dem ganz entschieden eine symptomatische Bedeutung innewohnt, demnächst einer ebenso eingehenden als sachlichen Würdigung zu unterziehen .... Bevor ich meinen heutigen Streifzug beende, muß ich mich noch ein wenig nach Herrn Stöcker umsehen. Ich kann den Lesern die angenehme Mittheilung machen, daß er sich des besten Wohlseins erfreut. Das Essen und das Hetzen, beides schmeckt ihm gleich vortrefflich und bekommt ihm auch. Am 28. Januar d. I. hat er im preußischen Abgeordnetenhaus wieder eine große Rede gehalten, die ein wahres Meisterwerk feinster Volksverhetzung ist. Herr Stöcker ist Virtuose auf diesem Gebiete. Er redet Filigranarbeit. Keiner hat es so wie er los, die Verdächtigung und die Verleumdung einer ganzen Volksklasse so vorsichtig zu dostren und dem deutschen Michel in einer so vertrauenerweckenden, biedermännnischen Weise zu verabfolgen, daß Michel ohne alles Bedenken das Gift hinunterschluckt. Die Andern schimpfen viel zu grob. Sie hetzen rücksichtslos und haßerfüllt. Herr Stöcker ist ein anderer Mensch. Er ist ein „Diener am Worte" und hetzt mit Liebe und Nachsicht. Das wirkt ganz anders. Seine große Parlamentsrede vom 28. Januar wird bei etwaigen Neuwahlen als Agitationsmtttel eine große Rolle spielen. Die Antisemiten bereiten sich schon jetzt auf etwaige Neuwahlen vor. Auch darin könnten ihre Gegner von ihnen lernen. Zeitrrugsrrachrichterr und Corresporrdeuzerr. Deutschland. Mainz, 22. Februar. Mit Bezug auf die Verhandlungen im preußischen Abgeoronetenhause vom 18. d. M., die wir in unserer Montags-Ausgabe zum Abdruck brachten, erhalten wir von Herrn Dr. H. Hildesheimer in Berlin die nachstehende telegraphische Mittheilung: „Mein vom Herrn Abgeordneten Rickert im Landtage verlesenes Schreiben ist in den Zeitungen durchaus falsch wiedergegeben. Ich habe selbstverständlich nicht gesagt, daß der Schulchan Aruch nicht maßgebend sei, sondern umgekehrt nachdrücklich betont, daß derselbe, wo er mit den Quellen übereinstimmt, unbedingt maßgebend ist." Liegnitz, 21. Februar. Das Wahlresultat gestaltet sich bis jetzt wie folgt: Jungfer (freis.) 9992, Hertwig (Antts.) 5305, Kühn (Soz.) 4844, Rothkirch (kons.) 1229 Stimmen. 17 Dörfer stehen noch aus. Stichwahl zwischen Jungfer und Hertwig. > Vermischtes. Berlin, 15. Februar. Sie haben in der Nummer 13 Ihres geschätzten Blattes einen Aufsatz über unfern verehrten Simmel s. A. gebracht und wollte ich berichtigen, daß S. nicht47 Jahre, sondern 50 Jahre geworden u. z. 21. Januar d.J. Es dürfte Ihre verehrten Leser noch Folgendes interessiren -° Am Dienstag den 14. d. M. veranstaltete die Montefiore- Loge des U. O. B. B. eine Trauerfeierlichkeit zu Ehren des unvergeßlichen Sigismund Simmel. Die Trauerrede hielt der Präsident der Loge Baumeister Joseph, und hat Herr Joseph in wirklich bewunderungswerther Weise den Verblichenen gefeiert. In großen und prägnanten Zügen gab er ein anschauliches Bild von der Thätigkeit Simmels, die er nach vielen Seilen hin beleuchtete. Es sprachen sodann noch der Großpräsident des Ordens sowie Vertreter von Schwesterlogen in Straßburg, Stettin, Frankfurt a. M., Hannover, Dresden. Die Feier war eine äußerst erhebende und hinterließ offenbar einen tiefen Eindruck sowohl auf die Verwandten des Verblichenen, sowie auf die ca. 200 Personen zählende Trauerversammlung. Es waren u. a. anwesend die Herren Dr. Hirsch Hildesheimer und Rabbiner Dr. Ungerleider. M. L. Berlin, 22. Januar. In der heute stattgehabten Sitzung der Repräsentanten machte der Vorsitzende Herr Hermann Landsberger die Mittheilung, daß Herr von Bleichröder anläßlich seines 70. Geburtstages dem Vorstande für die Armenkommiffion der Jüdischen Gemeinde die Summe von 10,000 M. und eine solche von 15,000 M. für das Siechenhaus des jüdischen Krankenhauses überwiesen habe. Des Weiteren konnte Herr Landsberger die erfreuliche Mttthei-