Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1893)
- Date
- 1893-02-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448332--35819-2483821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 16 des „Israelit". Leitender Artikel. Streifzüge eines Hermanen durch die jüdische Wett Merlins. *> Berlin, 15. Februar. (Der IuKunftsstaat und die gegenwärtige Kampfesmeije der Sozialdemokratie. - Freisinn und Iudrnthum. - Marimiiian Harden und das „jüdische Centrum". - Jüdischer Antisemitismus. - Jüdische Gideshelfrr der Antisemiten. - Die „Baronin Ruth". - „Moderne Teutonen". - „Wertster, der Jude". - Das Befinden des Herrn Stöcker und seine neueste Hrhredr.j Im deutschen Reichstag wurde unlängst der Versuch gemacht, Herrn Bebel über den „großen Kladderadatsch", dessen Erstaufführung Vater Engels in London für das Jahr 1898 prophezeit hat, sowie über den sich daran anschließenden Zukunstsstaat auszufragen. Der sonst so redselige Herr zeigte sich jedoch diesmal sehr zurückhaltend, so daß — nach dem äußeren Verlauf der mehrtägigen Debatte zu schließen — Fräulein Spar-Agnes und Klein-Strampel-Aennchen zu der ziemlich unverdienten Ehre kamen, als wissenschaftliche Argumente ernst genommen zu werden. Die Debatte über den Zukunstsstaat gehört anscheinend nicht in den Rahmen einer den jüdischen Interessen dienenden Zeitschrift. Und doch besteht ein — wenn auch nur loser — Zusammenhang zwischen jenen theatralischen Reichstagsverhandlungen und der so modernen Frage des Tages, der Judenfrage. Die Sozialdemokraten behaupten nämlich, daß die Debatte über den Zukunftsstaat förmlich an den Haaren herbeigezogen worden sei, um die öffentliche Aufmerksamkeit zu beschäftigen und sie von Dingen und Vorgängen abzulenken, die sich hinter den parlamentarischen Coulisfen abspielten. Im „Vorwärts", dem Centralorgan der sozialdemokratischen Partei, wurde dann später dieser Faden weiter gesponnen. Die Deutsch-Freisinnigen — hieß es da — hätten nicht übel Lust, von ihrer ursprünglichen Opposition gegen die Militärvorlage abzulassen und zwar hauptsächlich deßhalb, weil sie befürchteten, wenn die Militärvorlage nicht durchgehe, werde der Reichskanzler sein Amt niederlegen. Der gegenwärtige Reichskanzler aber sei ganz der Mann des Freisinns, besonders seitdem er in nicht mißzudeutender Weise sich im Parlament gegen den Antisemitismus ausgesprochen habe. Auch sei zu befürchten, daß nach dem Rücktritt Caprivi's Graf von Waldersee an's Ruder käme, von dem *) Bon einem hochgeachteten Christen. bekannt sei, daß er dem Antisemitismus sehr nahe stehe. Aus diesem Grunde suche der Freisinn gegenwärtig nach einer Basis, auf der er mit der Regierung in der Frage der Militärvorlage zu einer Verständigung gelangen könne, ohne sich vor seinen Wählern und vor dem Lande allzuempfindlich bloßzustellen. Die „Freisinnige Zeitung" des Herrn Eugen Richter hat dieser Darstellung widersprochen und dabei festgestellt, daß von einem Compromiß zwischen Freisinn und Regierung in der Frage der Militärvorlage gar nicht die Rede sein könne und daß ziemlich sicher eine Anslösung des Reichstages zu erwarten sei. Diese Erklärung kann uns, offen gestanden, nur angenehm sein. Die deutschfreisinnigen Volksvertreter würden nämlich wirklich den Juden keinen Gefallen thun, wenn sie in einer die Gesammtinteressen des Volkes so tief berührenden Frage, wie sie in der Militärvorlage sich verkörpert, von der Rücksichtnahme auf spezifisch jüdische Interessen ihre Haltung sich wollten vorschreiben lassen. Unmöglich wäre es ja nicht, daß man von gewisser Seite etwas Aehnliches erwartete, aber gerade das würde dann doch nur beweisen, daß die freisinnige Partei diesmal auf dem rechten Wege ist, indem sie nur nach ihrer besten politischen Ueberzeugung Stellung zu der Militärvorlage zu nehmen gedenkt. Dem „Vorwärts" freilich paßt die Zurückweisung seiner Verdächtigung keineswegs in den Kram. Der Redaktion dieses Blattes scheint es gänzlich unmöglich, einen Jrrthum einzugestehen, geschweige denn eine Verdächtigung zurückzunehmen. Nachdem die „Freisinnige Zeitung" ganz bestimmt erklärt hatte, daß von irgendwelchen Compromißverhandlungen in der Militärvorlage gar keine Rede sein könne, behauptet dennoch das wackere Proletarierblatt ein, Abkommen zwischen dem Freisinn und der Regierung sei thatsächlich geschlossen worden. Nur habe man, um den äußeren Schein zu wahren, beschlossen, daß dieser Reichstag zunächst wegen Nichtbewilligung der Militärvorlage aufgelöst werden solle. Alsdann würden die tapferen freisinnigen Volksmänner mit dem Nimbus treu gethaner Pflicht vor ihre Wäh ler hintreten können und natürlich wiedergewählt werden, während dies sicher nicht der Fall wäre, wenn sie jetzt der Regierung den Willen thäten und dann nach Ablauf der Legislaturperiode sich zur Wiederwahl präsentiren würden. In dem neuen