Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 16 (23.2.1893)
- Date
- 1893-02-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448332--35817-2483819- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
HKsarah l I I I 291 den wird. Ich will, bevor ich es zur Reinschrift approbire, Ihre Meinung hören, es soll ganz nach Ihrem Wunsche ausgefertigt werden.a rivedersi f" Siebzehntes Kapitel. Rafael Fränkl hatte die wunderbare Macht Gottes in überraschendester Weise kennen gelernt. Im Laufe eines Tages hatte sich, in jähem Wechsel in seinem und der Seinen Schicksal ein völlig ungeahnter Umschwung vollzogen. In einer Stunde war er von allen Sorgen, die seine Seele mit unschilderbarer Qual bedrückten, — bis auf eine, über das Schicksal des geliebten Vaters befreit worden! Er halte erfahren, daß Mutier und Schwester am Leben, er hatte einen mächtigen Protektor gewonnen, vor deffenMachr, die Gefahr, die ihn und die Seinen bisher wie ein böser Geist verfolgte, wie ein wesenloses Schattengebilde in Nichts zerrann. Er hatte erfahren, daß Markgraf Friedrich Wilhelm, der ihm und den Seinen, in tollem Wüthen sein Todfeind gewesen, sich mit ihm aussöhnen wollte! Aus dem Armen, Verfolgten, Verfehmten, Verzweifelnden war urplötzlich ein reicher, angesehener Mann geworden; — Mutter und Schwester konnten wieder jene hohe Stellung einnehmen, die ihnen früher jedermann neidlos eingeräumt, — als verfolgter, verfehmter, vogelfreier Mann war ihm der Gedanke Lea Arnstein als Hausfrau heimzuführen, als heller Wahnsinn erschienen, nun durfte er um sie werben und mit Gewißheit erwarten, auch von ihren Eltern mit offenen Armen als Schwiegersohn empfangen zu werden und auch der Vereinigung seiner Schwester mit Perez Markbreiter stand jetzt nichts mehr im Wege. Der Tochter des allverehrten Oberrabbiners Hirsch Fränkl, dessen Rettung halb Deutschland, Juden sowohl als Christen, einem Wunder Gottes, dem außergewöhnlichen Einschreiten des allwaltenden Weltenlenkers zuschrieb, der, wenn noch am Leben, wenn er es wollte, wieder seine frühere Stellung erlangen konnte, dessen Familie nun wieder in dem Besitze ihres großen, beim Oberhoffaktor Meyer in Dresden erliegenden Vermögens gelangt war, stand nun kein Mann der Judenheit als Gatte zu hoch und auch der einzige Sohn des Landesältesten und Nikolsburger Gemeindevorstehers, des reichsten, vornehmftenJuden in Mähren, mußte es als ein Glück betrachten, Eva Fränkl als Hausfrau heimzuführen und dessen Eltern mußten auf eine solche Schwiegertochter stolz sein. Rafael Fränkl wäre der glücklichste Mensch auf Erden gewesen, wenn ihn nicht die Sorge um den geliebten, angebeteten Vater gequält, wenn er gewußt hätte, daß dieser wohl und gesund am Leben wäre! * * * Als Rafael Fränkl aus dem Palais des Prinzen heimkehrte, wurde er von Wertheimer erwartet, dem er den Inhalt seines Gespräches mit dem Prinzen mittheilte. „Ihre Angelegenheiten", sprach der Hoffaktor, „entwickeln sich von Stunde zu Stunde günstiger und ich hoffe, daß mit Gottes Hilfe alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen werden. Wir werden jetzt, wo wir offen auftreten können, rasch den Aufenthalt Ihrer Mutter und Schwester auffinden. Ich werde, als Oberrabbiner der deutschen und der dem österreichischen Scepter unterstehenden Judenheit, das Edikt des Markgrafen, worin dieser Ihren Vater für schuldlos erklärt, ihm und den Seinen die Rückkehr in die Heimath gestattet und jene Kundmachung, in welcher ein hoher Preis auf Ihre Köpfe ausgeschrieben, widerruft, für Null und nichtig erklärt; in allen Judengemeinden Mittel-Europas publiciren lassen und Ihre Mutter, Ihre Schwester und auch Josel Deidelsheimer auffordern, sofort hierher nach Wien zu kommen; sollten sie sich nicht im Besitze des nöthigen Reisegeldes befinden, die Gemeinde, in welcher ihnen eben meine Aufforderung zukommt, veauftragen, ihnen diese für unsere Rechnung vorzustrecken, die Damen durch verläßliche Personen hierher geleiten zu lassen." „Herr Oberhoffaktor!" rief Fränkl enthusiastisch, „wie kann ich Ihnen für Ihre endlose Huld danken?!" „Sie sind mir nicht den geringsten Dank schuldig", erwiederte Wertheimer in seiner gewohnten, ruhigen Weise, „ich erfülle nur die Pflicht, die mir mein Gewissen gebietet, mein Amt auferlegt." * * * Das energische, zweckmäßige Vorgehen Wertheimers führte rasch zu erfreulichen Resultaten. Schon in relativ kurzer Zeit war aus Zülz, in Oberschlesien, ein Brief von Dtna und Eva an Rafael Fränkl und an den Oberhoffaktor eingelaufen, in welchem sie anzeigten, sie würden am nächsten Tage von mehreren angesehenen Familienvätern begleitet, ihre Reise nach der österreichischen Residenz antreten. Rafael gerieth bei dem Empfange dieses Briefes in die freudigste Aufregung, und doch war eine seiner schönsten Hoffnungen zerstört worden. Schon nach Markbreiters Mittheilungen mußte er annehmen, daß Mutter und Schwester ebenso wie er selbst in der Nacht des 20. November 1717 von seinem Vater getrennt worden waren; aber in der jedem Menschen angeborenen Neigung, sich selbst zu täuschen, hatte ihm doch der Gedanke an die Möglichkeit vorgeschwebt, daß sie in irgend einer Weise günstige Nachrichten über ihn erhalten und ihm