Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1893)
- Date
- 1893-02-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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273 England im Gange. 900 sind vergangene Woche abgereift und mehr als 2000 werden in den nächsten 14 Tagen aufbrechen. Schweiz. Zürich, im Februar. Geehrter Herr Redacteur! Ehe ich Ihnen zum ersten Male einige Neuigkeiten aus unserer schönen Stadt mittheile, lassen Sie mich Ihnen eine kleine Fabel erzählen: Der Schatz des Löwen, des Königs der Thiere, war einst sehr erschöpft; da ließ der König den Fuchs zu sich entbieten und redete ihn also an: Meister Fuchs! Wir haben dich vor uns rufen lassen, weil uns von deiner hohen Einsicht und Weisheit berichtet wurde. Wir ernennen dich hiemit zu unserem Finanzminister. Wisse aber, Unsere Kassen sind dem Bankerott nahe und dir gebieten wir, auf alle Weise sie zu füllen. Da ging der Fuchs hin und schrieb eine neue Steuer aus. Darob murrten die Tbiere — die Edlen des Reiches erhoben Klage beim König wegen Reineke, und Reineke — fiel in Ungnade und wurde entlassen. Des Königs Schatz aber — blieb leer. — Nun folgt eine wahre Begebenheit: Sie erinnern sich wohl noch daran, daß vor circa 3/4 Jahren die Züricher Gemeinde neben dem Rabbinatsstuhle auch die Schochet-Stelle für vacant erklärte und bekannt machte, daß letztere mit einem ganz zuverlässigen, mit der Kabolo eines streng orthodoxen Rabbiners ausgestatteten Manne besetzt werden sollte. Der Zweck hierbei war wohl, daß hinfort alle Gemeindemitglieder und auch die vielen Fremden, welche Zürich alljährlich besuchen, ihren Fleischbedarf bei den hiesigen Metzgern und Wirthen decken könnten. — Da war nun ein Herr G.. damaliger Schochet von Bremgarten — einem Städtchen unweit Z.'s — im Besitze der Kabolo von Herrn Bezirksrabbiner Dr. Ehrmann der Glückliche. Wohlgefallen in den Augen des Vorstands und der Gemeinde zu finden. — Der Herr trat nach einiger Zeit seine Stelle an und nach kurzer Amtswaltung schon zeigte sich's, daß die Züricher Gemeinde, die in den letzten Jahren mehreren Schochtim den Laufpaß hatte geben müssen, nun endlich doch auch ihren Mann gefunden habe. — „Doch mit des Geschickes Mächten . . . und das Unglück schreitet schnell." Nicht lauge — und der Vorstand — drohte dem neuen Schochet — nichts etwa mit einer Gehaltsaufbesserung — nein —* mit der Entlassung. Das ging höchst „einfach" zu: Herr G. hatte sich ein — crimen laesae majestatis zu Schulden kommen lassen. Er hatte sich geweigert, die „Institutionen der Gemeinde anzuerkenneu". Kurz — der Schreckliche — ging — nicht — in die Orgelsynagoge! Warum? weil er orthodox ist. Warum? Weil die Gemeinde ihn so gewollt hat. Und trotzdem? — trotzdem Herr Redakteur! Man kann billig fragen, was eigentlich ein Schochet, der doch nicht etwa als zweiter Chasan engagirt wurde, mit der Synagoge zu thun hat und vollends ein orthodoxer und orthodox sein sollender Schochet mit der Orgelsynagoge. Man sollte ihm es doch eher verbieten, hineinzugehen. Aber nein. Man muß ihn zwingen, hineinzugchen. Aus welchem Grund? — Nun wahrscheinlich aus — Inkonsequenz, oder halt, vielleicht auch, um den Kindern, welche Herr G. Religion lehrt, zu zeigen, was für Lappalien Ueberzeugungstreue und Charakterfestigkeit seien — dem Willen einer Gemeinde von mehr als 100 Vätern gegenüber! — Dieses aber werden sie wenigstens nicht erreichen, da Herr G. lieber auf seinen Posten Verzicht leistet, als daß er wider seine religiöse Ueberzeuqung handelte. Vielleicht auch wird sich der Vorstand eines Besseren besinnen, nachdem ihn die Generalversammlung beauftragt hat, weitere Schritte in der Angelegenheit zu thun. Wie diese aber auch ausfallen mögen — der Vorgang ist wieder einmal ein Zeuge des kläglichen Geistes, der bei denjenigen herrscht, welche sich vermessend, das Judenthum zu verbessern, am heiligen Gottesworte so lange herumnörgeln, bis es mittelmäßig und modern genug ist, um ihrer Bequemlichkeit nicht mehr im Wege zu sein. Von den Werken dieses Geistes in hiesiger Stadt wüßte ich Ihnen noch manches erbauliche Stücklein zu berichten. In den Analen unserer Gemeinde ist gar manche Humoreske zu lesen. Da stellt z. B. ein angesehenes Mitglied der Gemeinde den Antrag auf Abschaffung der Orgel, dessen Tochter — nach wie vor — eine Stütze — des Armenoereins? — O, nein — des Synagogen-Damen- Chors ist. Wo bleibt da die Konsequenz? Nun — eben dort, wo sie in Sachen der Schechita geblieben ist. Ach ja. dieser Gottesdienst, das ist ja ein gar heikles Problem für jeden ehrlichen Reformer. Soviel zwar ist klar, es muß etwas zur Hebung des synagogalen Gebetes gethan werden! Aber was? Am liebsten freilich würden manche Herren des Vorstandes aus der Hebung eine Aufhebung machen. Aber davon wollen die „konservativen Elemente", die halb- und fast ganz orthodoxen nichts wissen. Und — leider — man muß auch auf diese vorderhand noch hören — später, wenn die „Aufklärung" die Geister ganz und gar durchdrungen haben wird — dann wollen wir wieder miteinander sprechen. — Aber wir sind noch nicht so weit — eine Anzahl von Stimmen sind immer noch im Besitz der „Klerikalen", der Schwarzen, der Jesuiten. Also — halb rechts, halb links! Die Hebung ist fertig; wir haben Orgel und Frauenchor! Jude des 19. Jahhunderts! jetzt