Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1893)
- Date
- 1893-02-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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272 Nation leben, aus deren Seele heraus einst Kant das unvergessene Wort gesprochen hat: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, hat es keinen Werth mehr, daß Menschen auf Erden leben." Berlin, 17. Febr. In der heutigen Reichstagssitzung sprach sich Reichskanzler Graf v. Caprivi gegenüber den Conservativen unter Anderem folgendermaßen aus: Wir werden jeden Besitz schützen, das ist die Pflicht der Regierung: den agrarischen wie den industriellen und den kapitalistischen, wie überhaupt jeden Besitz. Wir werden ihm sein Recht lassen und mit allen Mitteln darnach trachten, daß er geschützt bleibt. Aber wir haben auch die Pflicht der Fürsorge für die Besitzlosen. Run kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren und ich habe schon einmal, als ich hier über den Antisemitismus ein paar Worte sagte, den Versuch gemacht, anzudeuten, daß in diesen Dingen eine gewisse Gefahr liegt, daß, wenn die Besitzlosen zunächst zweifellos in der besten Absicht gegen Besitzende sich zu richten anfangen, darin eine große Gefahr nicht bloß für den Staat, sondern auch für die Gesellschaft liegt und das, was mich betrübt und besorgt macht, ist, daß ich wahrzunehmen glaube, wie solche Strömungen mit rapider Geschwindigkeit spontan immer stärker auftreten. Die Bewegung, die in Deutschland eingeleitet ist, und die aus verschiedenen Motiven hervorgeht, überschreitet vielfach schon, wie mir scheint, die Grenzen, die mit dem Staatswohl vereinbar sind. (Hört! hört! links.) Es werden Geister wachgerusen, von denen man nicht weiß, ob man im Stande sein wird, sie zu bannen. Welche Garantien haben denn die Männer, die die Geister wachrufen, dafür, daß der Strom, von dem sie nun vorwärts getrieben werden, nicht schließlich mit anderen Strömen zusammenfließt, die sich gegen den Besitz und die staatliche Ordnung richten? (Sehrrichtig links.) Ich würde so nicht sprechen, meine Herren — es wird mir schwer — aber ich habe die feste Ueberzeugung, daß die Dinge, die jetzt Vorgehen, für Deutschland nach innen und nach außen von einer Bedeutung sind und Gefahren in sich schließen, von denen, wie ich fürchte, ein großer Theil Derer, die jetzt die Schleußen aufziehen, nicht ahnen, wohin sie führen. (Sehr wahr, links.) Werden sie im Stande sein, die Schleußen wieder zu schließen? Es ist nach meinem Dafürhalten die ernsteste Gefahr, vor der wir jetzt stehen, und ich glaube, daß die Männer, die es unternommen haben, solche Bewegungen zu leiten, eine Aufgabe auf sich genommen haben, die ich nahezu für unerfüllbar halte. (Sehr richtig links.) Ich glaube zu erkennen, daß die Geschichte manches Beispiel zeigt, wo Bewegungen, die anfänglich zweifellos das Beste wollten, dann weiter gingen und nachher nicht mehr aufzuhalten waren. Wenn ich mit diesen Worten mir erlaubt habe, eine Warnung, eine Bitte an diejenigen Herren zu richten, die mit diesen Dingen zu thuu haben, so möchte ich um nichts in der Welt dem Vorwurf oder dem Gedanken ausgesetzt sein, daß meine Person dabei eine Rolle spielt, daß, weil ich vielfach angegriffen werde, ich den Wunsch hätte, diese Bewegung nicht stärker werden zu lassen. Davon, meine Herren, kann keine Rede-.Zsein! Wenn ich die Ueberzeugung hätte, daß ich dadurch, daß ich dieses Amt aufgebe, Deutschland nach innen oder nach anßeu den mindesten Nutzen schaffte, so würde keine Stunde vergehen, bis ich Seiner Majestät dem Kaiser mein Abschiedsgesuch einreichte. Die Bürde des Amtes, die mir aufltegt, ist so schwer, daß ich den Tag, wo sie mir einmal abgenommen sein wird, segnen werde. Aber ich werde diesen Schritt nicht thun, sondern ich werde auf der Stelle beharren und werde in der altpreutzischen Weise, in der ich erzogen bin, meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit zu thun suchen — und zwar nicht um meinetwillen, sondern um des Kaisers und Reiches willen! Ich bin der Ueberzeugung, daß wir so schweren Zeiten entgegengehen, daß Festigkeit der Regierung die erste Anforderung ist, die zu einer Gesundung Deutschlands zu stellen ist (Bravo l links) und jeder Wechsel in der Person ist mit einer Erschütterung dieser Festigkeit verbunden. (Sehr wahr! links.) Also ich werde aushalten! Ich wünsche aber dringend, daß die Herren, die das agrarische Interesse vertreten, einmal in sich gehen und reichlich erwägen mögen, ob die Wege, die sie einschlagen, wohl mit dem Staatsinteresse dauernd zu vereinigen sind; denn nicht um einen einzelnen Menschen — was ist ein Mann über Bord? — handelt es sich, wenn das Schiff nur weiter geht! Um das Schiff handelt es sich, auf dem die deutsche Flagge weht! (Lebhaftes Bravo links.) O e st e r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 28. Januar. Vorgestern hat in der Eguitation ein ernstes Säbelduell zwischen einem Husaren-Oberlieutenant W. und Dragoner-Lieutenant in der Reserve B., Sohn einer in der jüd. Gemeinde sehr verehrten Dame, stattgefunden. Der Oberlieutenant erhielt so starke Verletzungen, daß er in das Garnisonsspital gebracht werden mußte, während der Reservelieutenant B. unverwundet blieb. Ursache des Confliktes war ein Wortwechsel, bei welchem der Oberlieutenant kränkende Bemerkungen über die Confession des Lieutenants gemacht haben soll. Rußland. Odessa, 5. Febr. Dem „Staudard" zufolge sind in Odessa ausgedehnte Vorbereitungen für die Auswanderung der Juden aus Süd-Rußland nach