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Der Israelit · 1893-02-20 · Heft 15 (20.2.1893) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 15 (20.2.1893)
Date
1893-02-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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271 droht. Wir müssen Juden, Semiten werden, denn Jude sein und die Verwirklichung der höchsten ethischen Ziele anstreben, das ist ganz dasselbe. Große Kreise der heutigen Judenheit sind der jüdischen Wahrheit bereits so sehr entfremdet, daß sie geneigt sind, in dieser Forderung eine paradoxe Zumuthung zu erblicken. Sie bringen ihr vielleicht ein geneigteres Gehör entgegen, wenn sie dieselben aus dem Munde unbefangener Christen vernehmen, von welchen deßhalb einige hierher gehörige Aussprüche folgen mögen. „Wirst du angeschuldigt, so rechtfertige dich, wenn du voraussetzen darfst, daß deine Richter edel sind.*) Aber einen Feind wirst du niemals überzeugen. Gegen einen Feind nützt es sogar, ihm so hassenswürdig wie möglich zu erscheinen. Von all den eingebildeten Gründen seines Grimmes wird er der Welt allmählich nur lächerlichen Eindruck machen und am Uebermaß seines Zornes zuletzt bersten, wie der Bel zu Babel." (Carl Gutzkow. Aus dem Antisemiten- Hammer.) „Daß der einzelne Jude nicht um bürgerlicher Freiheit willen oder gar aus Eitelkeit und Ehrgeiz für seine Person zum Christenthum übergehen will, finde ich rechtschaffen gedacht. Es ist ein altes Unrecht und eine sich immer erneuernde Schmach, dem in unsern Staaten eingewachsenen Judenthum die politischen Rechte ganz oder teilweise zu versagen. Albernheit, die Juden für asiatische Fremdlinge zu erklären, da unsere germanischen Vorfahren aus noch tieferem Asien, nur früher als sie, in diese Länder gezogen sind. Und was die Verfassung des sogenannten christlichen Staats angeht, so kann und soll sich jeder Staat dergestalt einrichten, daß ein Glaubensbekenntniß, das ja ohnehin aufwärts nach dem Himmel geht, seinen Weg niemals durch den Bürger- und Unterthaneneid zu nehmen brauche. Dagegen kommt es mir wunderlich vor, wenn der einzelne Israelit sich aus äußern Ursachen von seinen Glaubensgenossen nicht lossagen will, während er innerlich ihr Glaubensgenosse gar nicht mehr ist. Wie Viele kenne ich, die nach Weltansicht, nach Gesinnung, ja nach gesellschaftlicher Bildung keine Juden mehr sind. Ja, wem der Mosaismus mit seinen Satzungen und Gebräuchen noch eine innerliche Beruhigung und Ueberzeugung gibt, für den ist er noch lebendig und man muß seine ehrliche Religtösität achten. Ihr aber, die ihr nicht mehr glaubt, nicht mehr betet, nicht mehr fastet, euch *) Das ist bei dem uns aufgedrungenen Streit leider nicht der Fall. Deßhalb sind hier Vertheidigungsschriften, Erklärungen, Proteste u. dgl. ohne jeden Werth, wenn sie auch noch so wahr und zutreffend sind. nicht mehr ins gesetzlich gemischte Leinen und Wollen kleidet und nicht mehr wascht wie die Andern, warum macht ihr's zum Ehrenpunkte. Jude zu scheinen und zu heißen? Um das Judenthum erhalten zu helfen? Warum soll es denn weiter erhalten werden, als es wirklich lebt? Etwa zum bloßen Trotz? Ei dann pflanzt es wieder in den steinigen Boden Judäas, an die feuchten Gestade des todten Meeres."-(H. König. Regina.) (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspoudenzeu. Deutschland. Berlin, 2. Februar. Unter der Ueberschrift „Politische Entartungen" hat Professor v. Gneist in der „Deutschen Revue" einen Aufsatz veröffentlicht, der den Unwillen der „Kreuz-Ztg." in hohem Grade erregt hat. Professor v. Gneist sagt u. A.: Das unheimliche Gefühl des allmählich unter den Füßen weichenden Bodens ist es, welches extreme Parteien zu allerlei Bündnissen mit den heterogensten Elementen verleitet. Schon bald nach 1848 wurde das Bestreben sichtbar, dem verhaßten liberalisirenden Bürgerthum die „Arbeiterbataillone" auf den Hals zu schicken. Da diese Methode nicht mehr anwendbar erscheint, ohne den Großgrundbesitz selber zu gefährden, so lag der verführerische Gedanke ziemlich nahe, den Neid gegen den Besitz, dem auch unsere Mittelstände sehr wohl zugänglich sind, mit dem Racenhaß zu cumuliren und mit diesem Vorspann eine Anzahl conservativer Wahlkreise. wenn sie nicht für die Partei zu behaupten sind, wenigstens dem Liberalismus nicht zufallen zu lassen. Diese Politik erscheint kurzsichtig, da das Hetzen gegen eine Art des Besitzes zuletzt immer sich gegen den Besitz als solchen richtet. Was uns noth thut, ist die Offenhaltung der Möglichkeit eines Zusammenwirkens conservativer und liberaler Parteirtchtungen in sehr wichtigen socialen Fragen, so lange unsere Gesellschaftsordnung von zahlreichen Elementen der Gesellschaft offenkundig gefährdet erscheint. Nach Ablegung einiger wenigen exclusiven Vorurtheile wird sich unsere conservative Partei überzeugen müssen, daß die ihr notwendige Verstärkung auch in dem Capitalbesitz und dem industriellen Besitz zu finden ist — jedenfalls sicherer als in der wunderlichen Gesellschaft, in welche sie zur Zeit hineingerathen ist. In Summa appellire ich an unsere nationale Tugend der Geduld, welche darauf beruht, daß wir, wie in unserem Privatleben, so in der Entwickelung der öffentlichen Dinge der höheren Fügung vertrauen, die uns bisher nach so schweren Irrungen zu großen Zielen geleitet hat. Wir können vertrauen, daß wir noch heute in der Mitte einer

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