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Der Israelit · 1893-02-20 · Heft 15 (20.2.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 15 (20.2.1893)
Date
1893-02-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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270 welche diese Abstammung verrathen. Der Judenhaß, wenn er redlich verdient ist, adelt seine Opfer. Auf der einen Seite, allen Wahn, allen Haß, alles Herbe und Trübe und auf der anderen Seite etwas Wasser und etwas Heuchelet und dazu den unverkümmerten Vollgenuß des Lebens. Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte lang zwischen diese Alternative gestellt, und sich lieber tausendfach kränken als um solchen Preis ehren lassen, bekundet ein solches Martyrium nicht einen Adel des Geistes und des Herzens, der in seiner Art einzig dasteht? Aber ohne diese Ueberzeugung im Herzen, gekränkt, gehaßt und verfehmt zu werden, weil man von einem Manne Namens Sem abstammt, und weil man eine Nase besitzt, die vielleicht etwas mehr gebogen ist, als die Mehrzahl der gewöhnlichen Normalnasen, dieser Hohn ist unerträglich. Diese Unerträglichkeit ihrer Lage haben diejenigen geschaffen, die durch Ab st reifen des Judenthums, dem alten Haß nichts mehr zu beschnüffeln übrig gelassen haben, als die Abstammung. Dazu kommt noch, daß unsere Feinde unseren dem Judenthum entfremdeten Brüdern bei jeder Gelegenheit wiederholen: der ganze Haß gelte nur den abgefallenen, treubrüchigen Söhnen und Töchtern des Judenthums, nicht denjenigen, die ihm in alter Treue anhangen. — Wohl ist dieser erlogene Vorwand nur ein Feigenblatt um die Blößen dieses ganzen Gebahrens zu verhüllen. Wohl hätte der Haß unserer Feinde leichteres Spiel, wenn er sich nicht auf die Race als Antisemitismus stürzte, sondern wenn er ihn als Judenhaß, als religiösen Sport betreiben könnte. Wohl wissen sie, daß hinsichtlich der bürgerlichen Tugenden, die hier zur Discussion stehen, kein Unterschied zwischen den Angehörigen des Judenthums besteht, welcher religiösen Richtung sie auch sonst angehören mögen, daß auch der radikalste Reformjude hinsichtlich Charakter und Gesinnung, hinsichtlich Vaterlandsliebe und Bürgersinn, sich kühn mit seinen Verlästerern messen kann. Aber andererseits darf man doch die Thatsache nicht verkennen: diejenigen Juden, welche dem Judenthum den Rücken gekehrt haben, haben dem Haß unserer Feinde nichts übrig gelassen, als die Abstammung, als die Race. Das Ausschlachten dieses Restes, ist das was man Antisemitismus nennt. Aber in diesem bloßen Namen, in der Widersinnigkeit und Ungeheuerlichkeit, die er in sich vereinigt, liegt allein ein ganz ergreifendes Stück Nemesis. Der Antisemitismus richtet sich gegen die Juden, als Nachkommen Sems. Wer war Sem? Woher wissen wir etwas von ihm? Das Wenige, was wir von ihm wissen, wissen wir durch Semiten, durch die Juden und die Bibel, die sie der Menschheit gebracht. Ohne sie wüßten wir nicht einmal seinen Namen. Von dem Stammvater der Semiten, von Sem, hat uns die Bibel einen einzigen Zug erhalten. Sie führt ihn uns vor, als der Vater in einer schwachen Stunde sich eine Blöße gegeben, auf welche Sem in Gemeinschaft mit seinem Bruder Japhet den Mantel kindlicher Liebe deckt, in kindlicher Verehrung den Blick davon wendet, und dafür für seine Nachkommen — die Semiten — den Segen Gottes zugesichert erhält. Ist es nach diesem einzigen Faktum, das wir von Sem aus der Bibel wissen, etwas entehrendes zu seinen Nachkommen zu zählen, d. h. ein Semite zu sein? O daß wir Semiten wären, nicht nur der Abstammung, sondern der Gesinnung und dem Charakter nach, wie es uns die biblische Urkunde vom Stammvater der Semiten berichtet! Wären wir ausnahmslos Semiten, dächten, lebten, handelten wir nach dem Vorbild des Stammvaters der Semiten, dann bedürfte es nicht erst der Antisemiten, um uns durch den Ernst der Zeit zu unserer vernachlässigten jüdischen Lebenspflichl zurückzuführen. Dann könnte es in unseren Rethen keine bereits zweite und dritte Generation geben, die in Verachtung vor den geistigen Errungenschaften der Väter heranwächst, welche die Blößen der Väter nicht verdeckt, sondern nach Mängeln und Gebrechen bei ihnen sucht, ihre Lebensanschauung altvätertsch und antiquirt nennt, und ptetätslos das Band zerreißt, das uns mit ihnen verbindet!- Wären wir Semiten, wir wären gerettet, alle Geschosse unserer Feinde prallten an der reinen, treuen Gesinnung ab, die wir tief im Herzen trügen und laut und offen durch die That unseres ganzen Lebens bekundeten. Hier müßten wir einsetzen, da, wo gefehlt wurde, müßte die Rückkehr beginnen. Das Stigma, das uns unsere Feinde anheften möchten, muß uns belehren über das, was unsere Pflicht ist. Wer die Regungen des Flügelschlags unserer Zeit nicht ganz verkennt, wird nun auch in der That finden, daß sich dieses Bewußtsein von Tag zu Tag mehr und mehr Bahn bricht in unseren Reihen. Aber es fehlt noch viel, daß es in voller Klarheit zum allgemeinen Ausdruck gelangt. Wer die Quellen unserer Misere in äußeren Umständen und Verhältnissen sucht und findet, in den complicirten socialen und politischen Zuständen unserer Tage, der gibt nicht nur sich einer großen Selbsttäuschung hin, der ist thatsächlich r&iwn re* ddj/d ein Hemmschuh für unsere Befreiung von dem Alp, der auf uns lastet. In uns, in uns allein liegen die Wurzeln des Nebels, das uns zu überwuchern

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