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Der Israelit · 1893-02-20 · Heft 15 (20.2.1893) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 15 (20.2.1893)
Date
1893-02-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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r W - XXXIV. Jahrgang. J\b 15. Der Israelis Ein Kentrat-Hrgan für das orthodoxe IudenLHum. Begründet von Lehmann in Mainz. Montag, den 20. Februar 5653 (1893). Leitender Artikel. Unsere Zeit und was fie fordert. Von Bezirks-Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz). II. Es hat eine Zeit gegeben und sie liegt nicht weit hinter uns, welche allen Ernstes von dem Juden verlangt hat, er solle seinerseits alle religiösen Schranken ablegen, die sein Aufgehen in der großen Masse erschweren, und man wolle dagegen alle socialen und politischen Scheidewände beseitigen, welche den jüdischen Bürger von dem nichtjüdischen scheiden. Viele haben diesem Lockruf Folge geleistet, der auf den Schacher zwischen religiöser Ueberzeugung und socialen Vortheilen, die politische Gleichberechtigung als Prämie setzte. Das Eingehen auf dieses Anerbieten hat den Antisemitismus erzeugt. Der Judenhaß saus xbrass unterscheidet sich von dem Antisemitismus dadurch, daß dem ersteren die Religion, und dem letzteren die Abstammung der Juden als Vorwand dient. Der Judenhaß ist so alt wie das Judenthum selber, der Antisemitismus ist neu, wie seine Veranlassung. Der Judenhaß ist wie jeder Religionshaß beklagenswerth, aber man wird ihn erklärlich und daher auch in gewissem Sinne verzeihlich finden können. Solange das religiöse Moment eine große Rolle spielte, ließen sich die von ihm Durchdrungenen leicht Hinreißen, mit rücksichtsloser äußerer Gewaltthätigkeit das, wofür sie begeistert waren, auch anderen zum Gegenstand der Verehrung und Ueberzeugung zu machen. Der Jude, der von NWjuden wegen seiner religiösen Ueberzeugung gehaßt und geächtet wurde, hatte die Befriedigung, daß er nicht der einzige Gegenstand dieses Haffes war. Dieser Haß hatte zu mörderischen Kämpfen zwischen Christen und Mohamedanern geführt. Die Verschiedenheit der religiösen Ueberzeugung hat innerhalb der Christenheit selbst einen beispiellos blutigen, dreißigjährigen Krieg entfesselt. Noch heute stehen sich die Anhänger der verschiedenen Bekenntnisse innerhalb der Christenheit mit einer Feindseligkeit gegenüber, die dem blindesten Judenhaß oft nicht nachsteht, ihn vielfach sogar noch an Gehässigkeit übertrifft. Unter solchen Verhältnissen wußten sich die Juden in guter Gesellschaft, wenn sie unter Haß und Vorurtheil schwer zu leiden hatten. Als aber die vor hundert Jahren proklamirte Religionslosigkeit immer weitere Kreise ergriff, hatte der Judenhaß keinen Sinn mehr. Das Religiöse war ein Moment von so untergeordneter Bedeutung geworden, daß man mit ihm keinen Haß und keine Liebe begründen konnte. Wie hätte man den Juden auch wegen seines Judenthums hassen können in einer Zeit, wo der alles nivellirende Materialismus aus Christen und Juden in ganz gleicher Weise thatsächlich moderne Heiden gemacht hatte, die sich in ihrem Thun und Lassen durch nichts als durch die Abstammung und vielleicht noch durch die Physignomie unterschieden? — In seiner Verlegenheit nach einer genügenden Form griff der alte verjährte Haß diese einzige Verschiedenheit der Abstammung in der Gesichtsbildung zu seiner Legittmirung auf, und gab vor, die Juden zu hassen, nicht wegen ihrer religiösen Ueberzeugung, sondern wegen ihrer Abstammung von Sem, wegen der Gluth ihrer Augen, und wegen der Form ihrer Nasen, durch welche sich diese Abstammung verräth. Gegen den Judenhaß, wenn er ehrlich ist, giebt es ein Mittel. Man giebt den Gegenstand des Hasses, das Judenthum, Preis, indem man es in einigen Tropfen Taufwaffer ersäuft. Aber gegen den Antisemitismus giebt es kein Mittel. Alles Taufwasser der Welt kann die Thatsache der Abstammung und die Gesichtszüge nicht hinwegspülen,

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