Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 14 (16.2.1893)
- Date
- 1893-02-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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258 die wohl auch auf Herrn Stöcker ihreu Eindruck nicht vcrfchteu wird, der sich ja eine große Sachkeuntniß in allen diesen Dingen zntraut, die ich ihm nicht beimesse, denn er hat sich hier schon verschiedentlich vergaloppirt. Diese Erklärung lautet: „Im Vertrauen auf den Beistand Gottes erklären wir, die Unterzeichneten Rabbiner jüdischer Gemeinden Deutschlands, zur L-teuer der Wahrheit, gegenüber falschen Vorstellungen, die über das Schriftthum und die Sittenlehre des Judenthums verbreitet werden, was folgt: Die heilige Schrift, welche Gemeingut der ganzen gesitteten Welt geworden ist, bildet die Grundlage für die Lehre des Judenthums. Außer der heiligen Schrift, welche die „schriftliche Lehre" heißt, besitzt das Judenthum noch eine Religions quelle, den „Talmud", der, weil er ursprünglich nicht niedergeschrieben wurde, die „mündliche Lehre" genannt wird. Eine andere religionsgesetzliche mündliche Lehre gibt es für das Judenthum nicht. Der Talmud baut seinen Lehrinhalt auf Grund des biblischen Wortes auf und gibt allem Raum, was den menschlichen Geist und das menschliche Gemüth beschäftigt. Neben dem Religionsgesetze und der Ethik, welche seine beiden Hauptgcbiete sind, haben in ihm Fragen der Weltweisheit, der Naturkunde, der Medicin, der Geschichte, sowie Erzählungen, Gleichnisse, Sentenzen und Aehnliches Ausnahme gefunden. Seiner Form nach ist der Talmud mit der Aufzeichnung der Verhandlungen einer gesetzgebenden Körperschaft, in welcher eine Vorlage mit ihren Motiven zur Diskussion steht, insofern zu vergleichen, als er die von mehr als 2oon namhaft gemachten Gesetzeslehrern während vieler Jahrhunderte iit den Lehrhäusern ge pflogenen Verhandlungen aufzeichnet, die verschiedenen, oft widerstreitenden Meinungen neben einander stellt, jede Ansicht, die zu Worte kam, jede Auffassung, die geäußert wurde, in der ganzen Lebendigkeit der Diskussion wiedergibt, und zwar ohne dabei immer zu einer endgültigen Entscheidung zu gelangen. Der Talmud enthält somit überaus zahlreiche Aussprüche, welche als die Meinungen Einzelner niemals eine bindende Kraft erlangt haben." „Seiner ganzen Alllage nach ist daher der Talmud als die Quellenschrift für die Auffassung des biblischen Wortes und für die Kenntniß, die Geschichte und die Begründung des überlieferten Religionsgesetzes zu betrachten. Als eine solche Quellenschrift ist der Talmud zu allen Zeiten von den jüdischen Forschern behandelt worden. Die Sittenlehre des Talmuds beruht auf der Bibel und erblickt in folgenden Aussprüchen der heiligen Schrift: Im Ebenbilde Gottes hat er den Menschen geschaffen. (Genesis 1, 27.) Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (Leviticus 10, 18.) Liebet den Fremdling — liebe ihn wie dich selbst. «Deuteron. 1<>,!0 — Leviticus 10, 34 ) das Gebot der allgemeinsten, auf alle Menschen, Juden und Nichtjuden, sich erstreckenden Nächstenliebe. Im Geiste des Prophetenwortes, das dem in Babylon weilenden Israel zugerufen wurde: Föidert das Wohl der Stadt, in die ich euch geführt habe, und betet für sie zu Gott, denn in ihrem Wohle wird euch wohl sein", (Jerem. 20, 7.) wird im Talmud der Grundsatz aufgestellt und von allen Gesetzeslehrern einmüthig zum Gesetz erhoben: Das Staotsgesetz hat iitt staatsbürgerlichen Heben verbindliche Kraft. (Talmud babli, basta batlira 54b 55a u. fl. Q) Es ist demgemäß religionsgesetzliche Pflicht, mit der Treue gegen die Religion Gehorsam gegen die Gesetze des Staates zu verbinden. Die später aus dem Talmud und der nachtalmudischen Literatur entstandenen Auszüge, wie Jad Hachasaka des R. Joseph Karo und andere Zusammenstellungen, haben niemals für sich allein, sondern stets nur dann als maßgebend für die Entscheidung gegolten, wenn sie durch das Zurückkehren auf die Quellen ihre Bestätigung erhalten. Die Bezeichnung „Akum" bedeutet „Anbeter der Sterne und Sternbilder" und ist selbstverständlich nicht auf die Bekenner der monotheistischen Religion anzuwenden. Vereinzelt gegen „Akum" gerichtete Aussprüche in Talmud, Schulchau- Aruch und anderen Schriften sind als der Ausfluß einer durch die Zeitverhältnisse hervorgerufeneu Stimmung und als Akte der Nothwehr zu betrachten. Sie waren nur gegen diejenigen Heiden gerichtet, welche Ehre, Leben und Eigenthllin des Nächsten nicht schonten. Derartige Aussprüche haben, wie schon seit Jahrhunderten die Gesetzeslehrer ausdrücklich erklären, für das Judenthum keine Geltung. Allgemein anerkannt und auch in Zeiten der Verfolgung festgehalten ist dee Ausspruch des Talmuds: „Die Frommen aller Völker sind der ewigen Seligkeit theilhaftig" (Tosefta sanhedrin 13, 2). Die Sittenlehre des Judenthums erkennt keinen Ausspruch und keine Anschauung an, die dem Nichtjuden gegenüber etwas erlaubt, was dem Juden gegenüber verboten ist. Die Sittenlehre des Judenthums, die seinen Bekennern heilig ist, die in den Schulen gelehrt und von den Kanzeln verkündet wird, gebietet: In jedem Menschen das Ebenbild Gottes zu achten, in Handel und Wandel strengste Wahrhaftigkeit gegen Jedermann zu bethätigen, jedes Gelübde und Versprechen, welches irgend einem Menschen, sei er Jude oder Nichtjude geleistet wurde, als unauflöslich und unverbrüchlich treu zu erfüllen. Nächstenliebe gegen Jedermann ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens zu üben, die Gesetze des Vaterlandes in treuer Hingebung zu befolgen, das Wohl des Vaterlandes mit allen Kräften zu fördern und an der geistigen und sittlichen Vervollkommnung der Menschheit mitzuarbeiten." *) Wegen seines Jrrthums, daß die Juden »üium generis Immaui schon zur Römerzeit genannt seien, ist Herrn Stöcker in der Presse heimgeleuchtet worden, es ist ihm nachgewiesen worden, daß Tacitus diesen Ausspruch auf die Christen anwendete. Es wurde von der Ehrenhaftigkeit des Herrn Stöcker eine Richtigstellung erhofft, die aber bis jetzt noch nicht erfolgt ist. Daß Herr Stöcker zu leugnen wagt, daß der Antisemitismus über große Mittel verfügt, das ist doch seltsam. Der antisemitische Bauernbund hat 20 Wanderredner, das antisemitische Bureau hat Millionen von Flugblättern verbreiten lassen. Ich kenne keine Drganisation, die so mächtig arbeitet. Die Autorität Esters ist nicht weit her, er hat sich sein Gutachten von 'Aron Briemann machen lassen. Derselbe war zuerst Jude, dann Protestant und Katholik. Dr. Briemann ist wegen Urknndensälschung zur Kerkerstrafe verurtheilt worden. Abg. v. Wackerbarth ikons.) weist darauf hin, daß die Regierung darauf verzichtet, bei jüdischen Schülern bei der Reifeprüfung den 'Nachweis der religiösen Bildung zu verlang», während dies bei christlichen Schülern verlangt wird. Wenn die Regierung keinen Werth darauf legt, daß die Inden bei ihrem Eintritt in den Staatsdienst ihre sittliche und religiöse Reife darlegen, um so mehr Werth müssen wir darauf legen, daß im Staatsdienst nur Christen obrigkeitliche Stellungen eiunehmen. Was Herr Rickert vorgebracht, war mir unbekannt. Die Juden haben ihren Talmud lange geheim gehalten. Es wird ganz gut sein, wenn die Juden hierüber etwas mehr au die Oeffentlichkeit bringen. Daß der Talmud gelehrt wird, beweist die Bezeichnung der Schulen danach. (?Red. d. Jsr.) Die Juden selbst scheinen auch über den Inhalt des Talmud verschiedener Meinung zu sein, wie der Srreit zwischen den jüdischen Blättern beweist. Abg. Dasbach lCentr.): Herr Rickert hat behauptet, Dr. Ecker, der als Gutachter in dem Judenspiegelprozeß *) Diese Erklärung wurde von allen größeren polstischen Zeitungen, judenfreundlichen, wie antisemitischen, vorerst ohne jedes Kommentar zum Abdruck gebracht. Nur die Berliner Volkszeitnng, die, wie gewöhnlich, „schnell fertig mit dem Wort ist", hält die Erklärung eher für schädlich wie nützlich, auf jeden Fall für überflüssig, da der Antisemitismus seinem innersten Wesen nach nicht religiöser, sondern politischer Natur sei.