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Der Israelit · 1893-02-16 · Heft 14 (16.2.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 14 (16.2.1893)
Date
1893-02-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage M M 14 des „Israelit". Leitender Artikel. Die neueste Iuden-Deöalte im preußischen Abgeordnetenhause. Berlin, 13. Febr. Abg. v. Wackerbarth (kons.): Bei der vorjährigen Etatberathung habe ich an die Regierung die Frage gerichtet, ob die Schulaufsicht sich auch auf den jüdischen Religionsunterricht bezieht. Eine Antwort ist darauf noch nicht ertheilt worden. Daß jedes Kind Religionsunterricht erhalten soll, ist eben vom Minister ausgeführt worden. Das scheint aber bei den Israeliten nicht der Fall zu sein, denn ein Bund der Israeliten hat über die mangelhaften Religionskenntniste der jüdischen Kinder geklagt und über 800 jüdische Gemeinden besitzen keine Persönlichkeit, welche im Stande ist, den Religionsunterricht zu ertheilen. Wie ist dieser Zustand mit den Ausführungen des Ministers in Einklang zu bringen? Kultusminister Bosse: Die Antwort darauf ist sehr einfach. Wenn jüdische Eltern nicht in der Lage sind, ihren Kindern Religionsunterricht in einer jüdischen Schule erlheilen zu lasten, so werden sie für einen Ersatz zu sorgen haben. Wenn Eltern Nachweisen, daß ihre Kinder jüdischen Religionsunterricht erhalten, so genügt das, um die Kinder vom Religionsunterricht in der Schule zu dispensiren. Der jüdische Religionsunterricht untersteht ebenfalls der Schulaufsicht des Staates. Auf Beschwerden in der Presse, daß in jüdischen Religionsbüchern höchst anstößige Stellen vorkämen, habe ich allerdings veranlaßt, daß die jüdischen Religionsbücher durchgesehen werden. Die Berichte darüber sind erst zum kleinen Theil eingegangen; ich kann also noch keine Auskunft geben, ob jene Beschwerde begründet ist. Ich glaube aber kaum, daß dabei viel herauskommen wird, denn die jüdischen Lehrer müssen sich doch selbst sagen, daß man auf solche Stellen Acht haben würde, und werden daher dergleichen nicht in die Religonsbücher aufnehmen. Abg. Ricker t. Die jüdischen Religionsbücher zu prüffen, ist die Regierung aufgefordert worden und zwar von der „Kreuzzeitung". Es sollte untersucht werden, ob diese Bücher die christlichen Lehren^und Gebräuche verspotten, das christliche Eheleben als thierisches Zusammenleben bezeichnen, die Uebervortheilung der Christen gutheißen und die Ablegung eines falschen Eides vor christlichen Gerichten als erlaubt bezeichnen. Wenn der Minister auf Grund einer solchen Anklage leine staatliche Untersuchung anstellt, dann ist es nicht gerechtfertigt, ^daß die jüdischen Mitbürger unter dem Druck dieser Anklage Monate lang warten müssen auf eine Rechtfertigung. Wenn so schmachvolle Flugblätter, wie das von Hobrecht angeführte, ungestraft verbreitet werden, wenn die Unterrichtsverwaltunghncht einschreitet gegen solche Lehren, deren Vorkommen behauptet wird, wie kann der Minister sich mit einer solchen kurzen Erklärung benuhigen. Ich wünsche, daß der Minister sich wenigstens herbeiläßt, einen Theil der Untersuchung bekannt zu geben. Der Minster meint, es würde bei der Sache nicht viel herauskommen. Wir haben solche Religionsbücher eingefordert aus allen Theilen Deutschlands. Die Lehrer haben erklärt, daß in den Religionsbüchern nichts enthalten sei, als was auch in der christlichen Moral enthalten sei. Die „Kreuzzeitung" mochte doch wohl annehmen, daß das deutsche Volk noch nicht antisemitisch genug durchseucht ist, um solche Anklagen zu glauben. Sie brachte später einen Artikel von einem Kreisschulinspektor, welcher ausführte, daß man auf Grund der gedruckten Bücher den Juden kaum etwas anhaben könnte, dieselben enthielten die trefflichsten Grundsätze. ES wird aber darauf hingewiesen, daß eS neben der geschriebenen eine ungeschriebene Ethik geben könnte. Der Minister hat diese Denunziation doch etwas zu harmlos aufgesaßt. Früher war er anderer Meinung. Als im Reichstage einmal eine antisemitische Petition die Untersuchung der Religionsbücher der Juden von Reichswegen verlangte, da erklärte der Vertreter des Reichsjustizamts, deffen Leiter damals Herr Bosse noch war, daß die Petenten sich wohl einen schlechten Witz mit dem Reichstage gemacht. Minister Bosse: Es war in einem angesehenen Organ die Behauptung aufgestellt und verbreitet, daß in den jüdischen Religionsbüchern christenfeindliche und unmoralische Lehrsätze enthalten sind. Die Unterrichtsverwaltung mußte daraus die Aufgabe und die Pflicht entnehmen, den Ungrund dieses Vorwurfs durch Einsicht der Lehrbücher festzustellen. Das habe ich gethan. Die Bücher sind eingefordert und auch eingegangen nicht theilweise, sondern anscheinend ^ämmtlich. Wir haben sie an einen besonders sachverständigen Schulaufsichtsbeamten mit dem Auftrag gegeben, sie zu studiren und uns das Resultat seiner Arbeit vorzulegen. Das mußten wir thun, weil unter den Büchern auch hebräische enthalten sind. Es ist begreiflich, daß diese Sache nicht so rasch geht. Ich habe kein Bedenken, zu erklären, daß, sobald das Resultat dieser Prüfung vorliegt, ich es hier im Hause oder sonstwo veröffentlichen werde. Abg. v. Stöcker: Die Antwort des Ministers in Bezug auf den jüdischen Religionsunterricht hat auch mich nicht ganz befriedigt. Wenn in 800 Gemeinden kein jüdischer Religionsunterricht gegeben wird, so glaube ich, daß die Schulverwaltung von Aufsichtswegen die Pflicht hat, sich darum zu kümmern. Wenn die Juden auch damit zufrieden sind, so fühlt das deutsche Volk davon sich doch durchaus nicht befriedigt. Ebenso dringend wie bei diffidenten Kindern müßte die Regierung einmal die Frage untersuchen, wieviel Kinder jüdischer Eltern entbehren jedes Religionsunterrichtes? Auch ich wünsche, daß Klarheit darüber geschaffen wird, ob in den religiösen Unterrichtsbüchern der Juden Unsittlichkeiten enthalten sind. Ich freue mich, daß die Regierung diese Sache untersuchen läßt. Auf jeden Angriff gegen die jüdische Religion kann die Regierung doch nicht eingehen, oder soll sie auch auf jeden Angriff gegen das Christenthum eingehen, welcher in der jüdischen Presse steht? Ueber den Talmud hat der Sachverständige Ecker sein Gutachten abgegeben. Daß in den 100 Sätzen des Judenspiegel sehr viel Unsittliches enthalten ist, (Zurufe Strack) darüber hätte Herr Rickert sich erst unterrichten sollen. Es wird ja über die ungeheueren Geldmittel geklagt, die der Antisemitismus zur Verfügung habe und die den Juden fehlen, aber daß ein ausgewachsener Mensch solche Dinge glaubt, könnte ich doch nicht annehmen; vielleicht wäre es bester, wenn Rickert seine Judenschutztruppe umwandelte in einen Verein gegen Verarmung und Bettelei, er kommt dann vielleicht bester zu seinem Ziele. (Heiterkeit rechts.) Abg. Rickert (freis.) Die Erklärung des Ministers über die Prü'ung der jüdischen Religionsbücher gereicht seinem Charakter und seiner Gesinnungsweise zur Ehre. Ich bitte ihn aber, das Ergebniß der Untersuchungen seiner Zeit amtlich zur Kenntniß des Landes zu bringen. (Der Minister nickt). Der Minister bestätigt mir das, ich bin zufrieden. Gegen die ohne thatsächlichen Hintergrund in letzter Zeit wiederholt in Deutschland verbreiteten Verdächtigungen und Verleumdungen der Sittenlehre des Judenthums haben die sämmtlichen Rabbiner Deutschlands eine Erklärung*) erlaffen, *) Die Erklärung trägt 216 Unterschriften. Red.

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