Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 14 (16.2.1893)
- Date
- 1893-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448330--35768-2483768- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
252 Die von demselben hochherzigen Wohlthäter begründete Stiftung zur Beförderung des Handwerks unter den Juden für die Gemeinde Posen und Jarotschin, wozu er den Betrag von 220,000 Mark bestimmt hat, ist bereits ins Leben getreten. Vor einigen Wochen hat einer der hochgeachtesten Mitglieder unserer Gemeinde, Joachim Bendix sein siebzigstes Lebensjahr zurückgelegt. Da Herr Bendix, der streng religiösen Richtung angehörend, sich der allgemeinen Liebe und Achtung erfreut, auch viele Jahre hindurch dem Vorstände der neuen Betschule angehört hat, so wurden ihm von seinen zahlreichen Freunden und Bekannten die aufrichtigsten Glückwünsche dargebracht und sein Geburtstag gestaltete sich ihm und seiner Familie zu einem wahren Festtage. Mögen sämmtliche ihm gespendeten Glückwünsche in Erfüllung gehen und der verehrte Jubelgreis noch recht lange an der Seite seiner ihm gleichgesinnten Gattin sich eines glücklichen Alters erfreuen. Hamburg, 12. Februar. In der Freitagssitzung des Reichstages bei der Debatte über die Sonntagsruhe hatte Abg. Stöcker Gelegenheit, sein Lieblingsthema zur Sprache zu bringen, indem er sich veränderungshalber diesmal über die frommen Juden beklagte, die selbst am Sonnabend geschlossen haben und ihren christlichen Gehilfen an diesen Tagen frei geben, dann aber verlangen, daß dieselben am Sonntage arbeiten. Die Thatsache an sich dürste wohl zutreffen, doch stehen unsere jüdischen Geschäftsinhaber darin nicht hinter den tausenden christlichen Geschäftsinhabern zurück, die von ihren Leuten verlangen, daß dieselben, Sonnabend und Sonntag arbeiten, was auch der Abg. Vollmar sofort seinem Vorredner entgegenhielt. Denn es ist doch nicht anzunehmen, daß Abg. Stöcker bei den leider so wenigen jüd. Geschäften, die wirklich noch Sonnabend schließen, die Erfahrung gemacht haben sollte, daß dieselben ihre jungen Leute zu einer außergesetzlichen Zeit zur Thätigkeit angehalten hätten, das wäre sicher schon längst an die Oeffentlichkeit gedrungen. Wenn auch so der Zweck des Abg. Stöcker nur der gewesen sein konnte, die Judenfrage aufs Tapet zu bringen, so sollten unserer Meinung nach, die Angegriffenen, d. h. sämmtliche Juden, denen noch an der Heilighaltung der Feiertage etwas gelegen ist, aus dieser Debatte die Lehre ziehen, resp. das Bestreben haben, den Judenfeinden jede Gelegenheit zu einer ferneren derartigen Klage zu nehmen. Das geschieht in einfachster Weise dadurch, daß sämmtliche Geschäftsinhaber, die selbst Sonnabends u. s. w. geschlossen haben, nur Juden in ihren Geschäften engagiren und nach Möglichkeit nur solche, denen ebenfalls an der Heilighaltung der Feiertage gelegen ist; solche junge Leute werden sich sicher nicht beklagen, wenn sie nach dreitägiger Pause am 4. Tage 5 Stunden arbeiten müssen. Damit wäre dann auch gleichzeitig eine bedeutende Förderung der Ziele verbunden, denen die verschiedenen jüdischen Stellenvermittlungsvereine z. B. der hiesige Verein, der -low - Verein in Breslau, die freie Vereinigung in Frankfurt a. M. in selbstloser Weise sich widmen. Es ist eine alte Klage, die in den Jahresberichten sich öfters wiederholt, daß trotz vieler Bemühungen die Erfolge der Vereine nicht mit den Erwartungen gleichen Schritt halten, da die Gleichgiltigkeit vieler Geschäftsinhaber, welche selbst die Feiertage mit der größten Gewissenhaftigkeit halten, der religiösen Achtung ihres Personals zu wenig Aufmerksamkeit zuwenden läßt. Nun wohl! laßt uns von den Angriffen unserer Feinde lernen! Prinzipale, die ihr selbst Sonnabends geschlossen habt, engagirt nur jüdisches Personal, dem ebenfalls an der Heilighaltung der Feiertage gelegen ist, und welches sich stets in großer Anzahl bei den genannten Vereinen vorfindet, damit habt ihr am sichersten die Angriffe in diesem Punkte wenigstens unmöglich gemacht und gleichzeitig der jüdischen Sache einen wesentlichen Dienst geleistet! M. I. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Die österreichische Regierung hat endlich ihr Programm veröffentlicht. In demselben ist ein Punkt, welcher für die österreichischen Juden von besonderer Wichtigkeit ist. Er lautet: Unser staatliches Leben erheischt jedoch nicht bloß die thunlichste Vermeidung nationaler Streitpunkte, sondern auch ein friedliches Verhältniß der einzelnen Confessionen, Gesellschaftsklassen und Slaatsbürger untereinander. Die Regierung wird daher religiöse Ueberzeugungen stets achten und schützen und Verhetzungen jeder Art mit Entschiedenheit entgegenzutreten wissen. England. London, l l. Februar. Bei der Adreßdebatte im Unterhause beantragte James Lowther ein Amendement in Betreff des Gesetzes zur Beschränkung d^r Einwanderung mittelloser Ausländer. Der Antragsteller behauptete, daß die von Amerika zurückgewiesenen Arbeiter in Liverpool landeten und in England blieben. Die Cholera habe die sanitäre Nothwendigkeit des Gesetzes erwiesen. London, 11. Februar. Im weiteren Verlaufe der Sitzung bekämpfte Gladstone das Amendement Lowther und führte aus: Der vorjährige Unter-